Früher war Ger­hard Tremmel richtig laut. Ein Fuß­ball­profi, der nach Spielen Arm in Arm mit dem Ultra-Vor­sänger auf dem Zaun der Kurve stand und die Menge ani­mierte. Er sang: Gib mir ein U, gib mir ein F, gib mir ein…“ Oder: Dem Mor­gen­grauen ent­gegen, so ziehen wir gegen den Wind, wir werden alles erlegen, bis wir deut­scher Meister sind.“ Gute alte Fan-Gas­sen­hauer fern jeder Rea­lität.

Einmal aller­dings, im April 2008, war Ger­hard Tremmel zu laut. Da schrie er nach einem Sieg seiner Cott­busser ins Megafon: Scheiß Hansa Ros­tock! Scheiß Dynamo Dresden! Scheiß Hertha BSC!“ Das volle Anti-Ost-Pro­gramm. Es gab Schelte vom eigenen Verein, von Hertha, von Dynamo, von Hansa und natür­lich von der Bild“-Zeitung. Tremmel ent­schul­digte sich: Ich wollte nie­manden belei­digen. Das waren Glücks­ge­fühle.“ Doch da war es bereits zu spät: Tremmel hatte sich im kol­lek­tiven Fuß­ball-Gedächtnis als der pöbelnde Tor­wart-Proll von Energie Cottbus ver­an­kert.

Das alles ist über drei Jahre her. Drei Jahre, in denen Fuß­ball­profis das Internet für sich ent­deckten und den ganzen Zirkus suk­zes­sive lauter machten. Felix Magath mel­dete sich etwa im sozialen Netz­werk Face­book an und erklärte in einer Art Home­video höl­zern seine ersten Geh­ver­suche im Internet. Wenig später tat es ihm der bei Schalke geschasste Mike Büs­kens gleich. Das Theater nennt das eine Par­odie, der HipHop kennt das als Diss. Mike Büs­kens bezeich­nete das gar nicht, son­dern zuckte mit den Ach­seln: Ich muss und kann damit leben, dass man Ähn­lich­keiten erkennt, wenn man dies fest­stellen will.“

Savage via Fer­di­nand: Deine unechte Bräune?“

In Eng­land war das Duel­lieren im Internet längst gang und gäbe. Robbie Savage (Derby County) und Rio Fer­di­nand (Man­chester United) bekämpften sich wochen­lang via Twitter. Einmal schrieb Savage: Du scheinst eine Menge Pro­bleme zu haben? Muss dein Gesicht sein? Oder dein Haar? Deine unechte Bräune? Oder sind es deine Zähne? Deine häss­li­chen Schuhe?“ Fer­di­nand ant­wor­tete: Du greifst nach Stroh­halmen.“ Für aus­führ­li­chere Ant­worten war selten Zeit, schließ­lich ver­ar­bei­tete Fer­di­nand in jener Phase seine Kind­heits­trau­mata. Eben­falls via Twitter: Meine Mutter hat mir gerade erzählt, dass sie mich mit fünf Jahren mal ver­hauen musste. Was ist das denn für eine Erzie­hung? Ich glaub, ich muss sie auch schlagen.“ 

In Deutsch­land war Mario Basler unter den (Ex-)Profifußballern einer der ersten Face­book-Nutzer. Er nutzte das soziale Netz­werk aus­giebig, etwa um uns über sein Fern­seh­pro­gramm zu infor­mieren: Geile Szene eben mit der Schnecke.“ Torsten Frings, auch einer der Profi-Pio­niere in Sachen Web 2.0, ver­riet über stu­divz, welche Film­vor­lieben er hat. Sein Pseud­onym: Whitey Whiteman“. Aktuell ist Ryan Babel einer der eif­rigsten Netz­werker der Bun­des­liga. Es gab Zeiten, da infor­mierte er minüt­lich über die Dinge die pas­sierten (oder auch: nicht pas­sierten). Zuletzt wirkte Hof­fen­heims Team in Ryans wun­der­barer Twitter-Welt wie eine Bande von 13-jäh­rigen Laus­buben: Edson Braaf­heid hat mich am Flug­hafen gerade zum Schwitzen gebracht. Er ver­steckte meinen Rei­se­pass, wäh­rend ich ihn suchte. Pffff.“ Herr­lich. Bei Mesut Özil pas­siert indes nicht so viel: Bin gerade beim Essen.“ Pffff.

Auch auf den offi­zi­ellen Home­pages nutzen die Profis die Chance, ihr eigenes Image end­lich mal selbst zu steuern, also sich so zu insze­nieren, wie sie sich am liebsten sehen. Sie schießen aus allen Löchern, blinken mit Icons und Ele­menten, fahren längst ver­ges­sene Design-Geschütze auf und laun­chen Seiten, die wie die internet-gewor­dene Arsch­ge­weihe aus­sehen. Jerome Boa­tengs Home­page mutet zum Bei­spiel an wie eine Mischung aus einem Hol­ly­wood-Sci­ence-Fic­tion-Block­buster mit Vin Diesel und einem Album-Cover von 50 Cent fea­turing Snoop Dogg. Auf ihr erfahren wir Dinge wie: Er wird sein Viertel nie ver­gessen, sein Viertel wird ihn nie ver­gessen.“ Als sei die Seite ein ver­schol­lener Star-Wars-Teil wurde sie der Öffent­lich­keit erst­mals in einem Ham­burger Kino prä­sen­tiert.

Jer­maine Jones: Ich mag Musik von R. Kelly“

Ähn­lich gro­tesk wirkt die Home­page von Jer­maine Jones. Wüsste man nicht, dass Jones ein Fuß­ball­spieler von Schalke 04 ist, könnte man annehmen, er wäre ein Mit­glied aus Bushidos Entou­rage. Doch wer Schnell­feu­er­waffen und Pit­bulls erwartet, wird ent­täuscht. Wir steuern über eine Navi­ga­tion (stil­echt in Frak­tur­schrift) nur auf Semi-Essen­zi­elles zu. Bei­spiel: Ich mag Musik von R. Kelly.“ Oder: Träume nicht dein Leben, son­dern lebe deinen Traum.“ Übri­gens, man sollte öfter mal fol­genden Selbst­ver­such wagen: Erst zehn Minuten die Seiten von Jerome Boateng und Jer­maine Jones absurfen, dann zehn Minuten auf der Seite des Coun­try­sän­gers Tex Hapers ver­bringen. 

Wie auch immer, die Reihe der Fuß­ball­profis die das Netz mit Dingen über­fluten, die so sehr inter­es­sieren wie das NDR-Test­bild, ließe sich beliebig fort­setzen. Seit Ger­hard Tremmel sich jenen Fauxpas auf dem Kur­ven­zaun geleistet hatte, war es uner­träg­lich laut geworden in der Fuß­ball­welt. Doch was war in der Zwi­schen­zeit eigent­lich mit dem Tor­wart pas­siert? Tremmel spielte bei Red Bull Salz­burg und ging danach zum Pre­mier-League-Klub FC Swansea City. In seiner Frei­zeit fährt er Motorrad, so steht es jeden­falls bei Wiki­pedia. Und ja, er hat auch eine Home­page. Die ist vor­nehm­lich schwarz gehalten. Man sieht Tremmel dort im schwarzen Hemd und weißen Tor­wart­hand­schuhen stehen. Sonst: Nichts. Keine Kalen­der­weis­heiten, keine Träume, die man leben muss, keine Hin­ter­grund­musik, kein Das Handy ist die beste Erfin­dung aller Zeiten“ und kein Wenn ich zu Hause bin, spiele ich Play­sta­tion oder gucke Fern­sehen“. Nichts. Die Seite ist quasi leer. Klickt man den Punkt Kon­takt“ an, erscheint der Satz: Es sind keine Kon­takte ver­fügbar.“

Man könnte unken: Da will jemand eben­falls sein Image neu formen, näm­lich als Lei­se­treter. Man könnte die Home­page auch ein­fach als ewige Bau­stelle abtun und nie wieder besu­chen. Man könnte aber auch ein­fach ein paar Minuten ver­weilen und sich freuen, dass es dort so wun­derbar ruhig ist.