Man kann nicht gerade sagen, dass die Bun­des­liga den Atem anhielt, als der 1. FC Nürn­berg im letzten Jahr bekannt gab, dass der Tscheche Tomás Galásek kommen würde. Bes­ten­falls schien der frän­ki­sche Bun­des­li­gist aus geo­gra­phi­schen Gründen irgendwie pas­send, weil es der inzwi­schen 34-Jäh­rige von dort aus nicht weit in seine tsche­chi­sche Heimat haben würde. Doch weder die sport­li­chen Ein­schät­zungen noch die bio­gra­phi­schen Annahmen waren richtig.

Wenn Galásek seine Kar­riere vor­aus­sicht­lich im über­nächsten Sommer beendet, wird er näm­lich zurück nach Hol­land gehen. Dort ist sein Lebens­mit­tel­punkt, seit er in den letzten vier Spiel­zeiten bei Ajax Ams­terdam unter Ver­trag stand und in den vor­an­ge­gan­genen sechs Jahren zu der Mann­schaft von Willem II Til­burg gehörte, die es über­ra­schen­der­weise sogar bis in die Cham­pions League schaffte.

Ob in seiner Natio­nalelf, in der hol­län­di­schen Ehren­di­vi­sion oder jetzt in der Bun­des­liga – Galá­seks Fähig­keiten sind oft über­sehen worden. Wenn man sich gerade fragt, was er wäh­rend des Spiels eigent­lich gemacht hat, ist es auch schon vorbei. So werden wahr­schein­lich noch nicht einmal alle Fans des 1. FC Nürn­berg gemerkt haben, dass der unsicht­bare Spieler in dieser Saison der Most Valu­able Player“ ihrer Mann­schaft ist. Galásek ist des­halb so beson­ders wert­voll, weil er bei seiner Mann­schaft gleich meh­rere Jobs auf einmal erle­digt.

Der letzte Libero

Nomi­nell spielt er als defen­siver Mit­tel­feld­spieler vor der Abwehr. Der lang­jäh­rige Kapitän der tsche­chi­schen Natio­nal­mann­schaft ist ein klas­si­scher Sechser, und um daran keine Zweifel auf­kommen zu lassen, trägt er die 6 auf seinem Trikot. Doch auf dieser Posi­tion ist Galásek mehr als nur Bal­ler­oberer, Ball­schlepper und Arbeits­biene, er ist der Anführer des Nürn­berger Defen­siv­spiels. Man kann in seinem Spiel sogar Züge dessen wie­der­erkennen, was früher einen guten Libero aus­machte, denn Galásek lenkt seine Mit­spieler und bügelt ihre Fehler aus. Wenn der Druck des Geg­ners sehr groß wird, schiebt er sich manchmal sogar in die letzte Reihe zurück, um etwaige Löcher zu stopfen. Auf­grund seiner Erfah­rung ist er zugleich die starke Schulter, an der sich seine Kol­legen anlehnen können. Wer schon einmal Fuß­ball gespielt hat, der weiß, welche enorme Hilfe es sein kann, einen sol­chen Spieler in der Mann­schaft zu haben. Denn es schont die Nerven unge­mein, die Ver­ant­wor­tung zwi­schen­durch abgeben zu können. In anderer Hin­sicht erin­nert Galásek eben­falls an den Libero von einst und füllt damit teil­weise die Lücke im Nürn­berger Spiel aus, wo es an einem Krea­tiven im offen­siven Mit­tel­feld man­gelt. Zwar ist Galásek nur in wenigen Situa­tionen der Pass­geber zu Tor­schüssen, aber oft ist er mit seinem durch und durch ver­nünf­tigen Spiel und seinen nie kom­pli­zierten Bällen aus der Tiefe der Initiator des Nürn­berger Spiels.

Jede dieser Aktionen steht im Dienst der Sache, und nichts davon ist irgendwie spek­ta­kulär. Doch genau das macht Galásek zu einem Trai­ner­spieler, also zu einem, von dem jeder Trainer träumt, weil er Ver­ant­wor­tung über­nimmt und sich wie ein Coach auf dem Platz ver­hält. Galásek ist aber auch einer, den seine Kol­legen zutiefst respek­tieren, weil seine Aktionen immer dafür sorgen, dass sie auf dem Platz besser aus­sehen. Und so wird es in Nürn­berg ein trau­riger Tag sein, an dem Galá­seks Kar­riere zu Ende geht. Selbst wenn das anderswo kaum regis­triert wird.