Am Spiel­feld­rand feiern sie ihn mit Sprech­chören, dabei ist er doch nur fürs Begleit­pro­gramm zuständig. Ronny, Ronny“, schallt es dann über den Kunst­ra­sen­platz am Segel­flie­ger­damm in Johan­nis­thal, einem unschein­baren Orts­teil im Ber­liner Süd­osten.

Es ist die Bühne von Ronny Rothé, dem Mann am Mikrofon der SG Sport­freunde Johan­nis­thal, abstiegs­ge­fährdet in der Berlin-Liga, sechst­höchste Spiel­klasse. Sta­di­on­spre­cher genannt zu werden, obwohl am eng umzäunten Feld nur ein paar hun­dert Fans Platz finden, das macht ihm so schnell keiner nach. Aber das ist es nicht, wes­halb er mit Sprech­chören bedacht wird. Nur die Auf­stel­lung run­ter­zu­beten und den Spiel­stand abzu­fragen, dabei will es Rothé nicht belassen. Zu jedem Heim­spiel singt er die Ver­eins­hymne, die er selbst geschrieben hat, und füllt mit seiner Ein-Mann-Musik­show den ganzen Nach­mittag. Ich sage nicht, dass ich singen kann“, sagt er, ver­wun­dert über den eigenen Erfolg, aber was ich da mache, das gefällt den Leuten.“

Die Gäs­te­fans jubeln ihm zu

Ronny Rothé, 59 Jahre, grauer Schnäuzer, keckes Grinsen, macht die Musik. Das schätzen sogar die geg­ne­ri­schen Anhänger. Gegen TeBe Berlin, als immerhin 315 Zuschauer an den Segel­flie­ger­damm kamen, jubelten ihm die Gäs­te­fans trotz des Pau­sen­rück­stands für die eigene Mann­schaft zu, um nach dem Schluss­pfiff neben dem Sta­di­on­spre­cher fürs Foto zu posieren. TeBe hatte das Spiel in der zweiten Hälfte aller­dings auch noch zu einem 5:2 drehen können.

Manchmal hat Rothé den Ein­druck, die Fal­schen anzu­spornen. Seine Sport­freunde stehen ganz unten in der Tabelle. Wir haben keine bösen Absichten“, sagt er über seinen Sup­port, aber wenn alles gut laufe, dann kriegt der Gegner Angst“. Allzu ernst nehmen muss man das nicht. Ronny Rothé ist ein Allein­un­ter­halter der alten Schule, zuvor­kom­mend und um kein Wort ver­legen. Viel­leicht hat er das von seinem Vater. Dem hat er das Talent und den Accent aigu im büh­nen­taug­lich fri­sierten Nach­namen zu ver­danken, unter dem Eddie Rothé als Gitar­rist und Sänger der Tanz­ka­pelle Die 3 Tra­vel­lers“ auf­trat. Ihren jaz­zaf­finen Schlager spielten die Radio­sta­tionen im West-Berlin der Nach­kriegs­jahre hoch und runter. Blau-weiße Hertha“, die Tra­vel­lers-Hymne auf Hertha BSC, läuft heute noch bei jedem Spiel im Olym­pia­sta­dion.

Auf des Vaters Bühne hat es Sohn Ronny, der in Spandau auf­wuchs, nie gezogen. Er lernte Bau­schlosser und arbei­tete als Elek­triker. Aufs Fum­meln, Bas­teln, Löten, Machen und Tun“ ver­stehe er sich, sagt er. Zu jedem Spiel schleppt er zwei Stunden vor Anpfiff seine eigene Technik an, die Anlage baut er am Spiel­feld­rand in einer ori­ginal-roten Lon­doner Tele­fon­zelle auf, aus der es bei jedem Tor­er­folg für die Sport­freunde schrill klin­gelt wie in einem Edgar-Wal­lace-Streifen.

Statt des pas­sio­nierten Hand­wer­kers erkennen die Johan­nis­thaler in ihm lieber den musi­ka­li­schen Unter­halter mit ein­ge­bauter Gag-Garantie. Auf dem Rasen trifft er den rich­tigen Ton. Es ist die 77. Spiel­mi­nute / Was soll ich euch sagen / Ich hatte noch ein biss­chen Platz im Magen / Und drum ging ich zum Wagen / Um mir was zu wün­schen / Die Sport­freunde werden Meister vor Bayern Mün­chen“, reimt er zur Schla­ger­me­lodie vom Band und mimt den Ver­schämten. Er setzt die Pointen wie Heinz Erhardt und ballt die Faust wie Roland Kaiser: In Jo’thal soll es heute bro­deln“ – das kommt an auf dem Fuß­ball­platz.

Schla­ger­barden auf­ge­passt!

Kein Wunder also, dass ihn jeder kennt in der Berlin-Liga, wo das nächste Aus­wärts­spiel nur ein paar Bus­hal­te­stellen ent­fernt ist und ein Ersatz­tor­hüter trotz Bier­bauchs nicht um seinen Platz auf dem Auf­stel­lungs­bogen fürchten muss. Die Fuß­ball-Woche“, das Fach­blatt für den Ber­liner Ama­teur­fuß­ball, druckt von den Sport­freunden nur selten Spiel­be­richte, son­dern lieber Kon­zert­kri­tiken. So man­cher Schla­ger­barde, hieß es schon, könne sich im idyl­li­schen Johan­nis­thal etwas abschauen.

Heute hat Ronny Rothé frei. Er steuert seinen Wagen über die Mas­san­te­brücke, die Johan­nis­thal über die Spree mit dem benach­barten Rudow ver­bindet. Einst ver­lief hier die Mauer. Kein Latte mac­chiato, kein Techno, das hippe Berlin ist weit weg. Vom Wahl­plakat am Brü­cken­pfeiler lächelt Angela Merkel, daneben werben platte Parolen für AfD und NPD. Die Sport­freunde müssen beim großen Nach­barn TSV Rudow ran. Bitte unter­lassen Sie das Abbrennen von Feu­er­werks­kör­pern“, hatte der Sta­di­on­spre­cher im Hin­spiel durch­sagen müssen. Ihm war es ein Genuss, die Atmo­sphäre bes­tens.

Haupt­sache: Unter­hal­tung

Doch im Rück­spiel will Der­by­stim­mung nicht so recht auf­kommen. Johan­nis­thal ver­liert. Es mag auch daran liegen, dass Rothé die Hände vom Mikro lassen muss. Es heißt, in der Berlin-Liga müsse sich jeder Sta­di­on­spre­cher fragen lassen, wie man es genauso machen könne wie in Johan­nis­thal. Bei Ronny Rothé sollen auch die Gäste etwas geboten bekommen. Das Schönste ist, wenn sie zum Schluss sagen: Sie haben uns toll unter­halten.“