Es sah nicht so aus, als sollte der 5. Mai 1966 der Tag des Stan Libuda werden. Seine Dribb­lings wollten nicht gelingen, seine Pässe kamen nicht an, und auch seine Flanken lan­deten meis­tens beim Gegner. Diesmal gab es keinen Mat­thews-Trick“ und keinen Gar­rincha vom Schalker Markt“. Noch dazu hatte der Trainer Willi Mult­haup Libuda und seine Mit­spieler am Vor­abend beim Zocken erwischt und gedroht: Wenn Ihr morgen ver­liert, zahlt jeder 10000 Mark Strafe.“ Die Strafe zu ver­meiden, würde nicht ein­fach werden. Der Gegner war der FC Liver­pool und ging als Favorit in die Begeg­nung.



Ein wich­tiges Spiel: Dort­mund stand im Finale des Euro­pa­po­kals der Pokal­sieger. Es sollte der Tag des Stan Libuda werden. Der BVB hatte – in Person des Möbel­fa­bri­kanten und Spiel­aus­schuss­vor­sit­zenden Heinz Storck – Libuda erst zu Beginn der Saison mit einer Eichen­gar­nitur vom Erz­ri­valen Schalke 04 weg­ge­lockt. Zunächst hatte Libuda im neuen Verein einen schweren Stand, und die Presse meinte bei seinem Debüt gegen Braun­schweig sogar zu erkennen, dass seine Mit­spieler ihn regel­recht geschnitten hätten. Doch mit Libuda, und vor allem dank des kon­ge­nialen Sturm­duos Siggi Held und Lothar Emme­rich, hatte Dort­mund im Euro­pa­pokal Sofia, Atlé­tico Madrid und zuletzt West Ham aus­ge­schaltet. Nun, im Finale in Glasgow, waren die Liver­pooler klarer Favorit.

Dunkle Wolken am Himmel

Auch für Willi Mult­haup, der zuvor Werder Bremen zur Meis­ter­schaft geführt hatte, war es die erste Saison beim BVB. Mult­haup war das, was man heute wohl einen guten Psy­cho­logen und Moti­vator nennen würde. Damals hieß es: Er redete den Spie­lern ein, der BVB sei ein euro­päi­scher Spit­zen­verein und sie müssten sich vor nie­mandem ver­ste­cken. Vor wich­tigen Par­tien holte er die Spie­ler­frauen ins Hotel, was beson­ders den für seine Eifer­sucht bekannten Libuda beru­higte. Aller­dings galt Mult­haup unter den rauen Ruhr­pott-Fuß­bal­lern auch als schräger Vogel. Er stu­dierte die Tages­presse bevor­zugt mit Mon­okel. Dabei war er nicht gerade ein Kind aus dem geho­benen Bür­gertum, was seine Ange­wohn­heit viel­leicht erklärt hätte (seine Eltern hatten ein Fisch­ge­schäft und benutzten Zei­tungen vor allem zum Ein­wi­ckeln). Vor dem Anpfiff gegen Liver­pool sagte Mult­haup seinen Spie­lern so knapp wie ent­schieden: Meine Herren, wir wollen unsere Haut so teuer wie mög­lich ver­kaufen.“ Liver­pools Trainer Bill Shankly kün­digte vor dem Spiel an, man werde nicht nur dieses Finale, son­dern im nächsten Jahr auch noch das der Lan­des­meister gewinnen.

Über dem Sta­dion hingen an diesem Tag dunkle Wolken. Von den 135000 Plätzen, die der Hampden Park damals hatte, war gerade einmal ein Drittel belegt. Einige Fans aus Liver­pool hatten in der Nacht vor dem Spiel die Tor­pfosten rot umla­ckiert. Aus Dort­mund waren 4000 Schlach­ten­bummler ange­reist. Doch am Fern­seher kamen 40 Mil­lionen hinzu.

Libuda erzählt: Mit dem linken Auge bemerkte ich das leere Tor!“

Von Beginn an bestimmten die Favo­riten aus Liver­pool das Spiel. Die Borussia tat, was man als Underdog tut: Die Mann­schaft stellte sich hinten rein und war­tete auf Konter. So ver­ging die erste Halb­zeit, so begann die zweite. Völlig über­rascht schauten sich denn auch sechs Liver­pooler Spieler an, als Held in der 61. Minute das 1:0 für Dort­mund schoss. Nur sieben Minuten später glich Hunt für die Reds wieder aus, zwar hatte der Lini­en­richter Abseits ange­zeigt, doch das Tor zählte. Die eng­li­schen Fans stürmten auf den Platz, als hätten sie das Finale bereits gewonnen. Von Libuda war bis dahin nichts zu sehen gewesen. Kurz vor Schluss der regu­lären Spiel­zeit konnte er sich einmal schön durch­setzen – nur war diesmal Held nicht mit­ge­laufen, die Flanke ging ins Leere.

In der Ver­län­ge­rung zunächst das gleiche Bild, bis sich in der 106. Minute Siggi Held auf­rafft und mit prak­tisch letzter Kraft zum Straf­raum der Reds durch­beißt. Held geht vorbei an Lawler, Milne und Yeats und schießt. Der Ball prallt von Keeper Law­rence ab und fliegt dreißig Meter weiter Libuda vor die Füße. Der Bild-Zei­tung sagte Libuda später über diesen Moment: Mit dem linken Auge bemerkte ich das leere Tor, da hab ich abge­zogen. Ich dachte: Jetzt oder nie! Als der Ball in der Luft war, spürte ich, der geht rein.“ Eine klas­si­sche Bogen­lampe: Über gut dreißig Meter fliegt die Kugel in hohem Bogen auf das Tor der Liver­pooler zu und senkt sich schließ­lich, bis er knapp unter die Tor­latte passt. Ron Yeats, der rie­sige Stopper der Reds, der bis dahin fast jede Flanke Libudas abge­fangen hatte, sah das Unheil kommen. Mit ver­drehtem Hals und aus­ge­streckter Hand ver­sucht er noch, den Ball vom Kasten fern­zu­halten, rast aber nur noch mit ihm ins Tor. Libuda lässt sich bäuch­lings auf den Rasen fallen, wäh­rend Emme­rich jubelnd auf ihn zuläuft.

Libuda, der am Anfang der Saison als Neu­zu­gang aus Schalke noch geschnitten worden war, hatte für Dort­mund Fuß­ball­ge­schichte geschrieben. Kurt Brumme fragt: Können wir einen Euro­pa­po­kal­sieger stellen?“ Liver­pool gibt sich zwar noch nicht geschlagen und rennt bis zum Schluss gegen die Dort­munder Abwehr an, wäh­rend Rund­funk­re­porter Kurt Brumme in hör­barer Auf­re­gung seine Zuhörer mit rhe­to­ri­schen Fragen bom­bar­diert: Ist es denn die Mög­lich­keit? Gibt es den größten deut­schen Fuß­ball­tri­umph seit Bern, seit 1954? Können wir einen Euro­pa­po­kal­sieger stellen?“ Doch in seine Über­le­gungen, ob man deut­sche Mann­schaften nun in einem Atemzug mit Real Madrid, Ben­fica oder Inter nennen könne, fällt der Schluss­pfiff. Man kann, zumin­dest für diesen Augen­blick.

Wosab wurde regel­recht k.o. geschlagen“

Die Liver­pooler erweisen sich als schlechte Ver­lierer. Die West­fä­li­sche Zei­tung notiert: Schlach­ten­bummler und Spieler bedrohten und schlugen die Borussen. Wosab wurde regel­recht k.o. geschlagen, Aki Schmidt erhielt einen Tritt gegen das Schien­bein und Tor­hüter Til­kowski einen Box­hieb in die Magen­grube. Außerdem schimpften einige Liver­pooler Spieler laut­hals auf die Spiel­weise ihres Geg­ners.“

Die Dort­munder Spieler kratzt das letzt­lich wenig. Sie haben als erste deut­sche Mann­schaft ein Euro­pa­po­kal­fi­nale gewonnen. Wäh­rend die Dort­munder noch in Glasgow ihren Sieg feiern, ist die deut­sche Natio­nal­mann­schaft zu einem Vor­be­rei­tungs­spiel für die nahende WM in Irland unter­wegs, wo Trainer Helmut Schön auf der rechten Sturm­po­si­tion einen jungen Frank­furter testet, einen Jürgen Gra­bowski. Das ist Libudas Posi­tion. Schön hatte sich zwar zuvor halb­herzig zu Libuda bekannt, galt aber auch als lau­ni­scher Mensch, der seine Auf­stel­lung häufig umwarf. Aus der Mann­schaft der Euro­pa­po­kal­sieger wurden vier Spieler für die WM nomi­niert: Das kon­ge­niale Sturmduo Emmerich/​Held, Tor­wart Til­kowski und Abwehr­spieler Paul. Libudas Traumtor hatte für einen Platz im WM-Kader nicht gereicht. An die WM aller­dings wird Libuda auch gar nicht gedacht haben in dem Moment, als er nach seinem Heber auf dem Rasen im Hampden Park lag. Emme­rich, der im Jubel zu ihm gelaufen war, sagte er: Mensch Emma, jetzt müssen wir die 10000 Mark nicht bezahlen.“