Chris­toph Schuch, Ihre bis­he­rigen Filme hatten teil­weise sehr skur­rile Themen. Wie kommt man danach auf Fuß­ball?
Mich hat schon immer begeis­tert, wenn Leute ihr eigenes Ding machen. Das ver­bindet auch meine Filme. Ob das nun fin­ni­sche Self­made-Künstler sind oder Leute, die sich mit Schmet­ter­lingen beschäf­tigen. Da passt der FC United of Man­chester ganz gut dazu. Der Verein ist schließ­lich als Gras­wur­zel­pro­jekt auch weit weg vom Main­stream. Wie man gerade sieht, zählt im Fuß­ball viel zu oft nur noch das Geld. Jetzt gibt es aber die Fans vom FC United, die sagen: Wir machen da nicht mehr mit. Wir ver­su­chen die Deu­tungs­ho­heit über unser eigenes Leben zurück zu bekommen.“ Das hat mich sehr fas­zi­niert.

Unter anderem haben Sie auch einen Film über deut­sche Punk-Urge­steine wie Toco­tronic und Ton Steine Scherben gedreht. Der Blog des FC United of Man­chester nennt sich Punk Foot­ball“. Was haben Punk und Fuß­ball mit­ein­ander zu tun?
Ers­tens natür­lich die Musik: In der Fan­kurve werden viele Punk­klas­siker wie die Sex-Pis­tols oder die Pogues zu Fan­ge­sängen umge­dichtet. Zwei­tens ist da auch eine große Por­tion Rebel­lion gegen die bestehenden Ver­hält­nisse dabei. Und drit­tens der soziale Aspekt. Man inter­es­siert sich nicht nur für sich selbst.

Son­dern?
Die Mit­glieder besu­chen zum Bei­spiel Men­schen in Obdach­lo­sen­heimen. Dann wird auch intensiv ver­sucht, sozial Benach­tei­ligte in die Ver­eins­ar­beit ein­zu­binden. Sie bekommen eine Auf­gabe und auch Ver­ant­wor­tung über­tragen. Obwohl das eigent­lich vor allem eine Sache der Arbei­ter­klasse ist, enga­giert sich auch der eine oder andere Anwalt oder Manager. Die haben dann auch mal grö­ßere Beträge für das Sta­dion gespendet.

Das Sta­dion, der Broad­hurst Park wurde jetzt am 29. Mai ein­ge­weiht. Was war das für eine Atmo­sphäre?
Ja genau. Iro­ni­scher­weise war das der gleiche Abend, an dem auch Sepp Blatter wie­der­ge­wählt wurde. Man hat gemerkt, was für eine rie­sige Bedeu­tung das eigene Sta­dion für die Fans hat. Da wurde seit zehn Jahren in Eigen­regie darauf hin­ge­ar­beitet. Jeder im Verein hat seinen Teil bei­getragen. Bei der Eröff­nung hat dann der Vor­stand Andy Walsh gesagt: Das ist euer Sta­dion. Das habt ihr mög­lich gemacht.“ Ein unbe­schreib­li­ches Gän­se­haut­ge­fühl.

Neben Andy Walsh haben Sie wäh­rend der Dreh­ar­beiten auch ver­schie­dene Unter­stützer des Ver­eins getroffen. Was für Men­schen sind Ihnen dabei begegnet?
Zunächst ver­bindet sie alle eine große Begeis­te­rung für den Fuß­ball. Wir waren auch begeis­tert von der Freund­lich­keit und Hilfs­be­reit­schaft der Mit­glieder, unter denen trotzdem viele ker­nige Typen sind. Begleitet haben wir wirk­lich die unter­schied­lichsten Leute. Ange­fangen beim acht­jäh­rigen Ball­jungen, der auch noch Fan von Man­chester United ist. Bewe­gend ist auch die Geschichte von einem blinden Mann, der regel­mäßig ins Sta­dion geht. Der ist ein­fach nur da um die ein­ma­lige Atmo­sphäre zu spüren. Oder die Gruppe Gärtner und Imker, die den Verein zum bie­nen­freund­lichsten der Welt machen will. Die alle werden im Film zu Wort kommen. Und die alle haben auch eine Stimme im Verein.

Inner­halb kür­zester Zeit wurden gerade mit der Eröff­nung des eigenen Sta­dions und dem Auf­stieg in die sechste eng­li­sche Liga gleich zwei große Ziele ver­wirk­licht. Wie ist jetzt die Stim­mung im Verein?
Die schweben gerade auf Wolke Sieben. Der Auf­stieg ist natür­lich ein großer Erfolg. Trotzdem wollen viele gar nicht unbe­dingt nach ganz oben. Dann müsste man wieder einige Kom­pro­misse ein­gehen.

Zum Bei­spiel?
Das fängt schon bei der Anstoß­zeit an. Die Fans wollen ihre gewohnte Anstoß­zeit am Samstag um 15 Uhr. Auch die ganze Ver­mark­tung in den oberen Ligen ent­spricht natür­lich nicht ihrer Phi­lo­so­phie. Des­wegen wurde der Verein ja über­haupt erst gegründet. Daher ist es vor allem wichtig, authen­tisch zu bleiben.

Also ist das Sta­dion der wich­ti­gere Mei­len­stein?
Ja, absolut. Und auf dieses Sta­dion kann man mit Recht stolz sein. Ich bin seit 20 Jahren Regis­seur und hatte schon Dreh­orte auf allen Kon­ti­nenten. Aber kaum einer war so genial wie die Steh­tri­büne des Broad­hurst Park bei der Eröff­nung.

Was macht das Sta­dion als Drehort denn so beson­ders?
Diese Atmo­sphäre hab ich nir­gendwo anders so erlebt. Obwohl ich ja selbst bei Mainz 05 regel­mäßig in der Kurve stehe. Die außer­ge­wöhn­li­chen Lieder, der Zusam­men­halt, der Stolz, das Klas­sen­be­wusst­sein, diese Dinge sind ein­malig beim FC United. Das ist eine ganz andere Dynamik als bei gewöhn­li­chen Ver­einen. Die Fans des FC United ver­bindet nicht nur, dass sie zufällig aus der glei­chen Stadt kommen. Sie haben ein gemein­sames Ziel, eine gemein­same Welt­an­schauung. Des­wegen war die Eröff­nung wie eine große Party und eine Demons­tra­tion in einem. Sie sind dabei, sich ihren Sport zurück zu holen.