Seite 4: „Keiner hatte mich auf dem Zettel“

Sie hatten also keine Angst, in Ver­ges­sen­heit zu geraten?
Nein. Weil ich damit kein Pro­blem hätte.

Hat es Sie nicht geär­gert, in der Öffent­lich­keit nicht mehr als aktiver Spieler des VfB Stutt­gart wahr­ge­nommen zu werden?
Ich spiele Fuß­ball, weil es mir Spaß macht. Mir ging es auch wäh­rend der Reha immer nur darum, auf den Platz zurück zu kehren. Um wieder das zu tun, was mir mein Leben lang wahn­sinnig viel Spaß gebracht hat. Es ging mir nie darum, anderen Leuten etwas zu beweisen. Aber ich ver­stehe die Frage und mir ist klar, dass man als Fuß­baller nicht in erster Linie als Mensch betrachtet wird.

Stört Sie das?
Es ist in gewisser Weise normal, weil es um sehr viel Geld geht, von dem auch wir Spieler pro­fi­tieren. Ich kann nicht an einem Geschäft ver­dienen und mich gleich­zeitig dar­über beschweren. Wenn du als Spieler nicht funk­tio­nierst, weil du zum Bei­spiel ver­letzt bist oder keine Leis­tungen bringst, kommt ein anderer Spieler und ersetzt dich. So ist das.

Ich habe gemerkt, dass ich nichts Beson­deres bin“

Sie erzählten davon, dass Sie erst auf der Reise in den Benin die wirk­lich wich­tigen Dinge des Lebens zu schätzen gelernt hätten. Haben Sie zuvor in einer Art Blase gelebt?
Ich weiß nicht, ob man es eine Blase nennen kann. Mit 15 Jahren kommt man in der Regel in ein Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum, der Fuß­ball, so wird man groß, ist alles im Leben. Als ich mit 21 Jahren erfuhr, dass ich den Fuß­ball – den Mit­tel­punkt meines Lebens – even­tuell ver­lieren könnte, fühlte es sich für mich an wie zu sterben. Die Ver­let­zung hat mir geholfen zu rea­li­sieren, dass das völ­liger Schwach­sinn ist. Ich liebe den Fuß­ball immer noch, aber ich habe gemerkt, dass ich nichts Beson­deres bin. Eines Tages werde ich meine Kar­riere beenden müssen und für alles was danach kommt – für das rich­tige Leben – zählt nicht, ob ich mal gut kicken konnte.

Ihr Blick auf den Fuß­ball hat sich also nach­haltig ver­än­dert.
Ja. Ich liebe es zu kicken und ich will das Fuß­ball­ge­schäft nicht ver­teu­feln, aber mir hat es gut getan zu merken, dass es nur um Fuß­ball geht. Man ist als Spieler hohem Druck aus­ge­setzt, mit dem es teil­weise wahn­sinnig schwer ist umzu­gehen – manche Spieler bekommen des­wegen psy­chi­sche Pro­bleme. Der Gedanke daran, dass ich trotz allem am nächsten Morgen auf­wa­chen werde und noch immer meine Familie und Freunde habe, hat mir sehr geholfen.

Wann rea­li­sierten Sie, dass eine Rück­kehr auf den Platz greifbar ist?
Auch die zweite Reha ver­lief nicht ohne Pro­bleme und klei­nere Rück­schläge. Anfang 2014 fing ich an, klei­nere Lauf­ein­heiten zu absol­vieren, aber ich hatte immer wieder Schmerzen. Im Februar ver­suchte ich es erneut und fühlte mich besser. Das war der Moment, in dem ich rea­li­sierte, dass sich alles gelohnt haben könnte. Dar­aufhin peilte ich mein Come­back zur neuen Saison an. Nie­mand rech­nete mehr mit mir, keiner hatte mich auf dem Zettel. Ich hatte bei der Pla­nung für das Come­back alle Zeit der Welt. Doch das änderte sich schlag­artig mit dem Enga­ge­ment von Huub Ste­vens beim VfB. Die Mann­schaft steckte im Abstiegs­kampf und Ste­vens sagte mir, dass er mich unbe­dingt bräuchte, um den Abstieg doch noch zu ver­hin­dern. Das gab mir Kraft und Ver­trauen, das Knie machte mit und plötz­lich war ich wieder voll im Geschäft.

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