Seite 2: Weisweiler hatte das Näschen

Noch ein halbes Jahr­hun­dert später muss Horst Köppel lachen. Ja, an die Geschichte kann ich mich gut erin­nern“, sagt er. Wir hatten an dem Abend 5:0 gewonnen. Ich glaube, gegen Han­nover. Hennes war offenbar in Fei­er­laune. Aber die Kölner haben ihn dann ja doch noch bekommen, wenn auch erst einige Jahre später.“ Weis­weiler war sicher in guter Stim­mung, denn seine Elf führte inzwi­schen die Tabelle an und sollte wenig später auch Herbst­meister werden. Doch der Vor­sprung war nicht groß. Titel­ver­tei­diger FC Bayern und aus­ge­rechnet der 1. FC Köln lagen eben­falls gut im Rennen. Warum also ver­län­gerte Weis­weiler so früh per Hand­schlag? Er war ein Schlitzohr“, meint Netzer. Er hat gesehen, was für eine Ent­wick­lung diese junge Mann­schaft schon gemacht hatte und wel­ches Poten­tial sie noch besaß. Es wäre schon eine sehr grobe Fehl­ein­schät­zung von Weis­weiler gewesen, hätte er in dieser Phase den Klub ver­lassen.“

In der Mann­schaft mit so viel Poten­tial standen junge Stürmer wie Köppel, der die hun­dert Meter in 11,4 Sekunden lief, oder der däni­sche Links­außen Ulrik Le Fevre, den Weis­weiler durch Zufall bei Vejle BK ent­deckt hatte, als er eigent­lich Johnny Hansen unter Ver­trag nehmen wollte. Aber seit dem Sommer 1969 gehörten zur Foh­len­herde eben auch knüp­pel­harte Ver­tei­diger wie Ludwig Müller und Klaus-Dieter Sieloff. Was meinen Sie, wie viele Gespräche nötig waren, bis Weis­weiler schließ­lich unsere Abwehr ver­stärkte“, seufzt Netzer. Müller war ein Muss-Transfer. Wir hatten auch die Chance, Wolf­gang Weber zu kriegen, falls Köln abge­stiegen wäre. So wurde es Sieloff. Der war nicht mehr erste Wahl in Stutt­gart und erschien mir über­ge­wichtig. Aber Weis­weiler hatte das rich­tige Näs­chen. Das hat er gut gemacht.“ Dass Trainer und Spieler ständig im Aus­tausch standen, sieht man auch an einer Nach­richt, die Ende 1969 die Runde machte: Borussia Mön­chen­glad­bach hat jetzt so etwas wie einen Betriebsrat“, mel­dete der ver­blüffte Kicker“. Gemeint war ein gewählter Spie­lerrat, der aus Netzer, Vogts sowie Mit­tel­feld­spieler Peter Diet­rich bestand und die Inter­essen der Mann­schaft ver­treten sollte. Das war damals ganz und gar nicht üblich“, sagt Netzer. Aber Weis­weiler mochte kon­tro­verse Dis­kus­sionen, weil er wusste, dass dabei immer etwas rauskam.“

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Wie Netzer und seine Kol­legen aller­dings bald erfahren sollten, gab es da eine Sache, bei der Weis­weiler sich auf keine Debatte ein­ließ: Freund­schaft. Er hatte einem alten Mit­streiter ein Ver­spre­chen gegeben und das würde er halten, selbst wenn es ihn mehr kosten sollte als eine Fuß­ball­meis­ter­schaft. Doch bevor es so weit war – bevor der Betriebsrat“ den Trainer buch­stäb­lich, aber ver­geb­lich anflehte, seine Mei­nung zu ändern –, brachte etwas anderes die Glad­ba­cher Titel­träume in Gefahr: das Wetter.

Für die Fohlen sollte die Rück­runde schon am 9. Januar starten, was damals nicht unge­wöhn­lich war. Doch dann brach einer der här­testen Winter des Jahr­hun­derts über Europa herein. Am Neu­jahrstag sanken die Tem­pe­ra­turen vie­ler­orts auf minus 15 Grad, sechs Tage später fiel im Flach­land mehr als ein halber Meter Schnee. An Fuß­ball war nicht zu denken. Der 18. Spieltag wurde kom­plett abge­sagt, eine Woche später fielen wieder sechs Begeg­nungen aus. Bald schleppten alle Klubs ständig drei oder vier Nach­hol­spiele mit sich rum“, erin­nert sich Köppel. Des­wegen war die Tabelle sehr unüber­sicht­lich.“

An Fuß­ball war nicht zu denken“

Mitte Februar stand die Gesamt­zahl der aus­ge­fal­lenen Spiele schon bei 35. Weil die WM in Mexiko unge­wöhn­lich früh begann, gab es bei der Ter­min­wahl fast keinen Frei­raum. Der DFB fasste einen radi­kalen Ent­schluss: Die letzten vier Runden des Pokals wurden ein­fach auf die nächste Saison ver­schoben. (Das Finale zwi­schen Köln und Offen­bach fand am 29. August statt.)