Seite 2: Geister- statt Derby-Stimmung

In den gemein­samen Gesprä­chen erklärte der 1. FC Köln, im Mün­gers­dorfer Sta­dion nur für die Sicher­heit von etwa sieben Pro­zent der Glad­ba­cher Fans (etwa 3.700 Karten) sorgen zu können. Die Ver­eins­füh­rung der Borussia nahm dieses Votum hin, die Fans gingen auf die Bar­ri­kaden und boy­kot­tierten – mit Erfolg.

Nur wenige Hun­dert Anhänger standen beim Derby im Gäs­te­block. Über­ra­schend erhielten die Glad­ba­cher sogar aus der Dom­stadt Unter­stüt­zung: Die Kölner Fan­szene ver­sagte dem eigenen Verein aus Pro­test den orga­ni­sierten Sup­port. Geister- statt Derby-Stim­mung! Aber auch eine Lösung? Oder ein ver­zwei­felter Ver­such der Fans, das Heft des Han­delns in der Hand zu halten?

Der schwarze Peter wan­dert ständig umher

Um diese Fragen zu beant­worten, muss zunächst das extrem kom­pli­zierte Span­nungs­feld genauer ana­ly­siert werden, in dem vor allem die beiden großen NRW-Derbys geplant und durch­ge­führt werden. Ein Span­nungs­feld, in dem fünf Akteure mit­mi­schen, die sich teil­weise gegen­seitig nicht leiden können: Polizei, Politik, Ver­bände (DFL, DFB), Ver­eine und Fans. Der schwarze Peter wan­dert ständig umher, die Kom­mu­ni­ka­tion bleibt auf der Strecke. Eine explo­sive Mischung.

Am Anfang der neu­er­li­chen Dis­kus­sion zwi­schen Fans, Politik und Polizei standen in erster Linie Aus­schrei­tungen einiger wenigen Anhän­gern. Nach dem über­ar­bei­teten DFL-Sicher­heits­pa­pier 2012 hatte sich die Lage zunächst etwas ent­spannt. Die Fans hatten in der Aktion 12:12 ihrem Ärger Luft gemacht. Sie hatten gezeigt: Ohne uns geht es nicht! Doch die Behörden blieben miss­trau­isch – und bekamen von den Fans Zünd­stoff gelie­fert: 2013 nahmen BVB-Anhänger den Gäs­te­block in Gel­sen­kir­chen aus­ein­ander, in Köln griffen Glad­bach-Hoo­li­gans und ‑Ultras im ver­gan­genen Jahr vor dem Spiel die Süd­kurve an, nicht zuletzt dann die Revanche“ einiger FC-Ultras im Februar.

Als Gruppe decken sie diese Per­sonen“

Zumin­dest die Sicher­heits­be­hörden glauben des­halb, das Pro­blem loka­li­siert zu haben: die Ultras. Die Ultras haben Leute in ihren Reihen, die lieber Theater machen wollen anstatt sich das Spiel anzu­schauen“, sagt Arnold Pli­ckert von der Gewerk­schaft der Polizei (GdP). Und auch wenn das nicht alle von ihnen wollen: Als Gruppe decken sie diese Per­sonen.“

Pli­ckert schätzt die Polizei-Ein­satz­kosten bei den Risi­ko­spielen (etwa 1.200 Beamte) auf 700.000 bis 800.000 Euro. Man könne die Summe pro­blemlos redu­zieren, wenn die Pro­blem­fans nicht anreisen würden – wie im Schalker oder Glad­ba­cher Fall. Natür­lich würde ich meine Kol­legen lieber in ein volles Sta­dion schi­cken. Aber aus Polizei-Sicht ist es gut, wenn bestimmte Gruppen zuhause bleiben. Zuletzt ist es dann ruhig geblieben“, so Pli­ckert.

Die Polizei spricht sich damit deut­lich für einige aus der Politik vor­ge­schla­gene Maß­nahmen aus: Redu­zie­rung von Karten-Kon­tin­genten und Per­so­na­li­sie­rung von Karten. Im Juli 2015 rich­tete sich NRW-Innen­mi­nister Ralf Jäger mit einem Brief an die die Ver­ant­wort­li­chen aller West-Ver­eine (Dort­mund, Schalke, Köln, Lever­kusen, Mön­chen­glad­bach, Münster, Düs­sel­dorf, Duis­burg und Essen). Der SPD-Poli­tiker drängte – im Nach­gang der Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz in Mainz – auf eine Begren­zung der Gäs­te­karten bei beson­ders ris­kanten Spielen. Es komme, so der Minister, zu häufig zu Ver­su­chen großer Störer­gruppen, Gewalt­tä­tig­keiten zu initi­ieren“. Des­halb solle eine Puf­fer­zone zwi­schen riva­li­sie­renden Fans in Sta­dien ein­ge­richtet werden“.

Gewalt­su­chende Störer fahren trotzdem zum Aus­wärts­spiel“

Der Brief des Innen­mi­nis­ters zog in Deutsch­lands aktiven Fan­szenen einen Auf­schrei nach sich. Die Anhänger for­derten ihre Ver­eine auf, sich gegen die Pläne zu stellen. Die Ver­eine hielten sich jedoch zunächst zurück. Einzig Borussia Mön­chen­glad­bach posi­tio­nierte sich in einem drei­sei­tigen Brief, der unserer Redak­tion vor­liegt, gegen Jägers Ideen. Die ange­dachten Maß­nahmen, also Kon­tin­gent-Kür­zungen oder Per­so­na­li­sie­rungen, seien nicht richtig“ und würden nichts daran ändern, dass gewalt­su­chende Störer (…) trotzdem zum Aus­wärts­spiel (…) fahren und dort in der Stadt oder im Sta­dion für Unruhen sorgen“.

Ste­phan Schip­pers, Unter­zeichner des Schrei­bens, sieht in Jägers Vor­schlägen nur das letzte Mittel“. Der Geschäfts­führer von Borussia Mön­chen­glad­bach erklärt im Gespräch, er kenne seine ver­eins­in­ternen Pap­pen­heimer“, setze aber wei­terhin die Kom­mu­ni­ka­tion mit den aktiven Fans: Es geht nur über den Dialog. Wir müssen unsere Fan­szene ernst, aber auch in die Pflicht nehmen.“ Dann benutzt Schip­pers einen Satz, den er gerne ver­wendet, wenn er über die aktu­elle fan­po­li­ti­sche Situa­tion spricht: Wir Ver­eine und die Fan­szenen müssen auf­passen, dass wir den Ast auf dem wir alle sitzen nicht selber absägen.“