Eine Gruppe Jungs amü­siert sich beim Elf­me­ter­schießen vor ein paar Fans von Olym­pique Lyon. Einige der Schützen haben die Haare gegelt, andere einen Iro­ke­sen­schnitt, alle maximal ein paar dünne Haare am Kinn. Man könnte meinen, Schüler hätten sich die Trai­nings­leib­chen der Profis sti­bitzt. Doch die Besitzer dieser jungen Gesichter heißen Corentin Tolisso, Rachid Ghezzal, Samuel Umtiti, Clinton Njie, Farès Bahlouli, Mohamed Yattara oder Alex­andre Laca­zette – und sie haben in der letzten Saison bis zum Schluss die Star­truppe von Paris Saint-Ger­main geär­gert.

Mit seinen 24 Jahren gilt Laca­zette, Frank­reichs Tor­schüt­zen­könig der Saison 2014/15, in diesem Umfeld fast schon als alter Hase. Das Elf­me­ter­schießen unter Kum­pels ist ein beliebtes Ritual. Diesmal geht es um ein Trikot“, sagt der an diesem son­nigen Morgen erfolg­lose Laca­zette. Der Ver­lierer muss jedem ein Exem­plar über­geben. Das macht zusammen sieben Tri­kots, also hat nie­mand Lust, es in den Sand zu setzen.“

Innen­ver­tei­diger Samuel Umtiti neckt seinen Mit­tel­stürmer, der gerade einen Schuss an den Pfosten gesetzt hat: Du musst treffen, Bruder! Seit ich zuschaue, hast du noch keinen rein­ge­macht. Vom Punkt muss man treffen!“ Dabei weiß Umtiti, dass Laca­zette auf diesem Gebiet eigent­lich bril­liert – acht seiner 27 Treffer in der Ligue 1 waren Elf­meter. Ein Elfer, das ist Kon­zen­tra­tion und ein biss­chen Glück“, wie­gelt Laca­zette ab. Umtiti, 21 Jahre alt, ist so etwas wie sein per­sön­li­cher Schütz­ling. Als im Sommer 2014 erst­mals Gerüchte über einen Weg­gang des Stür­mers die Runde machten, wurde Umtiti trotzig und kün­digte an, dass er OL eben­falls ver­lassen werde. Nie­mals ohne seinen Alex. Ein Jahr später ist er robuster geworden. Als er seinen eigenen Elf­meter ver­schießt, sagt Umtiti lapidar: Zu viel Wind heute!“ Laca­zette bemüht einen Ver­gleich, um die Atmo­sphäre im Kader von Olym­pique zu beschreiben: Es ist ein Dschungel … aber wie im Zei­chen­trick­film. Nie­mand ver­hält sich hin­ter­hältig.“

Jedes Jahr wieder diese quä­lenden Fragen“

Umtiti ist mit neun Jahren zum Verein gekommen, Tor­wart Anthony Lopes mit zehn. OL hat ein unglaub­li­ches Gespür für Talente aus der Region, das Aus­bil­dungs­zen­trum ist eine Talent­schmiede ersten Ranges. Alex­andre Laca­zette hin­gegen ent­deckt in einem Alter, in dem seine Freunde aus dem Viertel Mermoz im Fern­sehen Mangas schauen und ihre ersten Kippen rau­chen, seine Angst vorm Ver­sagen. Jedes Jahr wieder stellt man sich diese quä­lenden Fragen: Schafft man den Sprung oder bleibt man ein ewiges Talent? Es ist ein kleiner Stich, der dich quält und dich hin­dert, ruhig schlafen zu gehen.“

Laca­zette, kraft­voll und tech­nisch ver­siert, schafft jedes Mal den Cut. Doch er sieht, wie seine Kame­raden – etwa sein guter Freund Chris – einer nach dem anderen ver­schwinden. Das tut weh, aber man ist darauf vor­be­reitet. Man weiß, dass die Geschichte nicht für alle gut enden wird.“ Am Ende sind von seinem Jahr­gang nur noch Clé­ment Gre­nier (der noch immer bei Lyon unter Ver­trag steht) und Yannis Tafer (heute beim FC St. Gallen in der Schweiz) übrig. Als Klub­le­gende Ber­nard Lacombe einmal vor­bei­kommt, um die U16 spielen zu sehen, schüt­telt er Laca­zette kurz die Hand, wendet seine Auf­merk­sam­keit dann aber anderen zu. Clé­ment und Yannis wurden stärker pro­te­giert als ich, zwei­fellos zurecht“, sagt Laca­zette. Ich habe mich für sie gefreut, als sie ihren Pro­fi­ver­trag unter­schrieben haben, und keinen Neid ver­spürt. Aber ich wollte meinen eigenen Platz an der Sonne und bin stolz, darum gekämpft zu haben.“

Zunächst einmal aber muss er lernen, seinen Schmerz zu beherr­schen, ähn­lich wie Mel Gibson in Lethal Weapon“: Ich habe mir jedes Wochen­ende die Schulter aus­ge­renkt, und danach habe ich sie mir wieder ein­ge­renkt. Das war zu Beginn eine per­ma­nente Qual, später hat sich der Schmerz nach zwei oder drei Tagen gelegt.“ Als er 19 Jahre alt ist, beschließt der Klub, ihn von einem Spe­zia­listen für Schul­ter­chir­urgie ope­rieren zu lassen. Danach muss er nur noch an einem men­talen Pro­blem arbeiten: Der junge Alex ist ent­schieden zu selbstlos und über­treibt es oft mit der Suche nach dem besser pos­tierten Mann.