Der 14. August 1948 ist ein heißer Som­mertag. Robert Schlienz sitzt im Auto und hat es eilig. Der Kapitän des VfB Stutt­gart ist zu spät zum Mann­schafts­treff­punkt gekommen, nun fährt er auf holp­rigen Straßen zum Pokal­spiel nach Aalen hin­terher. Um die Hitze ein wenig erträg­li­cher zu machen, lehnt er den linken Arm zum Fenster hinaus. Plötz­lich rum­pelt der Wagen bei voller Fahrt in ein Schlag­loch, über­schlägt sich und zer­schmet­tert den Arm. Zwei Stunden später ent­scheiden sich die Ärzte für eine Ampu­ta­tion und die Kar­riere eines großen Fuß­bal­lers scheint jäh beendet worden zu sein. 

So pro­phe­zeien es jeden­falls die Jour­na­listen, ver­muten es die Ärzte. Nie­mand ahnt, dass zehn Jahre später der große Alfredo di Ste­fano nach einem Gast­spiel des VfB bei der spa­ni­schen Natio­nalelf sagen wird: Der beste Mann auf dem Platz war der Ein­ar­mige. Was ich von dem gesehen habe, war für mich bis jetzt unvor­stellbar.“ Kurz nach dem Unfall glaubt jedoch auch Robert Schlienz nicht an die Fort­set­zung seiner Kar­riere. Wie soll sich ein Ein­ar­miger im Kampf­sport Fuß­ball durch­setzen können? Wie soll er fallen, wie das Gleich­ge­wicht halten? Es ist Georg Wurzer, der Stutt­garter Trainer, der Schlienz aus den trüben Gedanken reißt. Künftig, so beschließt es Wurzer, soll Schlienz den Nah­kampf im Straf­raum meiden und als Außen­läufer das Spiel machen.

Ohne Schlienz wäre der VfB nie Deut­scher Meister geworden“

Es dauert keine vier Monate, dann geschieht das, was keiner für mög­lich hielt. Gegen den FC Bayern Mün­chen steht Robert Schlienz wieder auf dem Platz, das Trikot um den Arm­stumpf herum ist hoch­ge­bunden. Wer glaubt, hier könne ein Ver­sehrter nicht von seiner Lei­den­schaft lassen, wird spä­tes­tens am 22. Juni 1952 eines Bes­seren belehrt. Im Lud­wigs­ha­fener Süd­west­sta­dion drän­geln sich 86000 begeis­terte Zuschauer beim End­spiel um die Deut­sche Meis­ter­schaft, der VfB liegt gegen den 1.FC Saar­brü­cken 0:1 zurück. Außen­läufer Schlienz gibt die Initi­al­zün­dung, nimmt eine Ecke von links volley und drischt die Kugel ins Kreuzeck. Und damit nicht genug, Schlienz ist an diesem Tag überall. Er hilft in der Defen­sive, diri­giert das Mit­tel­feld, setzt die Stürmer ein. Nach dem Spiel urteilt das Sport-Magazin“: Ohne Schlienz wäre der VfB nie Deut­scher Meister geworden.“ Denn am Ende siegen die Rot-Weißen mit 3:2, Schlienz und seine Kame­raden fahren im offenen Wagen nach Stutt­gart zurück.

Es ist der Tri­umph eines Fuß­bal­lers, der schon früh zu Großem berufen schien. 1924 in Zuffen­hausen geboren, wird er beim ört­li­chen FV von seinem Vater Paul trai­niert. Mit 16 Jahren hilft er bereits in der 1. Mann­schaft aus und wird mit der A‑Jugend 1942 würt­tem­ber­gi­scher Jugend­meister, mit der sagen­haften Tor­dif­fe­renz von 371:45 nach 79 Spielen in zwei Jahren. 

Dann aber ist Schlienz alt genug für den Krieg, er wird an die Ost­front abkom­man­diert. Dort schießt ihm eine rus­si­sche Gewehr­kugel den Kiefer kaputt, eine Narbe im Gesicht bleibt zeit­le­bens.

1945, der Krieg ist kaum vorbei, holt ihn Wurzer nach Stutt­gart, der VfB wird noch in der glei­chen Saison Süd­deut­scher Meister. Schlienz hat in 30 Spielen 45 Tore geschossen. Ein Rekord, der nie gefährdet sein wird“, schreibt der Autor Hans Bli­ckens­dörfer in seinem Nekrolog, als Schlienz 1995 stirbt. Und er fährt fort: Robert Schlienz ist die aller­höchste Stufe von dem gewesen, was die Eng­länder ›Match­winner‹ und die Fran­zosen ›Gagneur‹ nennen.“ In der Tat, dieser Mann gewann Spiele. Er war dabei kein Fein­geist, der kör­perlos durch die Abwehr­reihen glitt, son­dern ein Kämpfer und Antreiber. Wenn du beim Schlienz nicht mar­schiert bist“, sagt sein Mit­spieler Lothar Weise, dann ist er über den Platz gerannt und hat dir in den Hin­tern getreten.“ Weise war Schlienz nah wie kaum ein anderer, half ihm nach dem Duschen beim Anlegen der Kunst­hand­man­schette und beim Ankleiden. Er sagt: Auf dem Platz war Robert ein Dreck­sack, aber nach dem Spiel war er mein bester Freund.“ Ins­ge­samt schießt Schlienz in 391 Ober­liga-Spielen 143 Tore, wird mit dem VfB noch zweimal Deut­scher Pokal­sieger und trägt dreimal das Natio­nal­trikot. Bun­des­trainer Sepp Her­berger hatte lange gezö­gert, den Ein­ar­migen zu berufen, weil er fürch­tete, Gegner würden sich im Zwei­kampf absicht­lich zurück­nehmen.

Dann, 1959, ist plötz­lich Schluss. Nach dem Spiel gegen eine tsche­chi­sche Elf kommt Trainer Georg Wurzer in die Kabine und sagt zur über­raschten Mann­schaft: Ihr braucht gar nicht auf ihn zu warten. Robert Schlienz wird nicht mehr für uns spielen.“ Über die Gründe rät­selt Lothar Weise noch heute. Abge­schoben zu den Alten Herren, nimmt Schlienz in der Som­mer­pause 1961 leise Abschied, ohne dass ihm die VfB-Füh­rung dazu richtig Gele­gen­heit gibt. Er bleibt den­noch bis zu seinem Tod im Juni 1995 Ver­eins­mit­glied. Kurz darauf benennt der VfB sein Ama­teur-Sta­dion nach Schlienz, ein­ge­denk der Worte von Bli­ckens­dörfer: Wir werden nie mehr einen Robert Schlienz erleben. Aber wir können alle von ihm lernen.“