Mario Balo­telli ist böse. Mario Balo­telli ist Ita­liener. Mario Balo­telli ist schwarz. Zwei von drei Aus­sagen stimmen.

Bei der EM 2012 schoss der böse schwarze Ita­liener zwei Tore im Halb­fi­nale gegen Deutsch­land und schickte Löw und Anhang mit einem satten Arsch­tritt nach Hause. Ein Ita­liener! Ein böser und schwarzer noch dazu! Viele Deut­sche wussten gar nicht mehr wohin mit ihrer Empö­rung. Und um der ganzen Frech­heit noch die Krone auf­zu­setzen, hatte Mario Balo­telli nach seinem zweiten Tor noch fol­gende Jupel­pose gebracht:

Ein Unding! Eine Pro­vo­ka­tion! Der iko­nen­haf­teste Jubel seit Roger Millas Fah­nen­tanz! Einer von drei Aus­sagen stimmt der Autor zu.

Der Unter­schied: Milla spielte damals, bei der WM 1990, für Kamerun, eine Fuß­ball­na­tion, der die Sport­be­richt­erstatter schnell den Stempel Exot“ auf­drückten. Exoten, das klang nicht nur exo­tisch, das war auch exo­tisch. Biss­chen Afrika, biss­chen Underdog, alles ganz harmlos. Dass Roger Milla, dieser sym­pa­thi­sche, schon etwas geal­terte Mann, nach seinen Toren auch noch die Hüften an der Eck­fahne tanzen ließ? Hatte doch was! Diese ver­rückten Afri­kaner, spru­delnde Lebens­freude und so weiter.

Irgendwie war das nur schwer zu ertragen.

Denn zwi­schen all den Exoten-Zeilen quetschte sich das ungläu­bige Staunen des weißen Mannes, über die nicht für mög­lich gehal­tenen schwarzen Fähig­keiten. Zwängte sich der unter­schwel­lige Ras­sismus. Aber weil Milla immer freund­lich lächelte, irgendwie sym­pa­thisch war und zu guter Letzt auch noch tanzte, fand das damals jeder drollig.

Bei Mario Balo­telli war das im Sommer 2012 frei­lich etwas anders. Balo­telli spielt für Ita­lien, er ist kein Exot. Er ist noch nicht mal exo­tisch. Wenn über­haupt ist er exzen­trisch. Außerdem lächelte er auch nicht so häufig, ein großer Sym­pa­thie­träger wird er nicht mehr werden und Mario Balo­telli tanzte auch nicht, er ent­blößte nach seinem Tor, das vor Kraft und Power nur so gestrotzt hatte, seinen vor Kraft und Power strot­zenden Ober­körper. Breit­beinig wie John Wayne vor dem ent­schei­denden Duell stand er da. Die Mus­keln ange­spannt, ein wütender, stolzer Blick. Ein Moment, so Black-Power­haft wie Muhammed Ali über Sonny Liston, wie die Fäuste von Tommie Smith und John Carlos bei den Olym­pi­schen Spielen 1968.

Der Mann, der Deutsch­land raus­ge­schmissen hatte, war überall

Natür­lich ver­brei­tete sich Balo­tellis Pose in Win­des­eile, ver­teilt durch Mil­lionen empört­wü­tend­be­lus­tigt­be­geis­terte Fuß­ball­fans. Tage­lang hielten sich die Foto­mon­tagen von Mario Balo­telli auf dem Mount Everest, Mario Balo­telli auf dem Mond, Mario Balo­telli auf dem was auch immer, in den Blogs, in den Zei­tungen, auf den Pinn­wänden der sozialen Netz­werke. Mario Balo­telli, der böse schwarze Ita­liener, der Deutsch­land raus­ge­schmissen hatte, war überall.

Als wir dem Hype nicht wider­stehen konnte, und eben­falls einige der unter­halt­samsten Balo­telli-Mon­tagen auf der Face­book-Seite von 11FREUNDE teilten, warfen uns nicht wenige User Ras­sismus vor. Warum? Wir fanden Balo­tellis Auf­tritt und ganz beson­ders seinen Jubel schlichtweg genial. Angeb­lich böser schwarzer Exzen­triker (und dann auch noch aus Ita­lien!) beweist kurz mal, dass er zu den besten Fuß­bal­lern der Welt gehört und bringt dann den angeb­lich bösesten und exzen­trischten Jubel der ver­gan­genen Jahre.

Der Autor dieser Zeilen wünscht sich für 2013 noch mehr Balo­telli, noch mehr Pro­vo­ka­tion, noch mehr Ikonen, noch mehr Szenen, die den All­tags­ras­sisten die Masken vom Gesicht reißen. Dann sieht man wenigs­tens, wem man die not­wen­digen Ohr­feigen ver­passen kann.