Socrates, der große bra­si­lia­ni­sche Fuß­baller ist tot. Sein vom Alkohol zer­fres­sener Körper hat den Anstren­gungen einer Bak­te­rien-Infek­tion nicht stand­halten können. Das ist so unfassbar traurig. Es zeigt aber auch die große Gefahr des Alko­hol­miss­brauchs, nicht nur in der Gesell­schaft, son­dern auch im Mikro­kosmos Fuß­ball. Denn Socrates, der so wun­derbar mit dem Ball umgehen konnte, war ein Trinker. Ein Säufer, ein Alko­ho­liker. Erst vor wenigen Monaten hat er sich das selbst ein­ge­standen. Viel­leicht war es zu spät.

Ich kenne die Pro­ble­matik aus eigener Erfah­rung. Ich bin Alko­ho­liker, zwar tro­cken – und das seit mehr als zehn Jahren – aber immer noch sucht­ge­fährdet. Auch ich habe durch den Alkohol den Boden unter den Füßen ver­loren, ich, der große Uli Borowka, fühlte mich immer stärker als das nächste Bier, der nächste Schnaps. Selbst wenn ich besoffen vom Hocker fiel, fanden mich die Leute noch toll, schließ­lich war ich ja ein Fuß­ball­star, die Krone der Schöp­fung. Ich kann nicht sagen, ob Socrates genauso gefühlt hat, wie ich. Aber ich kenne die Inter­views, in denen die Jour­na­listen fast ehr­fürchtig davon berich­teten, wie Socrates in nur zwei Stunden zehn Gläser Bier ver­nichtet haben soll. Typisch Alko­ho­liker: Man koket­tiert auch noch mit seiner Krank­heit. Warum? Weil man nicht wahr­haben will, dass man über­haupt ein Pro­blem hat.

Hätte man mir 2000 nicht geholfen, wäre ich heute tot

Ich selbst habe es bis zum Schluss nicht wahr­haben wollen, dabei bin ich dem Tod schon mehr­fach von der Klinge gesprungen. Wenn mich meine Freunde Chris­tian Hoch­stätter und Wil­fried Jacobs nicht 2000 in die Ent­zugs­klinik Bad Fre­de­burg gebracht hätten, wäre ich heute wahr­schein­lich nicht mehr am Leben. Sie haben mir die Ent­schei­dung meiner Ret­tung abge­nommen. Das war mein großes Glück. Nor­ma­ler­weise brau­chen Alko­ho­liker erstmal einen rich­tigen Schlag an den Hals, sie müssen mit einem Bein im Grab gestanden haben, der Arzt muss ihnen sagen: Seien sie froh, dass sie noch am Leben sind!“, damit sie begreifen, wie schlimm es um sie bestellt ist. Sich selbst ein­zu­ge­stehen, dass man Alko­ho­liker ist und ein Pro­blem hat, ist schlimmer als alles andere. Auch für Socrates wird es die Hölle gewesen sein, als er den mutigen Schritt end­lich gewagt hatte. Tra­gi­scher­weise hat er keine zweite Chance mehr bekommen.

Tra­gisch ist auch, dass es häufig die engsten Freunde oder Bekannten sind, die einem Sucht­kranken – ohne es zu wissen – dau­er­haft schaden. Und zwar die­je­nigen, die man als Co-abhängig“ bezeichnet. Sie sind nicht in der Lage, dem Kranken seine Krank­heit zu beichten, damit ver­tu­schen sie die Pro­ble­matik. Auch Socrates, da bin ich mir sicher, hatte Co-Abhän­gige in seinem nächsten Umfeld, das gehört leider zum Alko­ho­liker-Dasein dazu. Wenn man sich selbst nicht stoppen kann oder von anderen Men­schen gestoppt wird, ist exzes­siver Alko­hol­konsum ein Selbst­mord auf Raten. Socrates hätte Hilfe gebraucht, aber nun ist es für ihn zu spät.

Der Alkohol hat diesen groß­ar­tigen Fuß­baller ver­nichtet.