Seite 2: „Den kannte vor kurzem keiner. Aber der beißt Eisenstangen durch!“

Vorher waren Ihre Mit­spieler nicht aus Sizi­lien, son­dern hießen bei­spiels­weise Markus Münch. Warum ging es von Mün­chen nach Turin?
Im Mai 1991 schoss ich für die Bayern gegen den HSV zwei Tore. Auf der Tri­büne saß Luca di Mon­te­ze­molo von Juve, um Stefan Reuter zu beob­achten. Ein paar Tage später kam Stefan auf mich zu und sagte: Juve will dich auch.“

Damals war Ita­lien finan­ziell eine andere Liga.
Wir trafen uns zu den Ver­hand­lungen und spra­chen über Zahlen. Und ich dachte: Das hört sich gut an. Aber plötz­lich kam raus, dass die ganze Zeit von netto geredet wurde. Ich konnte es nicht fassen. Ich bin also zunächst des Geldes wegen hin. Was für ein groß­ar­tiger Klub Juve eigent­lich ist, habe ich erst später gemerkt.

Ihren Markt­wert mussten Sie sich hart erkämpfen. Aber gab es auch Momente, in denen Sie richtig Schwein hatten?
In einem meiner ersten Spiele für Waldhof Mann­heim. Wir spielten in Lever­kusen, bei uns waren viele ver­letzt, es ging gegen den Abstieg. Ich spielte mit 18 Jahren 90 Minuten durch und wir gewannen 1:0 – obwohl ich einen Elf­meter ver­ur­sacht hatte. Hätte Uwe Zim­mer­mann den nicht gehalten, wäre ich der Depp gewesen.

Oft mussten Sie das Glück erzwingen. In der Jugend wollte Sie zunächst kein grö­ßerer Verein.
Ich war 14, spielte in der Süd­west­aus­wahl, war sogar Kapitän. Vor einem Tur­nier waren plötz­lich 13 Spieler von Kai­sers­lau­tern dabei – die vorher nie Aus­wahl gespielt hatten. Ich saß nur noch auf der Bank und musste die Koffer tragen. Zwei Minuten nach meiner Ein­wechs­lung bekam ich einen Bein­schuss, zwei Minuten später wech­selte mich der Trainer wieder aus – als Kapitän! Da habe ich gemerkt, dass ich als Spieler von Lambs­heim keine Chance mehr bekommen würde.

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Jürgen Kohler und Mau­rizio Gau­dino 1987 in Mann­heim

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Also stellten Sie sich selber bei Waldhof Mann­heim vor?
Dort wollten sie mich in die B3 ste­cken. Ich fuhr den Weg nach Mann­heim aller­dings zusammen mit einem Kumpel, der in der C1 spielte. Und die trai­nierte gleich­zeitig mit der B1. Also habe ich gefragt, ob ich zumin­dest ein paar Wochen dort mit­trai­nieren könnte, damit es nicht so stressig mit der Anfahrt sei. Ein paar Wochen später sagte der Trainer: Du bringst jetzt deinen Pass mit und dann spielst du bei mir. Und zwar als Vor­stopper.“

Wie kamen Sie in die erste Mann­schaft?
Irgend­wann fragte Klaus Schlappner, der Bun­des­li­ga­trainer, wer denn dieser junge Kerl sei. Der Jugend­trainer ant­wor­tete: Den kannte hier vor kurzem noch keiner. Aber der beißt Eisen­stangen durch.“ Also durfte ich mit 17 Jahren in der ersten Mann­schaft trai­nieren.

In den Acht­zi­gern gab es strenge Hier­ar­chien. Was waren als junger Kerl Ihre Auf­gaben?
Ich musste damals Bälle tragen, Schuhe putzen, das volle Pro­gramm. Wenn wir zweimal am Tag trai­nierten, musste ich mit den glei­chen Kla­motten wie am Vor­mittag trai­nieren. Sie können sich vor­stellen, wie das roch. Erst später bekam man als Spieler eine zweite Gar­nitur.

Außerdem mussten Sie der Legende nach mit Klaus Schlappner Son­der­schichten ein­legen.
Zusammen mit ein paar anderen jungen Spie­lern musste ich einmal zusätz­lich in der Woche antanzen: Tor­schuss, Dribb­ling, Flanken aus dem Lauf. Also alles, was ich nicht konnte. (Lacht.)

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie beson­ders hart zu sich selbst sein können?
Bei meinem ersten Trai­ning in der Jugend von Mann­heim sind beim Fit­ness­test die Tor­hüter an mir vor­bei­ge­laufen. Ich wurde Letzter. Sechs Wochen später wurde ich Erster. Da wusste ich, was Ehr­geiz bewirken kann.