Am 8. November 2011, nach 17 Jahren im Kon­zert der ganz Großen geht es nun auf das Ende zu. Ganze 17 Jahre regierte Ita­liens Scar­face Silvio Ber­lus­coni sein Land nahezu tota­litär – nun gab er seinen schritt­weisen Rückzug bekannt. Ita­lien, ach was, ganz Europa jubelt – ein Ver­rückter weniger. Man mag es Ironie des Schick­sals nennen, dass im Schlag­schatten von Ber­lus­conis Rück­tritt auch Andriy Shev­chenko ver­kün­dete, der Fort­gang seiner ein­zig­ar­tigen Kar­riere stehe auf der Kippe. Ukraines Fuß­ball­gott, mitt­ler­weile 35 Jahre alt, lebt mit dem Traum, bei der Heim-EM 2012 für die Ukraine auf­zu­laufen. Shev­chenko und Ber­lus­coni sind gute Freunde, der Staats­mann ist der Paten­onkel von Shev­chenkos jüngstem Sohm Jordan, der Kicker und der Bunga-Bunga-Boy haben am glei­chen Tag Geburtstag. Nun stehen beide am Schei­deweg ihrer Kar­riere. Den Einen zwingen Lügen, Schulden und schöne Mäd­chen in die Leit­planke – ihn wird keiner ver­missen. Den Anderen hält der eigene Körper auf. Der Unter­schied: Mit Shev­chenko hat ganz Fuß­ball-Europa Mit­leid.

Der Auf­stieg des Andriy Myko­layo­vych Shev­chenko ist die Geschichte eines ewig treuen Die­ners, eines Jungen, für den Fuß­ball nie große Kunst aber immer harte Arbeit war, eines Wan­de­rers zwi­schen den Welten. Geboren als Sohn eines ehe­ma­ligen Rot­ar­misten muss er bereits im Alter von neun Jahren mit seiner Familie vor der Reak­tor­ka­ta­strophe von Tscher­nobyl aus seinem Hei­mat­dorf fliehen. Er wird Zeit seines Lebens eine neue Heimat suchen. Halt gibt dem kleinen Andriy in dieser Zeit der Sport: Boxen, Leicht­ath­letik, Eis­ho­ckey – sein viel­sei­tiges Talent kul­mi­niert schluss­end­lich in einem über­ra­genden Nach­wuchs­fuß­baller. Ein spä­terer Mega­star, der um ein Haar durch das Raster gefallen wäre, als er im Alter von zehn Jahren durch eine Auf­nah­me­prü­fung in der ange­sehen staat­li­chen Sport­schule von Kiew fällt. Shev­chenko war bei einem schlichten Dribb­lingtest zu langsam, der Weg in die Spor­telite der dama­ligen UDSSR scheint ihm ver­wehrt. Erst als er wenig später bei einem Sich­tungs­tur­nier seine Gegen­spieler in Grund und Boden rennt, schießt und köpft, öffnet ihm Dynamo Kiew die Tore zum ver­eins­ei­genen Jugend­in­ternat.

Vater­figur Valerie Loba­novski

Er durch­läuft alle Jugend­mann­schaften und damit die mili­tär­ähn­liche Kader­aus­bil­dung des ukrai­ni­schen Vor­zei­ge­klubs. 330 Tage im Jahr ver­bringen Dynamo-Spieler im Trai­nings­lager. Wenn du deine Frau siehst, muss Neu­jahr sein“, sagt man sich in den kargen Zim­mern der Kiewer Spie­ler­ka­serne. Das strenge Regi­ment seiner Trainer und die Phi­lo­s­phie des Klubs, der keine Stars, son­dern nur gleich­för­mige Maschinen duldet, formt und prägt Shev­chenko für sein wei­teres Leben. Nach der Sys­tem­fuß­ball-Idee von Trainer-Stand­bild Valerie Loba­nosvki bildet der Klub alle Spieler zu All­roun­dern aus. Das Motto: Krea­ti­vität ist ledig­lich die höchste Form von Orga­ni­sa­tion. Dynamo Kiew spielt fortan eine kau­ka­si­sche Ver­sion des hol­län­di­schen Voetbal total. Loba­novski wird zum Lehr­meister des lern­wil­ligen Shev­chenko, der wie ein Beses­sener trai­niert und sich schritt­weise vom schüch­ternen Angreifer mit dem Bär­chen­blick zum mensch­ge­wor­denes Knallgas ent­wi­ckelt. Der Ball ist sein Feuer.

Mit seinem kon­ge­nialen Sturm­partner Sergij Rebrow bringt er in den Jahren 1994 bis 1999 die Hege­mo­ni­al­stel­lung des euro­päi­schen Spit­zen­fuß­balls ins Wanken. Barca, Real, Bayern, Milan – sie alle stol­pern ein ums andere Mal über Loba­nos­vkis Dynamo. Der größte Stol­per­stein: Andriy Shev­chenko. Spä­tes­tens als er in der Saison 1997/98 den FC Bar­ce­lona per Hat­trick im Allein­gang zurück nach Kata­lo­nien schießt, steht der blonde Pfeil auf dem Zettel aller euro­päi­schen Groß­klubs. 1999 schaltet er mit drei Toren Real Madrid im Vier­te­fi­nale der Cham­pions Leauge aus. Dynamo schei­tert erst im Halb­fi­nale am FC Bayern. Im Hin­spiel trifft Shev­chenko dop­pelt, das Spiel endet 3:3. Nach dem Sai­son­ende wird ihm mit­ge­teilt, dass er zukünftig für den AC Mai­land spielen wird. Der Ber­lus­coni-Klub hatte die Rekord­summer von 24 Mil­lionen Euro nach Kiew über­wiesen. Ob Shev­chenko über­haupt gehen wolle, hat ihn nie jemand gefragt. Er ging. Sein Klub war ihm Befehl.

In die Glit­zer­welt von Milan passt der schüch­terne Ukrainer anfangs so gut wie ein Nean­der­taler in ein Inter­net­café. Die Presse wit­zelt über das Baby­face, das zu seiner Vor­stel­lung nicht im schi­cken Nadel­strei­fen­anzug, son­dern in Jeans und T‑Shirt erscheint – im Schlepptau hat er zudem noch Mama, Papa und seine Schwester. Wer in seinem Leben viel macht und wenig zeigt, gehört ver­ehrt“, dik­tiert er den grin­senden Jour­na­listen in die Blöcke und wider­spricht damit allem, wofür das Milan dieser Jahre steht. Shev­chenko wirkt in der durch­kom­mer­zia­li­sierten Serie A der Nuller­jahre wie ein Stein­zeit­re­likt aus einer anderen Fuß­ball­welt. Stellt euch vor, er hat noch nicht einmal einen per­sön­li­chen Sponsor“, jauchzt die Gaz­zetta dello Sport“ als der Neue im ersten Spiel mit schlicht schwarzen Schuhen ohne großes Her­stel­ler­logo auf­taucht. Die sind Marke Shev­chenko“, grinst der Ukrainer anschlie­ßend.

Und wäh­rend die Mann­schafts­kol­legen Mal­dini, Bier­hoff und Weah längst für Kre­dit­karten, Haar­shampoo und Sport­ar­tikel werben, beschränken sich Shev­chenkos Mar­ke­ting­ak­ti­vi­täten auf die Kegel­bahn eines Freundes in Kiew. An freien Tagen taucht der Ukrainer auf dem Trai­nings­ge­lände des AC auf, um Extra­schichten zu schieben. Weil ihm keiner die Kabine auf­schließt, trai­niert er in Jeans und Sweat­shirt. So viel Dis­zi­plin ver­stört die Tifosi, die den Neu­an­kömm­ling erst einmal mit gehö­rigem Sicher­heits­ab­stand beäugen. Doch die Distanz ist schnell ver­flogen, als ihr Stürmer mit der Nummer 7 Tore am Fließ­band schießt. Der Sys­tem­fuß­ball alla Milan, jenes von Arrigo Sacchi in den Klub ver­pflanzte Gen von schock­ge­fro­rener Ele­ganz, scheint wie gemacht für den pfeil­schnellen Blonden, der auf jeden unnö­tigen Haken ver­zichtet.

Bier­hoff, Weah und Gilar­dino fliehen vor der ewigen Nummer 7

Er ist kein Kom­bi­na­ti­ons­fuß­baller, son­dern ein kalter Voll­stre­cker, dessen Tore selten Kunst­werke sind, dafür meist sehr wichtig. Sein Motto Ein Tor, das zu keinem Titel führt, ist ein unwich­tiges Tor!“ In Mai­land findet er seine Brüder im Geiste. Mit einer Mixtur aus Schnel­lig­keit, Gewandt­heit und Kraft über­rum­pelt er die ansonsten bom­ben­si­cheren Serie-A-Defen­siven, seine ele­ganten, raum­grei­fenden Schritte lassen sie rei­hen­weise wie erstarrte Salz­säulen aus­sehen. Am Ende seiner ersten Saison trifft der Ukrainer 24 Mal in 32 Spielen und wird Tor­schüt­zen­könig. Aus dem fremden Kauz aus der Ukraine wird Sheva. Das ist hebrä­isch und bedeutet: Sieben. Er ver­drängt Welt­stars wie Bier­hoff, Weah und Gilar­dino ins zweite Glied. Sie alle werden irgend­wann gehen, weil sie ahnen, dass sie an Sheva nicht vor­bei­kommen können. Der zieht weiter schwei­gend seine Kreise in der sei­ner­zeit noch besten Liga der Welt. Auf dem Platz muss man spielen und trai­nieren, spre­chen kann man später“, sagt er einmal. Es ist sein Credo. Stumm wartet er auf den Ball, um dann mit der immer­glei­chen Abge­klärt­heit eines Eli­te­sol­daten seinen Auf­trag aus­zu­führen. Einen Gegen­mittel hat kaum ein Gegner parat.

Erst im Jahr 2002 erlebt seine Kar­riere einen ersten Knick. Nach der geschei­terten Qua­li­fi­ka­tion zur WM in Japan und Süd­korea – die Ukraine unter­liegt Deutsch­land erst in der Rele­ga­tion – erleidet der Star­an­greifer eine schwere Knie­ver­let­zung. Er kann kein Fuß­ball mehr spielen, fällt in ein tiefes Loch. Shev­chenko erkennt, dass Mai­land, die Stadt der Rei­chen und Schönen, auch andere Reize als das Traings­zen­trum Mila­nello zu bieten hat. Auf einer Party des Mode­de­si­gners Giorgio Armani spricht er ein ame­ri­ka­ni­schen Modell an, sie ant­wortet: Sitzt du nicht bei Milan auf der Ersatz­bank?“ Sheva ist ver­liebt, das Objekt seiner Begierde heißt Kristen Pazik – und ist die Freundin von Silvio Ber­lus­conis Sohn Pier­silvio.

Er schwört Milan ewige Treue

Nach wenigen Wochen und hun­derten Anrufen, ver­ließ Pazik den Sohn des All­mäch­tigen und zog zum Stür­mer­star. Doch wer erwartet hatte, dass Ber­lus­coni seinen Sohn in der Folge rächen wird, rieb sich ver­wun­dert die Augen. Denn Ber­lus­coni ist ver­liebt in sein kickendes Kron­juwel, umgarnte ihn mit Ein­la­dungen in seine Villa an der Costa Sme­ralda. Als Shev­chenkos Vater in der Ukraine einen Herz­in­farkt erleidet, ver­an­lasst der ita­lie­ni­sche Staats­prä­si­dent, dass Sheva senior einen Platz in Ita­liens renom­mier­tester Herz­klinik bekommt. So etwas ver­gisst der Fami­li­en­mensch Shev­chenko nicht. Er schwört ewige Treue. Genau in in dieser Zeit wird er fester Bestand­teil der Mai­länder Schi­ckeria, Ber­lus­coni und Armani werden seine engsten Ver­trauten, fortan modelt er gar für den Mode­de­si­gner und kauft sich drei Por­sche Car­rera. Shev­chenko kommt wieder auf die Beine und schnell läuft es auch sport­lich nach Plan. 2003 ver­wan­delt er den ent­schei­denen Elf­meter im Cham­pions-League-Finale gegen Milans Erz­ri­valen Juventus Turin. Den gewon­nenen Hen­kel­topf bringt er höchst­per­sön­lich zum Grab von Vater­figur Loba­novski, der 2002 gestorben war. Er hat sich diesen Pokal immer gewünscht, ich bringe ihn zu ihm. Er hat ihn sich ver­dient“, sagt Sheva beim Abflug vom Mai­länder Fluf­ghafen.

2004 wird er zu Europas Fuß­baller des Jahres“ gewählt und somit zum heiß­be­gehrten Objekt des neu­rei­chen rus­si­schen Mil­li­ar­därs Roman Abra­mo­witsch, der Sheva nur allzu gern im Trikot des FC Chelsea sehen würde. 2005 bietet er wahn­wit­zige 75 Mil­lionen Euro – plus Hernan Crespo. Ber­lus­coni ant­wortet auf diese Offerte tro­cken: Eher würde ich mir Arme und Beine abschneiden, als Shev­chenko zu ver­kaufen.“ Shev­chenko bleibt noch ein Jahr, ehe er im Mai 2006 für 43,5 Mil­lionen Euro zu den Blues wech­selt.

Vor seinem Umzug nach London erfüllt sich der ukrai­ni­sche Super­star einen Lebens­traum: Erst­mals nach drei geschei­terten Anläufen nimmt er mit seinem Hei­mat­land an einem großen Tur­nier teil. Bei der WM in Deutsch­land erreicht die Ukraine immerhin das Vier­tel­fi­nale und scheidet erst gegen den spä­teren Welt­meister Ita­lien aus. Doch es scheint, als hätte Sheva die Jagd nach diesem Erfolg mit der Natio­nal­mann­schaft jene Energie geraubt, die für sein Spiel exis­ten­ziell war. Der Shev­chenko, den man beim FC Chelsea begrüßt, ist ein anderer, als der, der einst seine zweite Heimat Milan ver­lassen hat. Ver­let­zungen, Streits mit Trai­nern und Mit­spie­lern machen den Heils­bringer zum sünd­haft teuren Miss­ver­ständnis. Die 173 Tore, die er in ins­ge­samt 296 Spielen für Milan geschossen hat, bleiben ein Ver­spre­chen, das er nicht mehr halten kann. Und er kann, will und braucht sich auch nicht mehr auf den rasant-robusten Fuß­ball auf der Insel ein­stellen, da weder José Mour­inho, noch Avram Grant und Felipe Sco­lari auf ihn bauen. Vor Beginn der Saison 2008/09 legt ihm Sco­lari einen Tape­ten­wechsel nahe. Bei Chelsea steht Didier Drogba wie ein Fels um Angriffs­zen­trum, auf dem Flügel kommt Sheva nicht zurecht. Der AC Mai­land leiht seinen müden Helden für ein Jahr aus.

Die Welt dreht sich auch auch Shev­chenko weiter

Auch bei den Schwarz-Roten merkt Shev­chenko, dass die Welt sich ohne ihn wei­ter­ge­dreht hat. Die 7 trägt mitt­ler­weile die blut­junge Angriffs­hoff­nung Alex­andre Pato, Sheva gibt sich mit der Nummer 76 zufrieden und zieht fortan als eine Art Ver­eins­mas­kott­chen mit dem Wan­der­zirkus Milan durch die Fuß­ball­welt. Ein Ligator soll Shev­chenko im Trikot von Milan nicht mehr gelingen. Bevor er nach Ende der Aus­leihe zum FC Chelsea zurück muss, bittet Sheva um die Rück­kehr zu seinem Ursprung. Chel­seas neuer Trainer Carlo Ance­lotti, unter dem er bei Milan seine größte Zeit hatte, gesteht später: Ich habe ihm geraten zu gehen, weil ich möchte, dass er weiter in einer Starelf stehen kann.“ Die Blues wil­ligen ein, Sheva kehrt heim zu Dynamo Kiew. Doch auch zuhause spielt Shev­chenko nur noch spo­ra­disch. Kein Pro­blem, denn er hat längst einen letzten großen Traum für sich ent­deckt.

Er will bei der Heim-EM 2012 für sein Land auf­laufen – im Alter von knapp 36 Jahren. Ges­tern nun wurde bekannt, dass Shev­chenkos Körper eigent­lich nicht mehr für eine Euro­pa­meis­ter­schaft gemacht ist. Sein Rücken bereitet zu große Pro­bleme. Natio­nal­trainer Oleg Blochin hat ihn trotzdem für das anste­hende Län­der­spiel gegen Deutsch­land nomi­niert. Andrej ist nicht irgendein Fuß­ball­spieler. Er ist auch ein Mensch von unge­heuerer und unbe­streit­barer Auto­rität, und unser Team braucht ihn“, sagt die andere ukrain­in­sche Fuß­ball­gende über seinen alternden Nach­folger. Er ver­dient als Spieler und als Mensch Respekt. Wir ver­su­chen ihm zu helfen, damit er bei der Euro in Best­form auf­laufen kann.“ Die 17 Jahre andau­ernde Kar­riere von Andriy Myko­layo­vych Shev­chenko, die Geschichte des ewig treuen Die­ners, eines Jungen, für den Fuß­ball nie große Kunst aber immer harte Arbeit war und der sta­tis­tisch gesehen in jedem zweiten Pro­fi­spiel ein Tor geschossen hat, soll sein schil­lerndes Finale finden. Ein ganzes Land will ihm dabei helfen.

Aber das natio­nale Hei­ligtum Shev­chenko selbst bleibt Rea­list: Ich werde nur spielen, wenn ich bereit dazu bin. Ich will mich und meine Mann­schaft nicht bla­mieren.“ Trotz 17 Jahren im Kon­zert der ganz Großen ist Andriy Shev­chenko der beschei­dene Rea­list wie am ersten Tag. Ein wei­terer, ent­schei­dener Unter­schied zu seinem guten Freund Silvio Ber­lus­coni.