Seite 3: „Wir hatten Angst“

Mitten in diesem kom­pletten Chaos, das für die Ein­füh­rung der Win­ter­pause sorgen sollte, reiste Glad­bach zu einem der bedeut­samsten Freund­schafts­spiele der deut­schen Fuß­ball- und Poli­tik­ge­schichte: nach Israel. Weis­weiler war befreundet mit dem israe­li­schen Natio­nal­trainer Ema­nuel Schaffer und hatte ihm zuge­sagt, dass er eines Tages mit einer deut­schen Elf auf jüdi­schem Boden Fuß­ball spielen würde. Vier Tage vor dem Spiel gab es einen Ter­ror­an­schlag auf einen Swis­sair-Flug nach Tel Aviv“, sagt Köppel. Alle Insassen sind gestorben. Da wollten wir Spieler nicht mehr nach Israel fliegen. Wir hatten Angst.“ 

Die war kei­nes­wegs unbe­gründet. Gerade erst hatte die PLO ver­sucht, auf dem Flug­hafen Mün­chen eine Maschine zu kapern. Keiner konnte ver­stehen, warum Hennes unter diesen Umständen unbe­dingt dort spielen wollte“, sagt Köppel. Erklärt hat er uns das nicht, er schickte lieber Manager Helmut Gras­hoff vor. Dann schal­tete sich auch noch Bun­des­kanzler Willy Brandt ein. Die Sache war ja ein Poli­tikum. Am Ende flogen wir auf einer geheimen Route mit einer Maschine der Luft­waffe.“

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Ull­stein

Das Spiel gegen die israe­li­sche Natio­nalelf, das Glad­bach vor kei­nes­wegs feind­se­ligen, son­dern viel­mehr begeis­terten Zuschauern deut­lich gewann, gilt als Wen­de­punkt in der Bezie­hung beider Länder. Aber es war auch eine große Stra­paze für die Fuß­baller. Wir sind am Don­nerstag zurück­ge­flogen“, sagt Köppel. Und am Samstag spielten wir gegen Bremen. Ganz kurz vor Schluss hat Ulrik Le Fevre das 1:0 gemacht.“ Das war Glück für die Fohlen, denn die Kölner waren gerade im Begriff, mit neun Siegen in Serie einen neuen Liga­re­kord auf­zu­stellen. Ihre Serie riss Mitte März gegen Ober­hausen. Ent­täuschte Kölner Fans drehten durch und griffen den RWO-Bus mit Steinen und Fla­schen an. Er sieht jetzt aus wie nach einem Tief­flie­ger­an­griff“, sagte der junge Co-Trainer der Gäste über das Gefährt, ein Mann namens Karl-Heinz Feld­kamp.

Nun waren nur noch die Bayern den Fohlen auf den Fersen. Im April ver­loren wir drei Spiele in Folge mit 0:1“, erin­nert sich Köppel. Da haben alle gesagt: Jetzt fallen sie doch wieder aus­ein­ander.“

Auf einmal war ihm das Ver­tei­digen wichtig“

Netzer über Weisweiler

Doch am vor­letzten Spieltag stand Glad­bach wei­terhin vorne und brauchte nur einen Heim­sieg unter Flut­licht gegen den HSV. Es war der 30. April 1970, ein Don­nerstag. Nach 47 Minuten stand es 4:0. Nach 85 Minuten nur noch 4:3. Ich kann mich nicht mehr an viele Dinge aus jener Zeit erin­nern“, sagt Netzer. Aber das weiß ich noch: Ich drehte mich um und sah, dass wir einen neuen Libero hatten. Weis­weiler stand vor unserem Tor, mitten auf dem Rasen, und schimpfte mit den Abwehr­spie­lern! Auf einmal war ihm das Ver­tei­digen wichtig.“ Dann war Schluss. Um 21.46 Uhr wurden im Stadt­teil Eicken die Kir­chen­glo­cken geläutet. Als DFB-Prä­si­dent Her­mann Gös­mann die Schale über­reichte, sagte er: Es war die här­teste Saison, die es jemals gab.“ Das erste Glück­wunsch­te­le­gramm, das in Glad­bach ein­traf, kam vom FC Bayern. Die Sieb­ziger hatten begonnen.