Wenn ich früher von einem Leben nach einer Fuß­ball­profi-Kar­riere geträumt habe, sah es aus wie ein Wer­be­spot von Raf­fa­ello“. Selbst ein durch­schnitt­li­cher Ex-Profi sitzt auf der Ter­rasse seines weißen Hauses, Aus­blick auf einen Swim­ming­pool, einen Ten­nis­platz und einen Heli­ko­pter­lan­de­platz. Manchmal Dinner-Partys mit 200 bis 300 Bekannten, manchmal Pri­vat­kon­zerte von Motör­head im Wohn­zimmer. Er sieht aus wie ein nie alternder Action­held oder zumin­dest wie Jean-Paul Bel­mondo, und wenn Mutti anruft und fragt, wie es so läuft, sagt er: Danke, alles bes­tens.“

Mit 100 Mil­lionen Euro nach Las Vegas
 
Irgend­wann ahnte ich, dass das ver­mut­lich großer Quatsch ist. Meine Helden, die wäh­rend ihrer Kar­riere Mil­lionen geschef­felt hatten, ent­puppten sich als geschei­terte Exis­tenzen. Miroslav Okonski begann zu trinken, Jordan Letschkow musste ins Gefängnis und Eike Immel lan­dete im Dschun­gel­camp. Neu­lich ver­mel­dete die Spie­ler­ge­werk­schaft VdV: 20 bis 25 Pro­zent der Spieler sind nach der Kar­riere pleite oder über­schuldet.“ Ich habe mich daher diese Woche sehr über die Mel­dung gefreut: Ex-HSV-Star Gravesen mit 100 Mil­lionen Euro nach Las Vegas“. Immerhin einer, der alles richtig gemacht hatte. Scheinbar.
 
Der Däne war nie ein Über­flieger auf dem Platz, er war ein pas­sa­bler Fuß­baller. Einer, der über den Kampf ins Spiel kommt, wie man im Fuß­ball sagt. Eine Zeit­lang war er für den HSV aktiv. Und weil er in Ham­burg sehr häufig über den Kampf ins Spiel kam und sich in Zwei­kämpfen auch mal das Trikot zer­fetzte, weil er einen Bil­lard­tisch mit schwarz-weiß-blauem Filz über­ziehen ließ und an seinem Klin­gel­schild Gravesen, HSV“ stand, war er bei den Fans überaus beliebt. Er sagte Sätze wie: Ich hasse Lie­ge­stütze.“ Oder: Ich möchte mit dem HSV die Cham­pions League gewinnen und mit Däne­mark Welt­meister werden.“ Sich selbst nannte er eine Humör­bombe“. Das war ganz lustig, zumin­dest wenn man bedenkt, dass Fuß­ball­profis für gewöhn­lich sogar auf Fragen nach ihrem Lieb­lings­essen ant­worten: Wir müssen von Spiel zu Spiel denken.“
 
Irgend­wann musste Gravesen weiter. Ich will jetzt die Welt sehen und erobern“, sagte er eines Tages, und dann wech­selte er zum FC Everton, einem Team, das wie für ihn gemacht schien. Es ging hart zur Sache, und Gravesen mochte das. 100 Spiele machte er in der Pre­mier League, und auch bei den Tof­fees“ mochten die Fans ihn.

Im weißen Ber­nabeu-Schloss
 
Eines Tages flat­terte ziem­lich unver­hofft ein Angebot rein, das Gravesen zunächst selbst nicht richtig ver­stand. Er rief bei seinem alten Kumpel Stig Töf­ting an und sagte: Halt dich fest!“, und Töf­ting hielt sich fest, denn Gravesen erzählte ihm, dass Real Madrid ihm einen Ver­trag geschickt hatte. Er packte seine Sachen und kaufte sich einen Anzug und Leder­schuhe, er konnte ja nicht im Trai­nings­anzug zur Spie­ler­prä­sen­ta­tion ins weiße Ber­nabeu-Schloss kommen.
 
Gravesen blieb ein­ein­halb Jahre bei Real, er machte 34 Spiele und schoss ein Tor. Die spa­ni­schen Medien ver­spot­teten ihn. Der spiel­zer­stö­rende Skin­head mit dem Stier­na­cken passte nicht in ihr Bal­lett. Sie hatten Angst vor dem wilden Dänen. Sie nannten ihn Ogro“, Men­schen­fresser, und seine Mit­spieler sagten: Dieser Kerl ist wie ein Stier.“ Der Fern­seh­sender TV Cuatro“ wid­mete ihm sogar eine eigene Show: El Mundo de Gravesen“, die Welt des Gravesen. Ich dachte damals, dass sie ihn zu wenig wür­digten. Ich dachte daran, wie wir in der Kurve oft geju­belt hatten, wenn er den Kopf nach vorne schob, sein Gesicht ganz rot wurde, die Ohren noch ein biss­chen größer als sonst und er sich dann seinen Gegen­spieler vor­knöpfte. Ich hoffte, dass er sein Klin­gel­schild noch hatte. Seinen Bil­lard­tisch. Seinen Humör. Doch dann war die Zeit bei Real plötz­lich wieder vorbei. Gravesen wech­selte zu Celtic Glasgow, wo er 2008 seine Kar­riere been­dete.

In all der Zeit erfuhr man inter­es­sante Neu­ig­keiten aus der Welt des Gravesen. Zum Bei­spiel, dass er mit Kira Eggers, einer Por­no­dar­stel­lerin, liiert war. Dass er ziem­lich häufig in Spiel­ca­sinos abhing. Dass er einmal seinen Mit­spieler Robinho im Trai­ning geschlagen hatte. Der Mann schien prä­de­sti­niert für ein unstetes Leben nach der Profi-Kar­riere, für Bau­her­ren­mo­delle, für aus­ufernde Abende an der Theke, für Partys mit Gina-Lisas, Micaelas und all den D‑Promis, die eben noch im Big-Bro­ther-Con­tainer auf dem Sofa über neue Tuning-Modell spra­chen und jetzt als Wahr­sager auf einem 9Live-Nach­fol­ge­sender arbei­teten.
 
Doch das Gegen­teil trat ein: Gravesen soll mit Immo­bi­li­en­ge­schäften in Eng­land, Spa­nien und Schott­land sehr viel Geld gemacht haben. Von 82 Mil­lionen Pfund ist die Rede im eng­li­schen Daily Mirror“ und zahl­rei­chen Blogs, von 100 Mil­lionen Euro in deut­schen Zei­tungen wie der Bild“ oder der Ham­burger Mor­gen­post“. Er sei nun auf dem Weg nach Las Vegas und wollte er sich zur Ruhe setzen und das tun, was er am liebsten mag: zocken. Poker, Black Jack und Rou­lette sollen seine Lieb­lings­spiele sein.

Beruht alles auf einer Medien-Ente?
 
Nun aber behauptet die däni­sche Zei­tung Ekstra Bladet“, dass die Summe an den Haaren her­bei­ge­zogen ist. Sie schreibt, dass die erste Quelle, ein spa­ni­scher Blog, die 100 Mil­lionen Euro erst­mals in Umlauf gebracht hätte. Er bezog sich auf die däni­sche Zei­tung BT“, die bereits im August über Grave­sens neues Leben in Las Vegas berich­tete. Damals war Gravesen für die däni­schen Medien ein Phantom geworden, weil er seit Jahren keine Inter­views mehr gab, doch die BT“ hatte sein neues Zuhause aus­findig gemacht. Die Sache ist nur: Gravesen lebt nicht dau­er­haft in Las Vegas, er ver­bringt nur die Som­mer­mo­nate dort. Von 100 Mil­lionen Euro war sowieso nie die Rede.

Doch ist das über­haupt wichtig? Sollten wir im heu­tigen Hoch­glanz-Fuß­ball nicht weiter daran glauben, dass einem wie Thomas Gravesen alles gelingen kann. Einem, der vor 20 Jahren noch Aale aus dem Haus­teich gean­gelt hat, der dann los­rannte, weil er Fuß­ball­profi werden wollte, der kein Zidane, kein Messi und kein Henry wurde und der trotzdem beim größten Verein der Welt spielte. Und dass dieser For­rest Gump des Fuß­balls jetzt ver­mut­lich auch gegen Las Vegas mit all seinen Black-Jack- und Rou­lette-Tischen gewinnen wird. 

In dieser Welt möchte ich viel lieber leben, und daher werde ich wei­terhin daran glauben, dass Gravesen in einem weißen Haus lebt und auf eine rie­sige Veranda blickt. Und wenn der Heli­ko­pter auf seinem Haus­dach landet, und seine Freundin, das ame­ri­ka­nisch-tsche­chi­sche Foto­mo­dell Kamila Persse, aus dem Cockpit fragt, wie es ihm geht, wird er sagen: Danke, alles bes­tens.“ Dann wird er sich seinen tür­kis­far­benen Cash­mere-Pull­over um die Schul­tern binden und ein Ass schlagen. Game, Set and Match: Gravesen.