Trotz all des Tru­bels um das Finale Furioso ist eines klar: Die erste Halb­zeit zwi­schen Bayern Mün­chen und Real Madrid dürfte auf­grund der hohen Anzahl an Tor­mög­lich­keiten so schnell nicht ver­gessen werden. Wer das erste Halb­fi­nale zwi­schen Chelsea und Bar­ce­lona Tags zuvor ver­folgt hatte, dürften sich ges­tern Abend ver­wun­dert die Augen gerieben haben: Das soll Fuß­ball sein? So ganz ohne Ver­tei­di­gung am eigenen Sech­zehner und defen­sive Sta­bi­lität? Es wirkte so, als habe Chelsea allen Defen­siv­geist Europas am Vor­abend auf­ge­braucht.

Beim defen­siven Not gegen Elend waren die Bayern zu Spiel­be­ginn sogar noch unter­legen. In der Anfangs­phase machte die Elf Jupp Heynckes den großen Fehler, keinen Druck auf Xabi Alonso aus­zu­üben. In den ersten fünf Minuten konnte dieser gleich dreimal zu Spiel­ver­la­ge­rungen auf die rechte Flanke ansetzen – öfter als im gesamten Hin­spiel zusammen. Der Hand­elf­meter, den Alaba in der 6. Minute ver­schul­dete, war nicht in erster Linie der Fehler des jungen Öster­rei­chers – der lange Ball von Alonso auf di Maria hätte gar nicht erst pas­sieren dürfen.

Früher Rück­stand sorgte für Desta­bi­li­sa­tion

Der frühe Rück­stand desta­bi­li­sierte die Bayern noch stärker. Nachdem sie zunächst Alonso igno­rierten, jagten sie ihn nun regel­recht. Luiz Gus­tavo und Bas­tian Schwein­s­teiger rückten weit auf, um mit Kroos das Auf­bau­spiel früher zu stören. Hier­durch ent­standen jedoch große Räume zwi­schen dem Mit­tel­feld und der Abwehr­reihe, die bewusst etwas tiefer stand – bei zu weitem Auf­rü­cken hätte die Mün­chener Vie­rer­kette Schnitt­stel­len­pässe auf den pfeil­schnellen Cris­tiano Ronaldo ris­kiert.

Es schlug die große Stunde des Mesut Özils. Räume zwi­schen geg­ne­ri­schen Ketten sind das natür­liche Habitat des Deutsch-Türken. Er kam einige Male gefähr­lich im Zen­trum an den Ball, so auch vor dem 0:2. Auch wenn der Pass zu ihm eher unbe­ab­sich­tigt war, muss sich die Bayern-Ver­tei­di­gung den Vor­wurf gefallen lassen, ihm zu viel Platz geboten zu haben. Gedan­ken­schnell bediente er Ronaldo (14.) – die ein­zige Situa­tion im Spiel, in der Philipp Lahm den Por­tu­giesen nicht kalt stellte.

Auch danach war Özil wich­tigste Figur im Madrider Spiel, oft­mals wussten sich die Bayern nur mit einem Foul zu helfen. Sieben Mal wurde der Deutsch-Türke bis zur 60. Minute gelegt – ein sehr hoher Wert. Der Rekord­meister hatte Glück, dass die König­li­chen äußerst inef­fektiv nach Stan­dard­si­tua­tionen waren.

Aber nicht nur die Bayern, son­dern auch das Team des Defen­siv­fa­na­ti­kers Jose Mour­inho offen­barte uner­war­tete Lücken. Die Außen­ver­tei­diger hielten ihre Posi­tionen nicht kon­se­quent, Arjen Robben und Franck Ribery konnten die offensiv den­kenden Gegen­spieler oft aus der Vie­rer­kette ziehen. Beson­ders bei
Kon­ter­si­tua­tionen ergaben sich Mög­lich­keiten, über die Flügel zu kommen. Der Anschluss­treffer wurde kon­se­quen­ter­weise von Rechts­außen ein­ge­leitet“ – Pepes Schubser gegen Gomez ging eine Flanke von Kroos voraus. Mar­celo war mal wieder zu weit auf­ge­rückt. Robben über­wand sein BVB-Trauma und ver­wan­delte (27.).

Die Chancen am Fließ­band begeis­terten die vielen Fans welt­weit – für die Trainer war die erste Hälfte jedoch sicher­lich ein Alb­traum. Nichts wurmt die meisten Trainer so sehr, als wenn ihr Team defen­sive Mecha­nismen nicht ein­hält. Es war kein Wunder, dass die Mann­schaften wesent­lich defen­siv­ori­en­tierter aus der Kabine zurück­kehrten – sie dürften eine gesal­zene Ansprache bekommen haben. Beide Teams atta­ckierten fortan nicht mehr so hoch.

Starker Schwein­s­teiger, schwä­chelnder Ribery

Spe­ziell die Gäste sta­bi­li­sierten ihre Ver­tei­di­gung. Hierfür neu­tra­li­sierten sie die geg­ne­ri­schen Schlüs­sel­spieler: Kroos hatte fortan ein Auge auf Xabi Alonso, dahinter wech­selten sich Schwein­s­teiger und Gus­tavo mit der Bewa­chung Özils ab. Obwohl Alonso sich sehr tief fallen ließ, hatte er stets einen Mün­chener Gegen­spieler. Pepe und Sergio Ramos waren mit der Spiel­eröff­nung über­for­dert, Özil war zudem als Ver­bin­dungs­spieler abge­meldet. Ronaldo und Ben­zema hingen so wei­test­ge­hend in der Luft. Auf Seiten Reals war Sami Khe­dira nun immer nah bei Toni Kroos und min­derte dessen Wir­kung im letzten Drittel.

Bay­erns Offen­sive funk­tio­nierte trotz des blasser wer­denden Kroos besser als die ihrer Gegner. Schwein­s­teiger ließ sich ebenso wie sein spa­ni­sches Pen­dant tief fallen. Er war dabei wenig Druck aus­ge­setzt, so dass er aus der eigenen Hälfte mit seinen Ideen das Mün­chener Spiel berei­chern konnte. Jedoch wurden seine Pässe Rich­tung Außen zu selten von erfolg­rei­chen Aktionen abge­schlossen. Robben hatte einige gelun­gene Aktionen, bei Ribery kamen hin­gegen sta­tis­tisch auf ein gelun­genes Dribb­ling und zwei miss­lun­gene. Zu wenig für einen Spieler von Riberys Klasse. Beide hatten zudem mit den dis­zi­pli­nier­teren Außen­ver­tei­di­gern Reals zu kämpfen. Bayern kam dem­entspre­chend am ehesten zu Chancen, wenn sie schnellen Ein-Kon­takt-Fuß­ball spielten und Real unsor­tiert erwischten. Die größte Chance nach einer tollen Kom­bi­na­tion über Alaba und Robben ver­passte Gomez jedoch (86.).

In der Ver­län­ge­rung wurde es eine klas­si­sche Zit­ter­partie. Angst war das domi­nie­rende Motiv, kein Team wollte den ent­schei­denden Fehler machen. Am Ende zeigte der Fuß­ball seine grau­samste Fratze: das Elf­me­ter­schießen. Einen ver­dienten oder unver­dienten Sieger gibt es hier nicht, so dass am Ende den Bayern die Glück­wün­sche und den Madri­lenen das Bei­leid gilt. Und ob es eine gelun­gene Taktik ist, den nomi­nell sichersten Elf­me­ter­schützen zu Beginn oder am Ende schießen zu lassen – dar­über sollen andere richten.