Seite 3: „Da haben hinten im Bus alle Whisky-Cola gesoffen“

Dieser Ehr­geiz führte Sie 1987 zum 1. FC Köln, als teu­erster Abwehr­spieler der Bun­des­li­ga­ge­schichte. Wer hat das damals ein­ge­fä­delt?
Chris­toph Daum wollte mich unbe­dingt ver­pflichten. Also rief mich Michael Meier an und Köln legte 2,3 Mil­lionen Mark auf den Tisch – obwohl der Verein eigent­lich kaum Geld hatte. Außerdem kamen Fle­ming Povlsen und Thomas Allofs und auf einmal lief es bei uns wie am Schnür­chen. In Mann­heim war ich ein ordent­li­cher Spieler, in Köln war ich plötz­lich richtig gut.

Wes­halb Sie fol­ge­richtig zwei Jahre später bei den Bayern lan­deten. Eine große Umstel­lung?
Als ich von Köln kam, fragte mich Uli Hoeneß: Hast du dich letzte Saison über den zweiten Platz gefreut?“ Ich sagte: Ja, klar. Wir wären kurz davor ja noch fast abge­stiegen.“ Uli wieder: Dann sage ich dir jetzt mal was. Ein zweiter Platz ist in Mün­chen gar nichts.“ In dem Moment hat es bei mir Klick gemacht. Ent­weder man bleibt in Mün­chen auf der Strecke, oder man nimmt diese Men­ta­lität an. Im Nach­hinein bin ich dafür sehr dankbar.

Wie spürbar ist der Druck als Bayern-Spieler?
Du spürst den Druck in erster Linie durch die Medien. Im zweiten Jahr, kurz nach der WM 1990, spielten wir auf Zypern und gewannen mit 3:2. Beide Gegen­tore machte mein direkter Gegen­spieler, ein No Name. Am nächsten Tag titelte die Bild“-Zeitung: Vom Welt­meister zum Wald­meister“.

Sie spielten ohnehin lieber gegen große Namen. Ihr erstes Län­der­spiel machten Sie nach der WM 1986 gegen Däne­mark. Ihr Gegen­spieler war Preben Elk­jaer Larsen, damals Tor­schüt­zen­könig in Ita­lien. Hatten Sie Angst gegen so einen Mann zu spielen?
Ehr­lich gesagt, war es mir kom­plett egal. Franz Becken­bauer waren die Abwehr­spieler aus­ge­gangen, also hat er mich von der U21 zur A‑Mannschaft beor­dert. Ich habe eine Trai­nings­ein­heit mit­ge­macht und stand plötz­lich auf dem Rasen. Ich war in super kör­per­li­cher Ver­fas­sung, Elk­jaer Larsen war müde von einer langen Saison. Der hat im ganzen Spiel nicht einmal aufs Tor geschossen.

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Jürgen Kohler, Fei­er­biest

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Danach gehörten Sie fest zum Team.
Nach dem Spiel kam ich in den Mann­schaftsbus. Vorne waren schon alle Plätze belegt, also musste ich als kleine Micky Maus nach hinten zu den alten Hasen. Klaus Allofs, Toni Schu­ma­cher, diese Kate­gorie. Die nuckelten alle an Plas­tik­fla­schen, ich war auch durstig. Also habe ich gefragt, ob ich auch eine haben könnte. Dann wurde schon gelacht und Adi Kat­zen­meier gab mir eine Fla­sche. Ich trank – und war eini­ger­maßen über­rascht. Da haben hinten im Bus alle Whisky-Cola gesoffen.

Bis zur EM 1988 ging es für Sie steil bergauf.
Und auch im Tur­nier selber lief es bis zum Halb­fi­nale bom­bas­tisch. Aber dann kam eben einer, der besser war als ich.

Haben Sie je mit Marco van Basten über die Szene geredet, in der Sie den ent­schei­denden Zwei­kampf ver­loren?
Nein. Aber als wir nach der EM mit Juventus gegen Milan spielten, wollte er mit mir das Trikot tau­schen. Das hat mich schon ein biss­chen stolz gemacht. Er war der viel­leicht beste Stürmer der Welt. Und dann kommt so ein Star und tauscht mit einem Bau­ern­jungen wie mir das Trikot.

1990 wurde dieser Bau­ern­junge Welt­meister. Im Finale trafen Sie auf Argen­ti­nien um Diego Mara­dona. Wie ver­hält sich so ein Aus­nah­me­könner vor Anpfiff in den Kata­komben?
Der war sen­sa­tio­nell und auch als Mensch groß­artig, kein Stück arro­gant. Direkt vor dem Finale habe ich ihn gar nicht wahr­ge­nommen, aber später spielte ich mal gegen ihn in Neapel. Dort machten wir uns nicht draußen warm, son­dern in einer kleinen Halle im Sta­dion, wo es auch Bas­ket­ball­körbe gab. Und Diego – Schuhe auf, Tochter auf dem Arm – schoss mit dem Fuß auf den Korb. Ich habe mit­ge­zählt: Von zehn Ver­su­chen waren neun drin. So was habe ich nie wieder gesehen.