Seite 2: „Ich zog mich mehr und mehr zurück“

Wie ging es weiter?
Ich habe ein­fach wei­ter­ge­macht, mit Schmerz­mit­teln. Und gehofft, dass es mit der Zeit besser werden würde. Im Winter 2012 kam ich dann zu drei Kurz­ein­sätzen bei der zweiten Mann­schaft. Aber auch dort musste ich den Platz mit Schmerzen ver­lassen. Nach der Win­ter­pause wollte ich erneut angreifen und in der Vor­be­rei­tung wieder voll ein­steigen. Doch ich hatte weiter Schmerzen, bis ich irgend­wann gesagt habe, dass es so nicht weiter gehen kann.

Für Schmerzen sorgte auch ein Kno­chen­ödem, das sich als Fol­ge­ver­let­zung in Ihrem Knie bil­dete und immer größer wurde.
Als die Ärzte das fest­stellten, ent­schieden wir uns zunächst für eine kon­ser­va­tive Behand­lung und pro­bierten wochen­lang alles Mög­liche, um das Ödem zu lin­dern. Doch es half nichts, im Gegen­teil. Das Ödem wurde immer größer, bis es schließ­lich auch den Kno­chen angriff. Ein Jahr nach der ersten Ope­ra­tion zeich­nete sich ab, dass das Knie nie wieder das alte werden würde.

Wer hat Ihnen das gesagt?
Ich fuhr in diesen Tagen unter anderem nach Augs­burg, um den Arzt um Rat zu bitten, der mich ein Jahr zuvor ope­riert hatte. Er sagte mir, dass er mich erneut ope­rieren könne, aber nicht wisse, ob es mir danach besser gehen würde. Er sagte: Herr Didavi: Mög­li­cher­weise ist das das Ende.“

Was geht im Kopf eines jungen Pro­fi­fuß­bal­lers vor, wenn die Ärzte vom Kar­rie­re­ende spre­chen?
Die Worte des Arztes waren hart, aber er sagte mir ja nur die Wahr­heit. Trotzdem gab es Tage, an denen ich mir die Rea­lität nicht ein­ge­stehen wollte. Gleich­zeitig wurden in mir die Zweifel an mir selbst und der Behand­lung immer größer. Außerdem fing ich an, mit meinem Schicksal zu hadern. Warum muss aus­ge­rechnet ich all das erleben? Warum kann ich das, was ich so liebe, nicht mehr machen? Ich wurde sauer und wütend. Und ich zog mich mehr und mehr zurück. Es war eine Zeit, in der ich defi­nitiv am Boden lag.

„Ich bin kaum noch raus gegangen“

Wie zieht man sich zurück?
Ich bin kaum noch raus gegangen, nicht ins Sta­dion, nicht mehr zur Mann­schaft. Weil die Leute draußen mir immer die glei­chen Fragen stellten: Wie geht’s dir? Wie sieht’s aus?“ Ich wollte diese Fragen nicht mehr beant­worten.

Sie reisten in diesen Wochen in den Benin, rück­wir­kend bezeichnen Sie den Trip als Wen­de­punkt. Warum?
Zu dieser Zeit habe ich viel Unter­stüt­zung von meiner Familie erhalten. Mein Vater machte mir schließ­lich den Vor­schlag, mit ihm in sein Hei­mat­land, nach Benin, zu reisen. Dort ange­kommen rea­li­sierte ich, weit weg vom Fuß­ball, in wel­chen Umständen ich lebte und wie­viel nega­tive Gedanken sich in meinem Kopf befanden. In Benin änderte sich mein Wer­te­system völlig. Ich rea­li­sierte, wie glück­lich Men­schen sein können und wie wenig es sich lohnt, mit dem eigenen Schicksal zu hadern. Ich führte mir vor Augen, was ich alles hatte, auch wenn ich keinen Fuß­ball mehr würde spielen können – Familie, Freunde, eine finan­zi­elle Sicher­heit und die Chance, mir durch Bil­dung ein Leben abseits des Fuß­balls zu ermög­li­chen. Ich fragte mich, wie ich nur so negativ durch die Welt gehen konnte, obwohl ich all das hatte, von dem viele Men­schen in Benin träumten. Ich nahm mir vor, zukünftig posi­tiver mit meinem Leben umzu­gehen.

Wie haben Sie die Erkennt­nisse aus der Reise in Ihren Alltag in Deutsch­land ein­ge­bunden?
Ich habe ver­sucht, mich immer wieder daran zu erin­nern, dass mein Glück nicht von einer Situa­tion abhängig ist, die ich zu diesem Zeit­punkt nicht beein­flussen konnte. Son­dern dass ich für mein Glück selbst ver­ant­wort­lich und mein Glück eine Ent­schei­dung in meinem Kopf ist. Die Tage, an denen es mir schlecht ging, wurden langsam immer weniger und ich ver­stand, dass ich dar­über ent­scheiden kann, mit wel­cher Hal­tung ich mein Schicksal annehme.

Wie ging es für Sie in Deutsch­land weiter?
Ich setzte mich noch einmal mit unserem Mann­schafts­arzt zusammen. Es war klar: Das wird ein letztes offenes Gespräch, danach kann es vorbei sein. Zum Glück hatte der Doktor eine gute Idee. Er erstellte mir eine Liste zusammen mit Ärzten, die in der Knor­pel­for­schung füh­rend waren und neuere Tech­niken ver­wen­deten. Kurze Zeit später fuhr ich nach Frei­burg, um mich an den dor­tigen Spe­zia­listen zu wenden. Er sagte: Ein Come­back ist gene­rell im Bereich des Mög­li­chen.”