Das Gesicht von Schalkes Trainer Jens Keller zeichnen der­zeit einige Sor­gen­falten. Unser Kader ist klein – aktuell haben wir ohne die Lang­zeit­ver­letzten (Annan, Papado­poulos und Obasi, d. Red.) 20 Feld­spieler“, klagt Keller. Diese Zahl ist für einen Bun­des­liga-Kader mit geho­benen Ansprü­chen und Drei­fach­be­las­tung in der Tat niedrig. Mit einem Ersatz für Michel Bastos, über­ra­schend in die Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate trans­fe­riert, wäre der Trainer der Knappen“ der­zeit schon zufrieden. Die Plan­stelle im linken Mit­tel­feld sollen laut Medi­en­be­richten Gheorghe Grozav vom Petrolul Ploiesti (Rumä­nien) oder Valentin Sto­cker vom FC Basel ein­nehmen.

Sport­di­rektor Horst Heldt teilt Kel­lers Ein­schät­zung, muss aller­dings den finan­zi­ellen Rahmen im Auge behalten. Wir werden nach den Cham­pions-League-Spielen eine Ent­schei­dung über Neu­zu­gänge treffen“, sagte er des­halb. Nun hat sich der FC Schalke am Diens­tag­abend für die Grup­pen­phase der Cham­pions League qua­li­fi­ziert. In Salo­niki gab es nach dem flauen 1:1 im Hin­spiel ein zitt­riges 3:2. Auf der linken Seite agierte eher schlecht als recht ein Neu­zu­gang aus Köln: Chris­tian Cle­mens.

Einer der vier Ball­kon­takte ist 15 Mil­lionen wert

Cle­mens musste nach einer Stunde Maxi­mi­lian Meyer wei­chen. Einem 17-Jäh­rigen Blond­schopf, der das Spiel­ge­schehen zu ver­dichten schien: In der 64. Minute sah Jer­maine Jones seine zweite Gelbe Karte – Schalke geriet beim Stande von 1:1 in Unter­zahl. Wie­derum drei Minuten darauf trat Meyer den Beweis an, warum sich Trainer Keller nicht gescheut hatte, ihn zu bringen. Mit einem per­fekt getimten Pass schickte er Julian Draxler auf den Weg zum 2:1 – und ging wieder vom Feld.

Nach kurzer Unter­re­dung mit Keller an der Sei­ten­linie war Max Meyer bereit für seine Aus­wechs­lung, der Schalker Trainer brachte Roman Neu­städter, Kate­gorie Sicher­heits­be­auf­tragter“. Meyer, Kate­gorie Tem­po­dribbler“, hatte mit einem seiner vier Ball­kon­takte das 2:1 vor­be­reitet. Einen Treffer, der spiel­ent­schei­dend war. Einen Treffer, der Schalke die Cham­pions-League-Grup­pen­phase und somit 15 Mil­lionen Euro bescheren sollte. Meyer setzte sich auf die Bank, klatschte seine Mit­spieler ab, nahm Glück­wün­sche ent­gegen. Dass ich nur ein paar Minuten gespielt habe, ist nicht schlimm“, beteu­erte er nach dem Spiel. Haupt­sache wir sind weiter.“

Wer ist dieser Meyer?

Meyer, Schüler der Schalker Aka­demie, bekam vor dieser Saison erste Anzei­chen für seinen künf­tigen Stel­len­wert im königs­blauen Kad­er­kon­strukt: Schalke ließ die Leihe des durchaus für gut befun­denen Bra­si­lia­ners Raf­fael aus­laufen und Junio­ren­na­tio­nal­spieler Meyer wurde mit der Tri­kot­nummer 7 aus­ge­stattet. Die hatten zuletzt ein gewisser Raúl aber auch andere S04-Ikonen wie Stan Libuda und Rüdiger Abramczik getragen. Die Tra­di­ti­ons­nummer hätte er nicht jedem gegeben, sagte Heldt. Aber zu Meyer passe sie wie die Faust aufs Auge“. Der beste Spieler der U17-EM 2012 ent­stammt einer Genera­tion, die für kon­trol­lierten Fuß­ball steht: Der 95er-Jahr­gang, nament­lich wären viel­leicht noch Dort­munds Marian Sarr, der Neu-Lever­ku­sener Levin Özt­u­nali und Arse­nals Serge Gnabry zu nennen, mag die ein­fa­chen Dinge des Spiels. Dieser Stil ist etwas weniger spek­ta­kulär, aber auch weniger instabil als der Fuß­ball manch anderer DFB-Jahr­gänge.

Fuß­bal­le­risch sehe ich mich hier mit einigen auf Augen­höhe“, sagte Meyer auf seiner ersten Pres­se­kon­fe­renz im Kreis der Profis im Januar. Sein Bun­des­liga-Debüt fei­erte Meyer einen Monat darauf mit einer Tor­vor­lage in Mainz. Die ver­gan­gene Spiel­zeit schloss er mit sechs Profi-Ein­sätzen ab. Max macht sich selbst den Druck, mög­lichst 34 Spiele zu machen. Und die von Anfang bis Ende“, erklärte Heldt den ehr­gei­zigen Empor­kömm­ling.

Ein Jugend­li­cher in einer Schar labiler Erwach­sener

Deut­sche Nach­wuchs­fuß­baller müssen damit umgehen können, nach zwei gelun­genen Auf­tritten zum neuen Götze oder Draxler hoch­ge­jazzt zu werden. Meyer bekam das Label – bei 21 Toren und 13 Assists in 29 Spielen wenig ver­wun­der­lich – bereits als A‑Jugendlicher ver­passt. Es hat ihm ver­mut­lich nicht geschadet. Auf den ersten Blick mag er wie der unbe­küm­merte Lausbub wirken, doch auf dem Rasen haftet seinem Wirken und seiner Mimik nichts mehr von juve­niler Unbe­darft­heit an.

Über Meyers Taug­lich­keit gibt es keine zwei Mei­nungen, nur unter­liegen seine Leis­tungen noch einigen Schwan­kungen. Aber wer will von einem Jugend­li­chen Kon­stanz erwarten, der von einer Schar labiler Erwach­sener umgeben ist? Die offen­sive Mit­tel­feld­reihe mit dem 17-jäh­rigen Meyer und dem 19-jäh­rigen Draxler, Cham­pions-League-Wahrer von Schalke 04, wird es auch in Königs­blau nicht mehr lange geben. In knapp drei Wochen haben beide Geburtstag. Meyer am 18. und Draxler am 20. Sep­tember, einem spe­zi­ellen Termin: Es ist der Welt­kin­dertag.