Dirk Dre­scher, am 10. August 1985 bestritten Sie erst- und letzt­mals ein Bun­des­li­ga­spiel. Erzählen Sie, wie kam es dazu?

Ich war zu diesem Zeit­punkt Tor­wart der Bochumer A‑Jugend. Stamm­tor­wart der Pro­fi­mann­schaft war damals Ralf Zum­dick, Ersatz­keeper Markus Croonen. Eine Woche vor dem ersten Sai­son­spiel beim 1. FC Nürn­berg kam jemand vom Vor­stand beim Trai­ning der A‑Jugend vorbei. Ich musste die Ein­heit beenden und wurde zur Geschäfts­telle beor­dert. Es hieß, Rolf Schaf­stall hätte etwas mit mir zu bespre­chen.



Klingt wie in einem Agen­ten­film.

Leider kam es mir nicht vor, als hätte man mich für eine geheime Mis­sion aus­er­wählt.

Son­dern wie im Fahr­stuhl zum Scha­fott?

Schon eher. Doch dann teilte mir Rolf Schaf­stall mit, dass ich am Wochen­ende mit den Profis nach Nürn­berg fahren werde. Nun kannte ich also end­lich den Sach­ver­halt, doch wes­halb die Anspan­nung auch dann noch nicht wei­chen wollte, können Sie sich wohl denken.

Sie saßen aber nur auf der Ersatz­bank.

Markus Croonen stand an diesem Samstag gegen Nürn­berg zunächst im Tor, das stimmt. Wie ich später auch, gab er eben­falls sein Bun­des­li­ga­debüt. Doch nach 25 Minuten bekam er für ein Foul die Rote Karte. Schlag­artig wurde mir klar: Jetzt musst du da rein!“

Wie haben Sie sich gefühlt?

Als sich meine Ein­wechs­lung anbahnte war ich hyper­nervös! Plötz­lich wähnte ich mich an einem Ziel ange­langt, von dem ich seit Jahren geträumt hatte, nun wollte ich es auf keinen Fall ver­mas­seln.

Konnten Sie die Ner­vo­sität im Spiel ablegen?

Anfangs klopften mir einige Mann­schafts­kol­legen auf­mun­ternd auf die Schul­tern. Ich hatte es auch bitter nötig. Nach den ersten Bällen, die ich sicher in den Händen hielt bekam ich die Sicher­heit, die ich benö­tigte. Danach spielte ich wie in Trance.


Mit Ihnen im Tor gewann der VfL Bochum mit 1:0. Warum reichte das Spiel nicht aus, um Start­schuss für eine Pro­fi­kar­riere zu werden?

Dafür, dass Rolf Schaf­stall im Abstiegs­kampf nicht auf einen Knaben wie mich bauen konnte, hatte ich vollstes Ver­ständnis. Ich war blut­junge sieb­zehn Jahre alt und für Bochum ging es in jedem Spiel um alles.

Bochum ver­pflich­tete über Nacht den ehe­ma­ligen Glad­ba­cher und Welt­meister Wolf­gang Kleff.


Das Bochum ihn ver­pflich­tete um die Ver­let­zungs­pause von Ralf Zum­dick zu über­brü­cken, fand ich nach­voll­ziehbar. Ohne despek­tier­lich klingen zu wollen: Von der Leis­tung hätte ich es damalas mit ihm auf­nehmen können!

Rolf Schaf­stall hat Sie jedoch nicht weiter geför­dert?

Es gab für mich auf abseh­bare Zeit keine Aus­sicht auf Spiel­praxis. Ralf Zum­dick war berech­tig­ter­weise noch über Jahre lang unan­tastbar die Nummer 1. Hätte ich jedoch die Chance bekommen, mich noch in einigen wei­teren Spielen der Saison zu prä­sen­tieren, wäre viel­leicht ein anderer Verein auf mich auf­merksam geworden oder Bochum hätte mir eine län­ger­fris­tige Per­spek­tive auf­zeigen können.

Wie ging es danach weiter?

Nach drei Jahren in der Jugend und dem Jahr im Senio­ren­be­reich des VfL Bochum ging es irgendwie nicht weiter. Ich fühlte, es sei das Beste einen Rück­schritt in Kauf zu nehmen, um von unten neu anzu­fangen. Anfangs fasste ich den Plan, mich über einen höher­klas­sigen Ama­teur­verein nach oben zu arbeiten, die SF Oestrich-Iser­lohn wurde letzt­lich mein neuer Hei­mat­verein. Mit der Pro­fi­lauf­bahn wurde es aber nichts mehr. Doch ganz ehr­lich, ich trauere dem jetzt nicht hin­terher.

Hätten Sie heute eine grö­ßere Chance auf eine Kar­riere als Fuß­ball­profi?

Ich hatte Talent, doch leider keine Per­spek­tive und auch nie­manden, der sich um meinen wei­teren sport­li­chen Weg geküm­mert hätte. Meine Eltern haben sich wirk­lich sehr für mich enga­giert und ein Spie­ler­ver­mittler hätte mich sicher an einen anderen Verein wei­ter­ver­mit­teln können. Heute wäre das viel­leicht anders gelaufen, jeden­falls ist es heut­zu­tage nicht unüb­lich, dass ein 17jähriger einen Berater hat. Beson­ders für Tor­hüter aber bleibt das limi­tierte Angebot an Arbeits­plätzen das größte Pro­blem.

Nach über zwanzig Jahren hüteten Sie kürz­lich nochmal das Tor für die Sport­freunde Oestrich-Iser­lohn. Was war denn da pas­siert?

Unser Stamm­tor­wart Andre Lin­den­blatt war krank und der zweite Mann Damian Hallas ver­letzte sich Sgegen Mühl­hausen gegen unglück­li­cher­weise schon nach zwei Minuten, so kam ich ins Spiel.

Klingt ja ähn­lich wie 1985. Waren Sie für diesen Ernst­fall genü­gend vor­be­reitet?

Da ich als Tor­wart­trainer immer aktiv am Trai­ning betei­ligt bin ist bei mir eine gewisse Grund­fit­ness sicher vor­handen. Mehr als eine Trai­nings­ein­heit pro Woche lässt sich neben meinem Beruf als Poli­zist aller­dings nicht rea­li­sieren und mit regel­mä­ßiger Spiel­praxis, die man in höheren Ama­teur­klassen benö­tigt, kann ich auch nicht her­halten. Auf­grund meiner Erfah­rung war der Ein­satz jedoch über­haupt kein Pro­blem für mich.

Wie hat sich ange­fühlt, nach fünf­und­zwanzig Jahren wieder bei einem Pflicht­spiel im Tor zu stehen?

Es fühlt sich so an, als hätte sich für mich ein Kreis geschlossen. Früher in der Bun­des­liga war ich der jüngste und nun bin ich wahr­schein­lich der älteste Tor­wart, der je in der West­fa­len­liga auf­ge­laufen ist. Ich dachte nur: Der alte Mann ist wieder da.