Im Oktober 2015 erhält Marius Lode, Innen­ver­tei­diger beim nor­we­gi­schen Erst­li­gisten FK Bryne die Schock­nach­richt: Wegen Doping­miss­brauchs hat der nor­we­gi­sche Fuß­ball­ver­band eine zwölf­mo­na­tige Sperre gegen den 22-Jäh­rigen ver­hängt. Zwei Tage zuvor hatte Lode eine Pille mit dem Stoff Ritalin ein­ge­worfen, um vor einer bevor­ste­henden Klausur besser schlafen zu können. Das war dumm und naiv“, so Lode damals. Er sei selbst dafür ver­ant­wort­lich, darauf zu achten, welche Mittel er ein­nehme.

Die Zeit der Sperre nutzt der Innen­ver­tei­diger so gut er kann. Er jobbt in einem Restau­rant, zweimal die Woche trai­niert er mit Kum­pels vom Dorf, auch in der Mann­schaft der Uni­ver­sität Sta­vanger darf er mit­ki­cken. Nach Ablauf der Sperre steht Lode wieder auf dem Platz – gemeinsam mit einem gewissen Erling Haa­land. Doch auch die beiden können den Abstieg Brynes nicht ver­hin­dern. Die Für Lode geht die Reise weiter vom ruhigen, länd­li­chen Süd­westen hinauf in den hohen, schroffen Norden zum FK Bodø/​Glimt.

Nur Ersatz in der zweiten Liga

Die Gelb-Schwarzen von nörd­lich des Polar­kreises sind damals außer­halb Nor­we­gens kaum bekannt. Ihre bisher größten Tri­umphe sind die Pokal­siege 1975 und 1993. Bodø ist eine kleine Stadt mit knapp 50.000 Ein­woh­nern. Deut­sche Tou­risten kennen sie höchs­tens für ihre Nähe zu den Lofoten und als Hal­te­stelle für die Hur­tig­ruten. In der Saison 2019 liegt die durch­schnitt­liche Zuschau­er­zahl im Aspmyra Sta­dion bei 3.300.

Noch 2017 spielt der Verein in der nor­we­gi­schen zweiten Liga. Der Wie­der­auf­stieg gelingt beim ersten Ver­such, Neu­zu­gang Lode ist mit 29 Pflicht­spielen ein wich­tiger Teil des Erfolgs. Doch zu Beginn seiner ersten Saison in der nor­we­gi­schen Eli­te­se­rien hat er Schwie­rig­keiten: Am Anfang ist er nur dritte oder sogar vierte Wahl in der Innen­ver­tei­di­gung. Der inzwi­schen 25-jäh­rige lieb­äu­gelt mit einem Wechsel zurück in den Süd­westen, zu Brynes Erz­ri­valen FK Viking. Doch letzt­lich ent­scheidet sich Lode dazu, sich bei Bodø/​Glimt durch­zu­beißen.

So sind sie, die Jær­buer“

Durch Ver­let­zungen und Abgänge in der Abwehr schafft es Lode wieder in die Startelf. Mit dem neuen Trainer Kjetil Knutsen, der von seiner Posi­tion als Assis­tent auf­ge­stiegen ist, gelingt 2018 der Klas­sen­er­halt, Lode bestreitet dabei 16 Spiele. 2019 avan­ciert Bodø/​Glimt dann zur Über­ra­schungs­mann­schaft der nor­we­gi­schen Liga und sichert sich die Vize­meis­ter­schaft. Lode ist mit 26 Ein­sätzen inte­graler Bestand­teil des Teams.

Lodes Stil ist ordent­lich und sauber, seine Auf­gaben erle­digt er ohne große Auf­re­gung. Weder auf noch neben dem Platz fällt er beson­ders auf. Das passt zu dem, was man über die Jær­buer“ sagt, die Süd­w­est­nor­weger. Das müssen wir nicht so oft haben“, sagen sie etwa, wenn das Essen nicht schmeckt.

Das Jahr 2020 soll für Lode ein ganz beson­ders werden. Nicht nur weil das Coro­na­virus die Welt auf den Kopf stellt und die Fans aus den Sta­dien ver­bannt, son­dern viel­mehr, weil es Erfolge für Lode bringt, von denen er nicht mal zu träumen wagte.

Marius Lode ist fester Bestand­teil einer Mann­schaft, die ganz Nor­wegen begeis­tert. Mit blitz­schnellen Kom­bi­na­tionen und einem Offen­siv­fuß­ball, den die meisten Nor­weger nur aus den besten Ligen Europas kennen, rau­schen die Gelb-Schwarzen zur Meis­ter­schaft und stellen mit 103 Tref­fern einen neuen Tor­re­kord auf. Alles gelingt. Auch Lode fällt plötz­lich sogar auf. Im Spiel gegen Kris­ti­an­sund schweißt er den Ball nach einer Ecke aus der Distanz in den Winkel. Seine Mit­spieler bli­cken ihn ungläubig an, so als könnten sie es kaum fassen, dass dieser solide Innen­ver­tei­diger zu solch spek­ta­ku­lären Aktionen in der Lage ist.

Die grö­ßere Sen­sa­tion folgt erst noch

Die noch grö­ßere Sen­sa­tion gelingt Bodø/​Glimt in der dar­auf­fol­genden Saison. Trotz der Abgänge der Leis­tungs­träger Philip Zincker­nagel, Jens Petter Hauge und Kasper Junker (zusammen 60 Tore und 35 Assists in der Meis­ter­saison) ver­tei­digen die Männer vom Polar­kreis erfolg­reich den Titel. In der Europa Con­fe­rence League über­stehen sie mit zwölf Punkten die Grup­pen­phase, fegen sogar mit 6:1 über AS Rom hinweg. Fast immer als Stamm­kraft und Leis­tungs­träger auf dem Platz: Marius Lode. Seit März 2021 ist er nor­we­gi­scher Natio­nal­spieler.

Nun, mit 28 Jahren, wagt er den Schritt ins Aus­land. Beim FC Schalke 04 soll er die Mög­lich­keiten in der Defen­sive erwei­tern und damit zur Rück­kehr in die Bun­des­liga bei­tragen. Mit Auf­stiegen kennt sich Marius Lode schließ­lich aus. Mit sehr steilen sogar.