Seite 4: „Fünf Stunden vor dem WM-Finale hatte Ronaldo einen Anfall“

Hätten Sie jemals damit gerechnet, dass aus­ge­rechnet Oliver Kahn in jenem End­spiel ein sol­cher Fehler unter­laufen würde?
Oliver Kahn ist ein fan­tas­ti­scher Tor­wart, und in diesem Tur­nier war er über­ra­gend. Er hat prak­tisch keine Fehler gemacht! Aber bei einem Keeper ist es eben so: Schon ein kleiner Fehler kann schwere Kon­se­quenzen haben. Wir waren damals die Nutz­nießer. Ich denke nicht, dass man Kahn dafür einen Vor­wurf machen sollte.

Haben Sie Kahn ihn Ihrer Funk­tion als Kapitän nach dem Spiel getröstet?
Da gibt es nicht viel zu trösten. Man klatscht kurz mit­ein­ander ab und lässt sich dann in Ruhe. Nach so großen Nie­der­lagen braucht man kein Mit­leid, da will man ein­fach in Ruhe gelassen werden.

1998 ver­loren Sie das Finale mit 0:3 gegen Frank­reich – auch, weil Super­star Ronaldo in dieser Partie völlig neben sich stand. Was ist damals wirk­lich vor dem Anpfiff pas­siert?
Fünf Stunden vor Spiel­be­ginn hatte Ronaldo einen Anfall in seinem Zimmer unseres Team­ho­tels. Er wurde ins Kran­ken­haus gefahren, und ich war mir sicher, dass wir ihn an diesem Tag nicht mehr wie­der­sehen würden. Aber dann tauchte er kurz vor dem Anpfiff in der Kabine auf, in der Hand ein ärzt­li­ches Attest, das bestä­tigen sollte, dass er ein­satz­be­reit sei.

Hätte man ihn Ihrer Mei­nung nach nicht draußen lassen sollen?
Wenn Ronaldo vor einem steht, spielen will und der Arzt sagt, dass es keine Bedenken gibt, dann spielt Ronaldo auch. Nachher ist man immer schlauer.

Sie haben mit und gegen die besten Fuß­baller der ver­gan­genen drei Jahr­zehnte gespielt. Welche deut­schen Spieler sind Ihnen beson­ders in Erin­ne­rung geblieben?
Miroslav Klose und Philipp Lahm. Lahm ist ein kom­pletter Fuß­baller, auf erstaun­lich vielen Posi­tionen ein­setzbar und bei­nahe schon unheim­lich feh­ler­frei in seinem Spiel. Lahm ist für mich einer der besten Mann­schafts­spieler der Welt: Er sorgt mit seinem Spiel dafür, dass seine Kol­legen besser dastehen, solche Fuß­baller fand ich schon immer groß­artig. Tja, und Klose? Was soll ich da sagen: Er hat Ronaldo als besten Tor­jäger der WM-Geschichte abge­löst. Außerdem hat er mich im Finale 2002 an den Rand des Wahn­sinns getrieben.

Was hat er getan?
Er ist einer dieser Stürmer, die Abwehr­spieler ver­zwei­feln lassen. Der immer in jeden Zwei­kampf geht, keinen Ball ver­loren gibt und auf dem Platz alles für den
Erfolg tut. Und selbst­ver­ständ­lich viele Tore erzielt – wenn auch nicht gegen uns damals. Diesen Typ Angreifer will jede Mann­schaft der Welt in ihren Reihen haben.

Das vor­erst letzte Duell zwi­schen Bra­si­lien und Deutsch­land endete weitaus unan­ge­nehmer für Ihr Land. Wo haben Sie das legen­däre 1:7 im WM-Halb­fi­nale ver­folgt?
Natür­lich im Sta­dion. Ich war wie alle anderen fas­sungslos und konnte nicht glauben, was da unten auf dem Rasen pas­sierte. Ich sage Ihnen: So ein Spiel wird es in 100 Jahren nicht noch einmal geben. Und wenn, dann möchte ich bitte nicht dabei sein. (Lacht.)

Konnten Sie Ihren Nach­fol­gern in der Seleçao wenigs­tens nach der Partie Trost spenden?
Das hätte ich gerne gemacht. Aber kaum stand ich in der Kabine, um die Jungs zu umarmen, tauchte unser Ver­bands­prä­si­dent auf und for­derte mich auf zu gehen?

Warum?
Er sagte: Fremde haben hier nichts ver­loren.“ Ich ant­wor­tete ihm: Mein Name ist Cafu. Ich habe 142 Län­der­spiele für Bra­si­lien gemacht und zwei Welt­meis­ter­schaften für dieses Land gewonnen.“ Da durfte ich bleiben.