Das Schicksal hat es weiß Gott nicht nur gut mit ihm gemeint. Doch Peter Grosser hat jedem harten Schlag, den das Leben für ihn bereit­hielt, wacker getrotzt. Mit seiner baju­wa­ri­schen Brud­de­lig­keit, seinem uner­schüt­ter­li­chen Lebens­willen und dem Mut, den Rea­li­täten – so unbarm­herzig sie auch sein mochten – angst­frei ent­ge­gen­zu­treten und nie aus­zu­wei­chen.

Grosser war der Spiel­ma­cher des FC Bayern an der Schwelle zur Bun­des­liga. Ein Hasar­deur, tor­ge­fähr­lich und fin­ten­reich, der Strip­pen­zieher für die Bren­nin­gers, Ohl­hau­sers und Naf­zi­gers. Ein Kopf der Spiel­erge­nera­tion also, die den roten Tep­pich an der Säbener Straße aus­rollte für all die jungen Wilden, die da bald kommen sollten. Maier, Müller, Becken­bauer. Mit seinen Spiel­ka­me­raden legte er den Grund­stein dafür, dass die Bayern später zum Maß aller Dinge im deut­schen Fuß­ball auf­steigen konnten. Doch als es soweit war, hatte er längst die Seiten gewech­selt.

Bei der Bun­des­li­ga­grün­dung war er 24 Jahre alt, ein Rie­sen­ta­lent, im Blick­feld der Natio­nalelf. Kein Wunder, dass die Sech­ziger – der frisch­ge­ba­ckene Süd­deut­scher Meister – ihm 1963 den Hof machten. Die Löwen hatten das Momentum auf ihrer Seite, die Bayern waren nicht für die Eli­te­liga vor­ge­sehen. Also ent­schied sich Grosser für den Erfolg, die Bun­des­liga, zog den Ärger der FCB-Anhänger auf sich und streifte sich fortan das him­mel­blaue Jersey über.

Ein bedeu­tendes Kapitel Fuß­ball­ge­schichte

Seine Mit­spieler riefen ihn Zinko“, weil er ein Trickser war. Einer, der die Dinge am liebsten mit sich selbst aus­machte. Vor seinem Wechsel zu 1860 gab er vor, mit einem Transfer zu For­tuna Düs­sel­dorf zu lieb­äu­geln, was für die Bayern nur sehr geringe Ablö­se­gelder gebracht hätte. Als er dann aber an der Säbener kundtat, dass er nur in die Nach­bar­schaft wei­ter­zöge, waren die Roten so glück­lich dar­über, dass sein Weg­gang nun doch ein erkleck­li­ches Sümm­chen ein­bringen sollte, dass sie ihn fast klaglos ziehen ließen. Später ver­riet er, dass Düs­sel­dorf in Wahr­heit für ihn nie ein Thema gewesen war. So war er, der Peter.

Mit Löwen-Trainer Max Merkel focht der reni­tente Mit­tel­feld­re­gis­seur zahl­lose Sträuße aus. Grosser besaß genug Power, die Schi­kanen des Zucht­meis­ters locker über sich ergehen zu lassen. Doch wenn etwas seinem Gerech­tig­keits­sinn wider­sprach, konnte der Mann­schafts­ka­pitän der großen Jahre auch kühl dagegen halten. Als Boss der 1860-Elf, die 1964 den DFB-Pokal gewann, im Jahr darauf im Euro­pa­po­kal­fi­nale dem Team von West Ham nur knapp unter­legen war und 1966 schließ­lich den Meis­ter­titel holte, schrieb Peter Grosser ein bedeu­tendes Kapitel deut­sche Fuß­ball­ge­schichte mit.

Doch er war es auch, unter dessen Regie die Löwen im Winter nach der Meis­ter­schaft den peit­schen­schwin­genden Coach in einer internen Abstim­mung aus dem Amt drängten. Ein typi­scher Grosser-Satz: Wir sind nicht wegen Merkel Meister geworden, son­dern trotz Merkel!“

Passt scho … – das ging mit Grosser nicht

Für Bun­des­trainer Sepp Her­berger galt ein Dick­kopf wie er als zu unbe­re­chenbar, um nach­haltig auf ihn im zen­tralen Mit­tel­feld zu setzen. Die WM 1966 unter dem neuen Natio­nal­coach Helmut Schön hätte Gros­sers Tur­nier werden können. Doch weil der Fein­geist mit der Mütze zau­derte, ob er ihn wirk­lich mit nach Eng­land nehmen würde, ver­ab­schie­dete sich Grosser nach seinem zweiten (und letzten) Län­der­spiel gegen Nord­ir­land Ende Mai 1966 kurz­fristig in den Som­mer­ur­laub.

Nach Rück­kunft rief ihn der Bun­des­trainer an und fragte, ob er sich noch zutrauen würde, eine Welt­meis­ter­schaft für Deutsch­land zu spielen. Eine rhe­to­ri­sche Frage. Doch Grosser beant­wor­tete sie nicht etwa wie erhofft mit Passt scho…!“, son­dern drückte seine Wert­schät­zung für Schöns Umgang mit ihm derart aus, dass er anwor­tete, er habe in der Sonne schön die Beine bau­meln lassen. Der Bun­des­trainer ließ ihn zu Hause, berief ihn nie mehr in die DFB-Aus­wahl – und fand in Franz Becken­bauer einen neuen Hoch­be­gabten, der seine Ära als Natio­nal­coach prägte.

Für Löwen-Fans war es lange Jahre ein unter­halt­sames Gedan­ken­spiel, ob es Franz, die Licht­ge­stalt“ je gegeben hätte, wenn Peter Grosser nicht so ein Stiesel gewesen wäre, die Säbener Straße nie ver­lassen hätte und dem Bun­des­trainer nicht so leicht­fertig die kalte Schulter gezeigt hätte.

Grosser selbst hat zumin­dest öffent­lich nie geha­dert mit seinen Ent­schei­dungen. Er beglei­tete als Profi noch eine Zeit­lang den Nie­der­gang des TSV 1860. Mit 31 Jahren wech­selte er zu Aus­tria Salz­burg, spielte sechs Jahre in der öster­rei­chi­schen Liga und erfreute sich am schönen Fuß­bal­ler­da­sein – wenn auch weit unter seinen Mög­lich­keiten.

Nach der Lauf­bahn blieb er seinem Hang zu unkon­ven­tio­nellen Kar­riere-Wen­dungen treu. In zehn Jahren als Trainer der Spiel­ver­ei­ni­gung Unter­ha­ching formte er den unbe­deu­tenden Bezirks­li­gisten aus dem Münchner Vorort zu einem ambi­tio­nierten Dritt­li­gisten. In der Saison 1987/88 stieg er auch mit dem SV Türk Gücü in die Bay­ern­liga auf und eta­blierte den Klub dort.

Bei den 1860-Tra­di­tio­na­listen eckte Grosser an

Den Nie­der­gang seines Ex-Klubs 1860 Mün­chen ver­folgte er über all die Jahre mit der ihm eigenen Melan­cholie, mit­unter auch mit bei­ßendem Spott, doch nie­mals abschätzig. Als frage er sich nur stets aufs Neue: Wie ist das alles nur mög­lich?“ Bei den Tra­di­tio­na­listen eckte er an, weil er auch wohl­wol­lende Worte für Investor Hasan Ismaik fand. Doch Grosser war auch des­halb ein bedeu­tender Fuß­baller, weil er stets von Erfolgs­hunger getrieben war. Im Enga­ge­ment des Jor­da­niers erkannte er zumin­dest anfangs die Chance, dass Sechzig wieder an alte Tri­umphe anknüpfen kann.

Seine Hoff­nungen blieben aber bis zuletzt uner­füllt.

Die Tragik seiner Kar­riere als Profi steht jedoch in keinem Ver­hältnis zu dem schwer fass­baren Drama, das Peter Grosser in seinem Pri­vat­leben zu erdulden hatte. Sein Sohn Peter starb im Jahr 1979 mit gerade mal 19 Jahren an den Folgen eines Ver­kehrs­un­falls.

Sohn Thomas, der zeit­weise für die Spiel­ver­ei­ni­gung Unter­ha­ching in der zweiten Liga gespielt hatte, brach im Jahr 2008 mit nur 42 Jahren bei einem Hal­len­trai­ning zusammen und konnte nicht wie­der­be­lebt werden.

Grosser hat mehr­fach betont, dass die pri­vaten Schick­sals­schläge schwer an seinem Lebensmut gerüt­telt haben. Doch auf­geben war für ihn nie eine Option. Den Lock­down, so schreibt der Münchner Merkur“, ver­brachte er mit aus­ge­dehnten Rad­touren durch den Fürs­ten­rieder Forst.

Mün­chen ist zeit­le­bens sein Zuhause geblieben. Am 2. März 2021 wurde Peter Grosser tot in seiner Woh­nung in der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt auf­ge­funden.