Die Offen­ba­rung kommt dem rus­si­schen Mul­ti­mil­li­ardär Roman Ark­ad­je­witsch Abra­mo­witsch am 24 März 2003. Er sitzt auf der VIP-Tri­büne des Old Traf­ford, es läuft die 59. Minute des Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nals zwi­schen Man­chester United und Real Madrid. Ein atem­be­rau­bendes Spiel. Spiel­stand 2:2.



Reals Stürmer Ronaldo schnappt sich den Ball, sprintet Rich­tung Fabien Bar­thez und häm­mert die Kugel zur Real-Füh­rung ein. Old Traf­ford erhebt sich für den geg­ne­ri­schen Über­stürmer, der so eben einen Hat­trick erzielt hat. Auch Roman Abra­mo­witsch steht auf, lächelt, klatscht begeis­tert und fasst den Ent­schluss, der den Fuß­ball für immer ver­än­dern wird: Abra­mo­witsch sucht ein neues Spiel­zeug, bei dem er seine Unmengen an Geld mit größter Freude unter­bringen kann – und ent­deckt heute Abend den eng­li­schen Fuß­ball für sich. Man­chester United gewinnt das Spiel am Ende mit 4:3, doch das ist für Abra­mo­witsch nur Neben­sache. Er heuert eine Pha­lanx von Sze­ne­ken­nern an, die ihm einen Klub suchen sollen, bei dem er ein­steigen kann. Liver­pool, Chelsea, Arsenal, Tot­tenham, die halbe Liga steht auf seinem Zettel. Sogar Man­chester United. Der Wert: geschätzt eine Mil­li­arde Euro. Die Zeit läuft.

Der Tag des Mil­li­arden-Tores

Als der Däne Jesper Gron­kjaer mit seinem FC Chelsea am 11. Mai 2003, dem letzten Spieltag der Pre­mier League, gegen den FC Liver­pool auf­läuft, atmet er etwas tiefer durch als gewöhn­lich. Wir haben gewusst, worum es ging. Wir kannten die Geschichten über unsere finan­zi­elle Situa­tion“, erzählt er dem bri­ti­schen Inde­pen­dent“. Kurz gesagt: Chelsea ist pleite, über 100 Mil­lionen Euro Schulden drü­cken den Klub, der Absturz in Liga drei ist nicht mehr aus­zu­schliessen. Doch heute geht es um die Qua­li­fi­ka­tion für die Cham­pions League, das gelobte Land, die finan­zi­elle Ret­tung. Es heißt: Chelsea oder Liver­pool, nur der Sieger erreicht Platz vier, erreicht die Königs­klasse. 

Gron­kjaer bereitet den 1:1‑Ausgleich vor, doch sein großer Auf­tritt kommt einige Minuten später: Ein kurzer Haken, ein Antritt nach innen, er dringt von rechts in den Straf­raum ein, rutscht weg und schlenzt den Ball doch unhaltbar ins lange Eck. 2:1. Chelsea ist in der Cham­pions League. Wer will, kann hier wieder einmal die Ironie des Ganzen erkennen: Jesper Gron­kjaer, geboren in Grön­land, dem Land, unter dem sich Unmengen Öl ver­bergen, schießt den FC Chelsea in die Königs­klasse und damit auf den Zettel des Ölma­gnaten Roman Abra­mo­witsch. Gron­kjaers Tor öffnet die Büchse der Pan­dora, den nie­mals enden wol­lenden Geld­fluss, der den Klub, die Liga und den Welt­fuß­ball nach­haltig erschüt­tern wird und die Kom­mer­zia­li­sie­rung, das Söld­nertum und vor allem die nackten Zahlen aufs Per­ver­seste in den Fuß­ball pflanzen wird. 

Mil­lionen Pfund werden zu Klein­geld

Am 3. Juli 2003 über­nimmt erst­mals ein aus­län­di­scher Investor einen eng­li­schen Fuß­ball­klub. Roman Abra­mo­witsch zahlt für 51 Pro­zent am FC Chelsea 210 Mil­lionen Euro, davon rund 50 Mil­lionen direkt in bar. Auch die Ver­eins­schulden in Höhe von rund 100 Mil­lionen Dollar über­nimmt er mit einem Lächeln. Das Geld, das er bis heute in den Klub gepumpt hat, kann man nicht mehr zählen, ohne dass einem schlecht wird. Eine Mil­lionen Euro, eine Summe, die ein Fan im Leben nicht ver­dienen wird, scheinen für Abra­mo­witsch nur Klein­geld zu sein. Anfäng­lich gibt es Pro­teste, doch nach den erste Mega­trans­fers brüllen die Anhänger der Blues scha­den­froh aus voller Kehle We are fucking loaded“ – und wedeln mit Geld­scheinen.

Auch Gron­kjaer bekommt die Folgen seines Tores bald zu spüren. Zur Saison 2004 bekommt er den Nie­der­länder Arjen Robben vor die Nase gesetzt. Die Klub­ver­ant­wort­li­chen raten ihm, sich nach einer neuen Her­aus­for­de­rung umzu­schauen. Über die Umwege Bir­mingham City, Atle­tico Madrid und den VfB Stutt­gart landet er 2006 schließ­lich beim FC Kopen­hagen. 

Sein neuer Klub trifft heute Abend auf den FC Chelsea. Wieder heißt es Cham­pions League. Ob Roman Abra­mo­witsch auf den VIP-Plätzen zu finden sein wird, ist nicht geklärt. Es heißt, der Russe habe ein wenig den Spaß am FC Chelsea ver­loren. Die 59 Mil­lionen Euro, die er zuletzt in Fer­nando Torres inves­tierte, sind wohl ein letzter großer Hin­weis. Die Blues sollen end­lich seinen Traum erfüllen: den Titel in Europas Königs­klasse. Nur so kann sein Spiel­zeug etwas mehr glänzen als die der anderen Groß­in­ves­toren, die seitdem den Fuß­ball Stück für Stück über­nehmen. Jenes Spiel­zeug, das er damals ent­deckte, das Ronaldo ihm offen­barte und das Jesper Gron­kjaer ihm auf den Tisch legte.