Thomas Helmer ist ein Tak­tik­fuchs. Immer mon­tags erklärt er im DSF kom­plexe Dop­pel­pässe, bewertet Lauf­wege von Schieds­rich­tern oder ana­ly­siert weite Ein­würfe. Dem Ex-Profi Helmer stehen dabei andere Ex-Profis zur Seite, die vor einer rie­sigen Video­wand und hinter einem Podest den Zuschauern das Gefühl von Fern­uni­ver­sität (Hagen, Fach­rich­tung: Sport­wis­sen­schaft) oder Bun­des­tags­de­batte (Berlin, Thema: Irgendwas) ver­mit­teln. Immerhin: Nach Thomas Mül­lers Tor gegen den 1. FC Nürn­berg deckte Helmer mit seinem Exper­ten­stab das neue System des FC Bayern auf – die soge­nannte Zor­rotaktik. Zur Ver­deut­li­chung seiner These illus­trierte er, wel­chen Lauf der Ball vor Mül­lers Tor genommen hatte und zog ein großes schwarzes Z“ auf den Bild­schirm. Es sollte über­ra­schend wirken, bre­chen mit den gän­gigen Ana­lysen, irgendwie anar­chisch und spontan. Dabei war all das natür­lich gut vor­be­reitet worden, der Tele­prompter, die Ana­lyse“, die Quint­essenz, das Z“, selbst das Grinsen.



Es gab eine Zeit, in den Neun­zi­gern, da hatten Ex-Profis und Ex-Trainer einen festen Platz beim Fern­sehen. Sie waren die legeren Co-Kom­men­ta­toren der grauen Männer mit ihrem ver­kalkten Sport­schau-Sprech und den eng gebun­denen Kra­watten. Sie waren Side­kicks, denen man ein Geheim­wissen zusprach, schließ­lich waren sie Kenner der Materie. Ein Z“ brauchten sie zur Ver­an­schau­li­chung ihres Know­hows nicht. Sie brauchten nicht mal eine Video­wand, denn diese Wort­künstler gaben ihr Wissen aus dem Steg­reif und aus­schließ­lich verbal weiter. So wusste Andy Brehme 1998 auf Anhieb, warum die Bra­si­lianer besser als die Dänen waren („Die sind ja auch alle tech­nisch ser­viert“) und Karl-Heinz Rum­me­nigge ana­ly­sierte bei der WM 1990 mes­ser­scharf die Schuss­technik von Guido Buch­wald („Das war nur ein Meter davon ent­fernt, ein zen­ti­me­ter­ge­nauer Pass zu sein“).

Ein Rum­me­nigge spricht fran­zö­sisch

Sowieso: Karl-Heinz Rum­me­nigge anno 1990. Ein Para­de­bei­spiel des rhe­to­ri­schen Zufalls. Ein Co-Kom­men­tator, der ein­fache Sach­ver­halte kom­plex machen konnte („Wenn man über rechts kommt, muss die hin­tere Mitte links wan­dern, da es sonst vorne Ein­brüche gibt“), der mit fran­zö­si­schem Voka­bular über­raschte („Ein gefähr­liche Para­bole aufs Tor“) und der auch mal seine Mei­nung in aller Deut­lich­keit kund tat („Dieser Schieds­richter! Ich hoffe, wir sehen ihn nicht mehr bei dieser WM. Höchs­tens als Kar­ten­ab­reisser“). Dazu der eigent­liche Kom­men­tator Gerd Ruben­bauer, Ästhet des Über­schwangs und der lang gezo­genen Kon­so­nanten. Nie wieder waren sich zwei so einig wie Rum­me­nigge und Ruben­bauer im Inge-Meysel-haften hys­te­ri­schen Tor­schrei, als Andy Brehme gegen Argen­ti­nien den Elf­meter ver­senkte.

Heute wollen die prä­de­sti­nierten Co-Kom­men­ta­toren lieber Mode­ra­toren in eigenen Sen­dungen sein – oder zumin­dest Experten in fremden. Und spä­tes­tens seit RTL bei der WM 2006 bei RTL mit Pierre Litt­barski das Come­back des Co-Kom­men­ta­tors im Fuß­ball fei­erte, gras­siert die Angst vor dem Fett­näppfchen. Kein Sender will der nächste sein, der den fal­schen Mann am fal­schen Ort plat­ziert – näm­lich in der Spre­cher­ka­bine. Es ist die Panik vor einem Co-Kom­men­tator, der das Äh“ zum Prä­dikat oder wahl­weise Objekt erhebt, der bei der Bewer­tung von Spie­lern jeg­liche Distanz ver­missen lässt („Naka­mura spielt so schlecht, der kommt noch nicht einmal am Schieds­richter vorbei“) oder der Trainer auf dem Platz zum Rau­chen ani­miert („Mexikos Trainer La Volpe guckt so mies drein. Der soll sich end­lich mal eine anste­cken. Dann geht’s ihm viel­leicht besser“). Ein Rat­schlag, der in das Nach­mit­tags­pro­gramm – zwi­schen Sesam­straße“ und Mari­enhof“ – so gut rein­passt wie ein Auf­klä­rungs­film über Drogen in den Ber­liner Groß­raum­club Berg­hain“.

Dabei machen doch gerade diese Gefühls­aus­brüche – seien sie auch gram­ma­ti­ka­lisch falsch und seien sie mit­unter auch poli­tisch gar nicht so kor­rekt – den Live-Report zu einem Live-Report. Denn zer­bre­chen nicht gerade diesen spon­tanen Bekun­dungen den sono­rigen Sound der immer­glei­chen Reporter aus den immer­glei­chen Repor­ter­coa­chings mit ihren immer­glei­chen Flos­keln? Ist dieses Aus­scheren in men­tale Wort- und Sprach­land­schaften nicht ein wun­der­bares Fla­nieren auf dem Pfad des Zufalls? Ein ver­bales Cut-Up, das den übli­chen Reporter-Sprech unter­gräbt, den der gemeine Zuschauer sowieso nur noch als Hin­ter­grund-Geräusch­ku­lisse oder wie Fahr­stuhl­musik bei Hertie wahr­nimmt.

Plötz­lich wäre der Kom­men­tator tat­säch­lich gefor­dert. Er könnte richtig patzig werden. Er müsste auch spontan werden. Vor allem wäre er jeder­zeit der­je­nige, der sich von seinem Side­kick intel­lek­tuell abgrenzen kann, mithin rhe­to­risch richtig glänzen kann. Wobei auch der Co-Kom­men­tator dadurch Underdog-Sym­pa­thien ein­heimst. Eine Winwin-Situa­tion. In anderen Sport­arten ist es immer noch gang und gäbe einen Co an der Seite des eigent­li­chen Kom­men­tator zu haben. Da wird Honig um den Mund geschmiert und es wird geka­lauert, ein biss­chen gestritten wird sich und sehr laut geju­belt.

Er blub­bert und blub­bert und blub­bert

Erin­nern wir uns an Frank Wörndl in der Ski­saison 1996/97 an der Seite von Aris Don­zelli. Groß­artig. Oder Boris Becker mit Gerd Sze­panski irgend­wann Ende der Neun­ziger. Gewiss, das ist alles ver­dammt seltsam und unge­wollt komisch, mit­unter auch nervig, doch das ist allemal besser als TV-Experten und Ex-Profis an Mode­ra­ti­ons­ti­schen, die Striche über vir­tu­elle Tak­tik­ta­feln ziehen. Besser als Reporter, die alleine in ihrer Kabine sitzen und die tun­lichst darauf achten, ihren Sätzen Rele­vanz zu ver­leihen, selbst wenn am Ende doch nur Blasen her­aus­kommen. Dem Co-Kom­men­tator ist so etwas voll­kommen egal. Er blub­bert und blub­bert und blub­bert. Und machen wir uns nichts vor, gerade Reporter oder Kom­men­ta­toren, die in Live-Situa­tionen Koko­lores“ reden, sind zu Legenden geworden. Wo wären Texte in Maga­zinen für Fuß­ball­kultur ohne den Ver­weis auf Stil­blüten im Fuß­ball­jour­na­lismus? Was wären Live­ti­cker in eben diesen?

Ledig­lich Frank Busch­mann vom DSF hat das erkannt und holt sich gele­gent­lich einen hys­te­ri­schen Side­kick direkt auf seinen Schoss: sich selbst. Son­dert er in der einen Sekunde sach­liche Stan­dards ab („Klares Abseits“), bedient er sich in der nächsten dada­is­ti­schem Wort­müll („Datt is zum junge-Hunde-Kriegen“). Spontan, zusam­men­hangslos und frag­men­ta­risch. Im Ver­gleich zu Thomas Hel­mers abge­le­senen Zor­ro­ana­lysen“ ein wahr­haft guter Sound. Wobei: Hätte Rum­me­nigge anno 1990 seinem Chef Gerd Ruben­bauer was von Zorro“ und Taktik“ erzählt – er wäre mit diesem Satz mitt­ler­weile zum Zitat vom Zitat geworden.