Es ist 1929 und Otto Fischer geht zum Fuß­ball. Der russ­land­deut­sche Ein­wan­de­rer­sohn lebt in der Nähe des Sta­dions, wo sein Lieb­lings­klub Pischt­schewik Moskau eine Zeit lang seine Heim­spiele aus­trägt. Seit ein paar Jahren wird Russ­land von Josef Stalin regiert, im fernen New York werfen sich am Schwarzen Freitag ver­zwei­felte Bör­sen­makler aus den Hoch­haus­fens­tern und Thomas Mann gewinnt den Lite­ratur-Nobel­preis. Nicht mehr lange, dann wird Europa im Zweiten Welt­krieg ver­sinken. Für Otto Fischer wird dann alles anders sein, die Liebe zu seinem Klub aber wird bleiben.

Es ist 2015 und Otto Fischer geht zum Fuß­ball. Seit 1941 wohnt er nun schon in Tschel­ja­binsk, wohin er in den Wirren des Krieges – wie viele andere Russ­land­deut­sche, die Stalin für poten­ti­elle Kol­la­bo­ra­teure hält – depor­tiert wurde. Aus dem Jungen aus der Haupt­stadt, der mit seinen Jugend­freunden ins Sta­dion geht, ist ein alter Mann mit weißem Rau­sche­bart und Uschanka-Fell­mütze geworden. Pischt­schewik Moskau heißt schon seit 1936 Spartak und Nikolai Sta­rostin, einer der besten rus­si­schen Fuß­baller der Zwi­schen­kriegs­zeit und Mit­be­gründer des Ver­eins, steht nun als bron­zene Statue vor dem neu­ge­bauten Sta­dion. Spartak tritt im Stadt­duell gegen Dynamo an. Otto Fischer geht, auf einen Geh­stock gestützt, zum Mit­tel­kreis und voll­führt den Anstoß, unter dem Jubel der Fans wird der alte Mann anschlie­ßend vom Feld geleitet.

Zwi­schen Fischers Anstoß und den Jahren mit Pischt­schewik liegen Welten, nicht nur zeit­lich. Tschel­ja­binsk liegt im Ural, knapp 1800 Kilo­meter von Moskau ent­fernt. Für einen, der schon über ein ganzes Jahr­hun­dert auf der Welt ist, ist diese Distanz eigent­lich nicht mehr zu über­winden. Fischer sagt weh­mütig. Wir gingen immer zu den Spielen unserer geliebten Mann­schaft Pischt­schewik, die dann umbe­nannt wurde. Ich bin bis heute Fan und sehe mir alle Spiele im Fern­sehen an.“