Seite 2: „Danach habe ich Ballack zum Ritter geschlagen“

Das aber meint Schu­ma­cher wohl nicht, wenn er sagt, das Trzolek seine ganze Hexen­küche auf­fahren“ musste, um die Spieler bei Kräften zu halten. Wie auch immer, die Mann­schaft musste noch einen ganzen Monat durch­halten, und immer weiter ging es im Rhythmus der eng­li­schen Wochen. Unmit­telbar nach dem bit­teren 1:2 gegen Bremen zeigten die Lever­ku­sener beim 2:2 in Man­chester eines ihrer besten Spiele der gesamten Saison. Drei Tage später ver­loren sie in Nürn­berg mit 0:1 und hatten die Meis­ter­schaft fast ver­spielt. Wenn 2002 über­haupt etwas an Unter­ha­ching erin­nerte, dann dieses Spiel“, sagt Reiner Cal­mund. Bayer war ent­kräftet, kam mit dem Druck nicht klar oder beides. Für Trau­er­ar­beit blieb frei­lich keine Zeit, denn schon wei­tere vier Tage danach stand das Halb­fi­nal­rück­spiel gegen Man­chester United auf dem Pro­gramm. Dass sich die Mann­schaft hier durch ein 1:1 ins End­spiel kämpfte, ist nach Cal­munds Mei­nung haupt­säch­lich einem Mann zu ver­danken: Danach habe ich Bal­lack zum Ritter geschlagen. Es war klar, dass er zu Bayern Mün­chen wech­seln würde und noch die WM vor der Brust hatte. Aber was er in dem Spiel abge­grätscht und weg­ge­putzt hat, war ein­fach unglaub­lich.“

Sie hatten es also tat­säch­lich geschafft, und sie hatten immer noch die Chance auf das Triple, die hei­lige Drei­fal­tig­keit aus Meis­ter­schaft, DFB-Pokal­sieg und dem Tri­umph in der Cham­pions League. Der Traum von der Meis­ter­schaft platzte zuerst. Zwar gewann Bayer am letzten Spieltag gegen Hertha BSC 2:1, doch die Dort­munder gaben sich keine Blöße und bezwangen ihrer­seits Bremen mit dem glei­chen Ergebnis. Die Bilder von Manager Cal­mund, wie er nach dem Abpfiff wei­nend zur Fan­kurve spricht, haben sich bis heute ins Gedächtnis gebrannt. Das war Ent­täu­schung, aber auch Erleich­te­rung“, beteuert das Schwer­ge­wicht heute. Wir hätten an dem Tag ja auch noch die direkte Qua­li­fi­ka­tion für die Cham­pions League ver­spielen können.“ Nach dem Match gegen Man­chester war Cal­mund in der Kabine gewesen, hatte in die müden Gesichter der Spieler geblickt und gedacht, wie kriegen wir die müden Kaul­quappen bis Samstag wieder zum Laufen“. Jetzt, nach dem Sieg, sei die ganze Anspan­nung von ihm abge­fallen. Die Meis­ter­schaft war den­noch ver­loren, und eine Woche später auch der Pokal. Die Geschichte des Ber­liner Finales gegen Schalke ist schnell erzählt. Lever­kusen ging durch den jungen Dimitar Ber­batov nach einer halben Stunde in Füh­rung. Nachdem Ber­batov eine wei­tere Groß­chance ver­geben hatte, gelang Jörg Böhme unmit­telbar vor der Pause mit einem nicht unhalt­baren Frei­stoß das 1:1. Nach Victor Agalis 1:2 brach Bayer aus­ein­ander und verlor schließ­lich 2:4. Und wieder konnten die Spieler das Geschehen kaum ver­ar­beiten: Sie hatten ja noch ein letztes Finale zu spielen.

Am Tag vor dem End­spiel der Cham­pions League in Glasgow war ein Ban­kett anbe­raumt. Viele Pro­mi­nente des Fuß­balls waren in das noble Fünf-Sterne-Hotel gekommen, Sepp Blatter zum Bei­spiel, als FIFA-Prä­si­dent der oberste Fuß­ball­funk­tionär, UEFA-Chef Lennart Johansson, der ehe­ma­lige IOC-Prä­si­dent Juan Antonio Sama­ranch, aber auch schot­ti­sche Natio­nal­he­roen wie Sean Con­nery. Eine ganze Galerie von Per­sön­lich­keiten“, erin­nert sich Meinolf Sprink. Sprink war damals Sport­be­auf­tragter der Bayer AG, gewis­ser­maßen der Herr­scher über die vielen Welt­klas­se­sportler, die unter dem Bayer-Logo Medaillen und Meis­ter­schaften sam­meln: die Leicht­ath­leten in Lever­kusen, die Hand­baller in Dor­magen, die Vol­ley­baller in Wup­pertal. Sprink hat die Statur eines Zehn­kämp­fers: breite Schul­tern, gut zwei Meter groß, dazu diese rie­sigen Hände, die bei der Begrü­ßung den Druck eines Schraub­stocks ent­wi­ckeln. Aus­ge­stattet mit der Jovia­lität und Elo­quenz eines Rhein­län­ders, strahlt sein ganzer Auf­tritt Selbst­be­wusst­sein aus. Damals“, erzählt er, sollte ich für Bayer die Tisch­rede halten“, denn das Eng­lisch von Cal­mund und Holz­häuser war für solche offi­zi­ellen Anlässe eher ein biss­chen pein­lich“. Sprach­lich war das für Sprink kein Pro­blem, weil er einige Jahre in den USA gear­beitet hatte. Als er aber die vielen Pro­mi­nenten sah, die er sonst nur aus dem Fern­sehen oder James-Bond-Filmen kannte, schlot­terten ihm die Knie in dieser Traum­welt“, wie er sie nennt: Ich dachte: Was machst du jetzt hier? Ich kleines Licht von Bayer 04?“

Zunächst erhob sich Flo­ren­tino Pérez, der Prä­si­dent von Real Madrid, und unter­mau­erte mit kühler Rhe­torik die Ambi­tionen des Klubs, der in jenen Tagen 100 Jahre alt wurde. Durch dieses Jubi­läum, diese ruhm­reiche Geschichte, schwang in der ganzen Ansprache mit, habe Real gewis­ser­maßen das Recht auf den Pokal. Der kam dabei schon als arro­ganter Geld­sack rüber“, erzählt Sprink, was frei­lich für ihn eine Steil­vor­lage war. Als er selbst an der Reihe war, sprach er von einer langen mär­chen­haften Reise, an deren Ende Bayer Lever­kusen nun stand. Davon, dass sie der Underdog seien, der krasse Außen­seiter, der mit großen Augen auf die Großen der Fuß­ball­welt schaute, der froh sei, Teil eines sol­chen Spiels sein zu dürfen. Und davon, dass sie nun, wenn es gut laufen würde im Hampden Park, sich viel­leicht sogar den ganz großen Traum ver­wirk­li­chen konnten. Es war eine roman­ti­sche Geschichte, die Sprink erzählte, er war in diesem Moment sozu­sagen der Klaus Topp­möller der Fuß­ball­funk­tio­näre. Den meisten gefiel es. Danach kam Blatter zu mir und bedankte sich“, sagt Sprink. Und womög­lich erin­nerte die Rede auch seinen berühmten Tisch­nach­barn an die Geschichte Schott­lands, das Jahr­hun­derte lang gegen die Macht und Arro­ganz Eng­lands gekämpft hatte. Die beiden Worte, die Sean Con­nery sagte, der im schot­ti­schen Kilt neben ihm saß, hat Sprink noch im Ohr: Very remar­kable.“ Bemer­kens­wert. Außer­ge­wöhn­lich. So wie die Geschichte des Klubs in diesem Jahr.

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Die Eigen­dy­namik, die sich damals um die Bayer-Fuß­baller ent­wi­ckelte, nennt Sprink heute eine Art Tsu­nami, es wurde immer größer, wir sind von all dem über­rollt worden“ – eine Erfolgs­welle, welche die PR-Stra­tegen des Kon­zern iro­ni­scher­weise in die Bre­douille brachte. Erst ein gutes halbes Jahr zuvor näm­lich hatte die Bayer AG das Cho­le­sterin-Prä­parat Lipobay vom Markt nehmen müssen, da es angeb­lich für 100 Todes­fälle in den USA ver­ant­wort­lich gewesen war. Der Kurs der Aktie fiel um fast 25 Pro­zent, der Markt­wert Bayers schrumpfte um über fünf Mil­li­arden Euro, für kurze Zeit drohte sogar die Zer­schla­gung des Welt­un­ter­neh­mens. Auch wurden Tau­sende von Arbeits­plätzen abge­baut, alles wegen Lipobay. Die Stim­mung war am Boden in der Region, die, wie es heißt, Fieber bekommt, wenn Bayer nur hustet. Alle sind doch nur mit dem Kopf unterm Arm durch die Gegend gelaufen“, erin­nert sich Sprink. Nun, im Früh­jahr, standen die Pro­zesse in den USA an, mit unge­wissem Aus­gang.

Als im April und Mai 2002 die Bal­lacks, Schnei­ders und Bastürks ihr Kurz­pass-Fes­tival fei­erten und wenigs­tens im Sport­teil posi­tive Schlag­zeilen schrieben, wussten die ver­un­si­cherten Mar­ke­ting-Chefs damit nicht umzu­gehen. Es gab eine end­lose Debatte im Haus über die Frage, ob wir eine Anzeige schalten oder nicht“, reka­pi­tu­liert Sprink. Der Kon­flikt war der: Hier sind angeb­lich Men­schen gestorben, auf der anderen Seite schreien wir Hurra.“ Das Ergebnis: Bayer schal­tete keine Anzeige. Die Wer­be­ef­fekte durch die Tore der Fuß­ball-GmbH waren auch so gigan­tisch, wie Sprink schon damals wusste. Rund 100 Mil­lionen Euro hätte es die Bayer AG gekostet, auf anderem Wege so viel Auf­merk­sam­keit zu erregen, pro­pa­gierte er, noch bevor das letzte Finale gespielt war. Und damals musste ich mich noch belehren lassen, dass das zu bescheiden gerechnet war.“ Der Geschäfts­führer von TEAM, dem Ver­markter der Cham­pions League, sprach von 250 Mil­lionen Euro – wegen der starken Marken FC Liver­pool, Man­chester United und Real Madrid, gegen die Lever­kusen anzu­treten hatte.

Die Leute hatten mit Bayer 04 ihren Frieden geschlossen“

Am Ende dieser Saison hatte das unge­liebte Bayer, das jahr­zehn­te­lang als Werks­klub ver­spottet und ver­höhnt worden war, unglaub­lich große Sym­pa­thien gewonnen. Sprink packt es in einen Satz: Die Leute hatten mit Bayer 04 ihren Frieden geschlossen.“ Lipobay ist längst nur eine Fuß­note in der Geschichte des Kon­zerns, kaum jemand kann noch die näheren Umstände zu refe­rieren. Die Siege der Werkself aber sind zu veri­ta­blen Mythen geronnen, fast jeder vermag die ein­zelnen Sta­tionen noch nach­zu­er­zählen. Auch Sprink wirkt in diesen Momenten nicht wie ein grauer Kon­zern­be­auf­tragter, nicht wie ein Zah­len­huber, der nur schaut, ob sich das Invest­ment lohnt, ob die Wert­schöp­fung stimmt. Auch er schwärmt wie ein Fuß­ballfan. Nichts hat er ver­gessen: nicht die Szene, in der die Zuschauer in Old Traf­ford die Bayer-Elf mit Stan­ding Ova­tions aus dem Theater der Träume ver­ab­schie­deten. Nicht den Frei­stoß im Pokal­fi­nale, den sich Jörg Böhme zurecht­legte und jeder im Sta­dion wusste, wo der ihn hin­haut, nur der Tor­wart nicht“. Nicht den Satz, den Cal­mund ihm nach dem Sieg gegen Liver­pool sagte: Wir können diesen Zug nicht mehr stoppen, und wir werden dafür einen hohen Preis bezahlen.“ Und nicht die Opfer­be­reit­schaft Michael Bal­lacks: Der hat sich zum Schluss nur noch auf dem Fahrrad warm gemacht, wegen der Schmerzen, die er hatte.“

Aber das alles spielte jetzt keine Rolle mehr. Es ging ja nur noch um dieses eine Spiel. Als sie schon in Schott­land waren, zeigten die Trainer dem Team ein Video mit einem Zusam­men­schnitt der schönsten Szenen der langen Saison in der Cham­pions League: Tore, Jubel­bilder, Traum­kom­bi­na­tionen. Bloß nicht mehr an Bremen, an Nürn­berg, an Schalke denken, und die Müdig­keit in den Kno­chen ver­gessen. Wir waren über­zeugt, dass wir das gewinnen“, sagt Toni Schu­ma­cher. Das Spiel wurde letzt­lich zu einem Spie­gel­bild dieses ganzen schönen, schreck­li­chen Jahres. Bayer war Real nicht nur eben­bürtig, Bayer war über weite Stre­cken die bes­sere Mann­schaft. Und es war ja nicht das Real von heute, die Kari­katur einer Fuß­ball­mann­schaft, son­dern eines mit Stars wie Figo, Roberto Carlos, Raúl und Zidane, als sie noch kein Moos auf dem Rücken hatten“ (Cal­mund), son­dern auf dem Zenit ihres Schaf­fens waren. Nach dem frühen Rück­stand durch einen Kul­ler­ball von Raúl hatte Lever­kusen durch Lucio bald aus­ge­gli­chen, dann aber gelang Zidane kurz vor der Halb­zeit mit einem echten Traumtor, einem tech­nisch per­fekten Vol­ley­schuss, das 2:1. Je mehr das Spiel dem Ende zuging, desto größer wurde der Druck, den Bayer auf das Tor von Real aus­übte, doch immer schei­terten sie am Mann mit den 1000 Armen, dem erst wäh­rend der zweiten Hälfte ein­ge­wech­selten jungen Schluss­mann Iker Cas­illas. Alleine in der Nach­spiel­zeit hatten die Lever­ku­sener drei erst­klas­sige Mög­lich­keiten, dar­unter eine für den nach vorne gestürmten Tor­hüter Butt, aber es sollte nicht sein. Wir hatten gedacht, der liebe Gott hätte Großes mit uns vor­ge­habt“, sagt Toni Schu­ma­cher, aber nun mussten wir ein­sehen, dass es doch nicht so war.“

Welche Aus­wir­kungen solch eine emo­tio­nale Ach­ter­bahn­fahrt auf die Psyche eines Fuß­bal­lers hat, kann man noch immer bei Thomas Brdaric her­aus­hören, der im Cham­pions League Finale wieder dabei sein durfte. Wir waren nach dem Spiel wie in Trance“, erzählt Brdaric. Was danach auf uns ein­stürzte, haben wir gar nicht mehr richtig wahr­ge­nommen. Beim Ban­kett erin­nere ich mich an Spon­soren, Frauen und Tische, aber eigent­lich kann ich mich kaum erin­nern.“ Das Ban­kett fand im vor­nehmen Land­hotel Mac­Do­nald Cru­ther­land außer­halb von Glasgow statt. Wäh­rend Trainer Klaus Topp­möller noch nachts um zwei mit seiner Gattin tapfer auf der Tanz­fläche seine Runden drehte, lüm­melten sich die meisten Spieler draußen in der Lobby und gaben sich Tabak und Alkohol hin.

Einer, der noch geknickter war als die anderen, war der Tor­wart. Das 1:0 für Madrid, so sahen es die meisten, war ein Tor­wart­fehler gewesen, auch das 2:1 schien, bei aller Bril­lanz des Schusses, nicht völlig unhaltbar. Ich habe das Spiel ver­loren“, sagte Butt nachher zu Schu­ma­cher. Jetzt ist doch eh vorbei, lass erstmal sacken“, ant­wor­tete der Tor­wart­trainer. Doch selbst fünf Jahre danach wird Jörg Butt nicht von allen Seiten Abso­lu­tion erteilt. Dass der selten über­ra­gende, aber meist solide Keeper in jenen Wochen seine Form ver­loren hatte, ist den meisten Gesprächs­part­nern im Gedächtnis geblieben. Es ist zu spüren, dass nie­mand Butt, der erst jüngst in Lever­kusen seinen Stamm­platz an den jungen René Adler ver­loren hat, zu nahe treten will, und den­noch: Dass Bayer mit einem über­ra­genden Tor­wart die Saison nicht ohne Titel beendet hätte, ist nahezu Kon­sens, wenn man Schu­ma­cher mal außen vor lässt. Aber der hat ihn ja auch trai­niert.

Den­noch war Butt einer von fünf Bayer-Profis, die für Deutsch­land zur Welt­meis­ter­schaft nach Japan und Süd­korea flogen. Dort wurden sie, wie um die Ironie des Schick­sals per­fekt zu machen, Vize-Welt­meister. Die anderen Lever­ku­sener WM-Teil­nehmer waren Carsten Ramelow, Michael Bal­lack, Bernd Schneider und Oliver Neu­ville. Auch Reiner Cal­mund war vor Ort, und noch heute wit­zelt man­cher beim DFB, dass man ihn wohl besser nicht zum Finale nach Yoko­hama ein­ge­laden hätte. Cal­mund selbst nimmt die Sache mit dem ihm eigenen Humor. Ich war wenigs­tens froh, dass ich nach dem WM-Finale nicht auf den Rasen und mir das Kon­fetti um die Ohren hauen lassen musste. Aber dann kam es plötz­lich vom Dach der Tri­büne.“

Eine zen­trale Kor­sett­stange von Bayer fehlte bei der WM, jemand, der sonst in jedem Fall dabei gewesen wäre. Jens Nowotny ist kein Schwärmer, in seinem Fall bestä­tigt sich das Gesetz, dass die Fuß­baller das Geschehen auf dem Rasen zumeist viel ratio­naler und nüch­terner betrachten als die Zuschauer. Dabei war er viel­leicht der größte Ver­lierer jener legen­dären Spiel­zeit, denn er wurde im Rück­spiel des Cham­pions-League-Halb­fi­nales gegen Man­chester United mit einem Kreuz­band­riss vom Platz getragen. Das war tra­gisch, hatte Nowotny doch bis dahin eine über­ra­gende Saison gespielt, und nun war in diesem einen Moment in der 10. Minute, als er einen harm­losen Zwei­kampf mit Ruud van Nistel­rooy aus­focht, alles vorbei. Auch die Teil­nahme an der Welt­meis­ter­schaft.

In dieser Saison habe in Lever­kusen vieles gepasst, findet Nowotny. Sechs Jahre lang hat Chris­toph Daum die Arbeit vor­ge­leistet, er hat die Mann­schaft vor­be­reitet auf traum­haften Fuß­ball – aber immer irgendwo mit ange­zo­gener Hand­bremse, mit kon­trol­lierter Offen­sive, das war unter Daum per­fekt.“ Nowotny ver­weist darauf, dass sieben Spieler bereits unter Daum gespielt hätten, sozu­sagen das Gerüst der Elf aus dem Jahr 2002 bil­deten. Die fol­genden Monate unter Vogts, nun ja, da habe es Span­nungen gegeben. Aber dann ver­voll­stän­digte Topp­möller das Gemein­schafts­pro­dukt“, wie es Nowotny nennt. Topp­möller hat die Hand­bremse gelöst und gesagt: ›Lasst den Ball laufen, ihr könnt ja spielen.‹ Im Prinzip haben wir unter Topp­möller nichts Sys­te­ma­ti­sches trai­niert, keine große Taktik, jeder wusste, was wir zu machen hatten. Das hat sich per­fekt ergänzt.“ Als per­fekt bezeichnet Nowotny auch die erfri­schende Mischung“ im Team. Da waren auf der einen Seite die Schach­spieler“, also Spieler wie Butt, Ramelow oder er selbst, die das Spiel­feld ras­terten und eine große tak­ti­sche Reife besaßen. Auf der anderen Seite die Instinkt­fuß­baller“ wie Zé Roberto, Bastürk oder Schneider, tech­nisch bril­lante Stra­ßen­ki­cker. Denen wirft man einen Ball vor die Füße, dann spielen sie los, dann ver­gessen sie alles“, sagt Nowotny und lächelt.

Der schöne Fuß­ball hätte belohnt werden müssen“

Womög­lich hatten sie einen oder zwei Schach­spieler zu wenig dabei, auch Nowotnys Neben­mann Lucio war ja bekannt­lich jemand, der plötz­lich mit dem Ball durch­brannte und alle Sys­teme über den Haufen warf. Letzt­lich hat die Cle­ver­ness gefehlt, die Cool­ness“, findet Nowotny, wir haben zwar auf höchstem Niveau nach vorne gespielt, aber wir hätten auch mal ein Spiel mit wenigen Chancen 1:0 gewinnen müssen.“ Viel­leicht war es genau das: Dass ein Cham­pions-League-Sieger und Deut­scher Meister manchmal auch einen unat­trak­tiven Ball spielen muss, fiesen Ergeb­nis­fuß­ball, der auf der kalten Ver­nunft eines Mathe­ma­ti­kers basiert und Kräfte spart. Nowotny will Klaus Topp­möller nicht zu stark kri­ti­sieren, aber: Nicht wenige sagen, wenn der Daum geblieben wäre, hätten wir alle drei Titel gewonnen.“

Ver­bit­tert über die Fort­set­zung der Serie als ewiger Zweiter“ ist er den­noch nicht. Der schöne Fuß­ball hätte belohnt werden müssen, aber gut“, sagt er lako­nisch. Viel­mehr sei ihm die Tragik seines Kol­legen Zoltan Sebe­scen nahe gegangen, der damals mit einem Menis­kus­riss spielte, sich durch­quälte bis zum Cham­pions-League-Finale. Vier Wochen später war er ope­riert und hat gehei­ratet, und dann ging es nicht mehr, er konnte sich nicht mehr her­an­kämpfen. Was ihm letzt­lich geblieben ist, war ein feuchter Hän­de­druck.“ Dieses per­sön­liche Schicksal, sagt Nowotny heute, bleibt mir eher in Erin­ne­rung als die vielen ver­passten Gele­gen­heiten.“

Die meisten Betei­ligten von damals haben mit jenen Wochen indes ihren Frieden gemacht. Selbst Thomas Brdaric, obwohl er meint: Ich hätte lieber durch Glück oder Zufall einen Titel gewonnen, als tollen Fuß­ball gespielt zu haben und unter dem Strich nichts dafür raus­zu­kriegen.“ Den­noch über­wiegt bei den meisten der Stolz, zu dieser Gruppe dazu­ge­hört zu haben. Wir haben alles an die Wand gespielt, alles und jeden“, sagt Schu­ma­cher. Wenn ich jetzt dar­über nach­denke, kommt das erst wieder richtig hoch. Es war so geil, dieser Mann­schaft zuzu­schauen.“ Das ging vielen so, die vorher mit Bayer 04 Lever­kusen herz­lich wenig anzu­fangen wussten. Selbst jemand wie der Sänger Cam­pino hat mich damals ange­rufen und zu diesem Wahn­sinn gra­tu­liert“, erzählt Reiner Cal­mund.

Und der Coach? Klaus Topp­möller hat bei Bayer Lever­kusen ver­mut­lich die schönste Zeit seiner Trai­ner­kar­riere erlebt. Beim Ham­burger SV ist er danach nicht richtig glück­lich geworden, mitt­ler­weile trai­niert er die geor­gi­sche Natio­nalelf. Damals wurde er zum zweit­besten Trainer Europas gewählt. Wir haben für unsere Arbeit im Aus­land eine grö­ßere Aner­ken­nung erfahren als in Deutsch­land“, sagt Topp­möller. Wenn ich heute nach Schott­land komme, spre­chen mich die Leute noch immer auf das Finale gegen Real Madrid an. Und der Prä­si­dent von Girondins Bor­deaux meinte erst kürz­lich zu mir, er habe noch nie eine deut­sche Mann­schaft so Fuß­ball spielen sehen.“ Viel­leicht ist es kein Zufall, dass die Anre­gung zu dieser Geschichte aus Schweden gekommen ist, viel­leicht sind wir in Deutsch­land tat­säch­lich zu sehr auf Titel und Tro­phäen fixiert. Aber muss Topp­möller nicht trotzdem ein wenig traurig ums Herz werden, wenn er an das denkt, was mög­lich war, und an das, was am Ende übrig blieb? Topp­möller wird ener­gisch: Ich konnte die Kri­tiker nicht ver­stehen, die uns als Loser abge­stem­pelt haben. Ich bin keiner, der unbe­dingt einen Titel will, ich finde das lächer­lich. Wo soll ich mit dem ganzen Sil­ber­krempel denn hin?“ Kann sein, dass sich da einer seine Bio­gra­phie schön redet. Kann aber auch sein, dass Klaus Topp­möller, der boden­stän­dige Junge von der Mosel, tat­säch­lich genau so gestrickt ist.

Wenn man Topp­möller glauben darf, hat ihm in Lever­kusen nur eines richtig zuge­setzt: dass er mit dieser Mann­schaft, seinen Jungs, nicht wei­ter­ma­chen durfte. Der Abgang von Michael Bal­lack und Zé Roberto zum FC Bayern im Sommer 2002 war schon der Anfang vom Ende. Das Ende der von Pleiten und Pech geprägten fol­genden Spiel­zeit sollte Topp­möller nicht mehr als Coach von Bayer 04 erleben. Man hat solch eine tolle Mann­schaft, die gut spielt und dazu auch voll­kommen intakt ist“, sagt Klaus Topp­möller, aber dann werden jedes Jahr wieder drei Spieler ver­kauft.“ Doch das Schicksal war schon besie­gelt, bevor sein Team nach den Sternen griff. Am 13. Mai 2002, zwei Tage vor dem Cham­pions-League-Finale, beschloss die Bayer AG die finan­zi­elle Kon­so­li­die­rung der Fuß­ball­ab­tei­lung. Danach war klar: Eine solche Elf würde es in Lever­kusen nie wieder geben.

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