Er war genau der Stürmer, den Hennes Weis­weiler gesucht hatte. Ein Vor­be­reiter, der gleich­zeitig tor­ge­fähr­lich war. Ein Schlitzohr, ein drib­bel­starker Außen­stürmer, lauf­stark und mit mas­sigen Waden aus­ge­stattet, die ihm ermög­lichten, den Ball so abzu­schirmen, dass kein Gegen­spieler auch nur den Hauch einer Chance hatte, einen Zwei­kampf gegen ihn zu gewinnen.



Dass Roger van Gool beim Pro­be­trai­ning beim 1. FC Köln wegen einer Infek­tion kaum Luft bekam, küm­merte Weis­weiler wenig. Dem rhei­ni­schen Trai­ner­fuchs gefiel ein­fach das Auf­treten des ver­schmitzten Bel­giers. Seine lako­ni­sche Ader, seine Umgäng­lich­keit und sein doch mehr als aus­ge­prägter Wille. Den nehmen wir“, sagte er im Juli 1976 zu seinem Scout und Tak­tik­trainer Rolf Herings, der van Gool zuvor mehr­fach beim FC Brügge beob­achtet hatte.

Dabei war es Herings zunächst gar nicht so leicht gefallen, van Gool seinem Coach schmack­haft zu machen. Beide Spiele, die Herings beob­achtet hatte, verlor der FC Brügge deut­lich. Weis­weiler pol­terte: Wie kann der gut gespielt haben, wenn die so hoch ver­lieren?“ Doch Herings setzte beim zau­dernden Alt­meister seinen Kopf durch und lud ihn zum Pro­be­trai­ning ein.

Der Manager hatte schlaf­lose Nächte


Nach dessen Zusage war es an FC-Manager Karl-Heinz Thielen, die Sache über die Bühne zu bringen. Der fuhr nach Brüssel, um die Ver­hand­lungen mit Brügge zu führen, wo Roger van Gool unter Ver­trag stand. Die Zeit war knapp, der Trans­fer­markt stand kurz vor Tores­schluss. Dann platzte die Bombe: Der FC Brügge ver­langte eine Mil­lion Mark Ablöse für seinen flinken Außen­stürmer. Thielen hatte schlaf­lose Nächte. Noch nie zuvor hatte ein Bun­des­li­gist einen sie­ben­stel­ligen DM-Betrag bezahlt, um einen Spieler zu ver­pflichten. Es war ein schwerer Ent­schluss, doch der FC besaß genug Geld, um das Risiko ein­zu­gehen. Und Hennes Weis­weiler wollte den Mann – unbe­dingt. Schweren Her­zens machte Thielen den Deal per­fekt.

Es sollte sich lohnen. Roger van Gool hatte keine Anschluss­pro­bleme bei den meist rhei­ni­schen Team­kol­legen. Trotz der hohen Ablö­se­summe und der vielen Stars beim 1. FC Köln war er schnell einer der Leit­wölfe in der Mann­schaft. Auf dem Platz war er die per­fekte Ergän­zung zu den Stür­mern Hennes Löhr und Dieter Müller, dem er mit seinen Vor­lagen gleich in der ersten Saison zur Tor­jä­ger­krone ver­half. Seine lockere Art sorgte bei den Mann­schafts­abenden für gute Stim­mung.

Wie Michel aus Lön­ne­berga

Selbst der knor­rige Trainer Weis­weiler war nicht gefeit gegen die mit­unter vor­lauten Schnacks des leut­se­ligen Bel­giers. Der mochte die Typen nicht, die stumm in der Ecke sitzen. Des­halb kam ich gut mit ihm klar“, sagt van Gool heute. Wie Michel aus Lön­ne­berga hatte er ständig Flausen im Kopf, man musste ihn ein­fach mögen. Mit seinen Mit­spie­lern ver­stand er sich blen­dend, am besten mit denen, die, wie er, gerne ein Bier tranken.

Nach einer Nie­der­lage hatte der erzürnte Weis­weiler seinen Spie­lern für die Heim­reise im Bus drei Stunden abso­lute Ruhe ver­ordnet. Ver­är­gert über die schlechte Laune des Trai­ners und die lange, wort­lose Bus­fahrt, ver­zogen sich van Gool und Team­kol­lege Her­bert Neu­mann nach Rück­kunft in Köln in eine Kneipe – und ver­sackten könig­lich.

Aber so richtig nahm nie­mand dem lus­tigen Bel­gier das Trink­ge­lage übel. Die gute Laune schlug sich auch in seiner Leis­tung nieder. In der erfolg­reichsten Bun­des­liga-Ära des 1. FC Köln zwi­schen 1976 bis 1979 spielte er eine tra­gende Rolle. Er schoss 28 Tore in 96 Ein­sätzen und berei­tete wesent­lich mehr Treffer vor.

Auf den Sieg im DFB-Pokal­fi­nale 1977 folgte der Gewinn des Dou­bles 1978. In der dar­auf­fol­genden Saison spielte Köln im Euro­pacup der Lan­des­meister um den Final­einzug. Im Hin­spiel in Not­tingham erkämpfte sich der FC dank des bel­gi­schen Drib­bel­künst­lers ein 3 : 3. Van Gool machte ein über­ra­gendes Spiel, erzielte ein Tor selbst und berei­tete die beiden anderen vor. Im Rück­spiel fehlte er ver­letzt und musste mit ansehen, wie seine Mann­schaft mit 0 : 1 verlor.

Neben­ge­schäfte mit Luxus­ka­rossen


Die Nie­der­lage traf den Bel­gier hart. Fortan konnte der Sym­pa­thie­träger nicht mehr an seine bis­he­rige Leis­tung anknüpfen. Vor allem sein Rücken machte ihm zu schaffen: Ein schweres Ischias-Leiden quälte ihn. Jedoch lehnte er es ab, sich ope­rieren zu lassen, weil er fürch­tete, eine Quer­schnitts­läh­mung davon­zu­tragen. Fünf lange Monate wurde er ambu­lant behan­delt.

Der­weil machte er Geschäfte, indem er Luxus­ka­rossen nach Bel­gien über­führen ließ. Die Ein­kaufs­preise der Die­sel­fahr­zeuge waren in Deutsch­land nied­riger – so ver­diente er ohne Auf­wand etwas Geld dazu. Manager Thielen ist der Mei­nung, dass die Geschäfte für den Leis­tungs­ab­fall ver­ant­wort­lich waren. Und auch Weis­weiler knöpfte sich seinen Lieb­lings­schüler vor: Küm­mere dich nicht so viel um deine Autos, kon­zen­triere dich auf den Fuß­ball.“

Van Gools Zeit beim FC war abge­laufen. Weis­weiler wollte ihn mit zu den New York Cosmos nehmen. Doch auch Coventry City zeigte Inter­esse an van Gool. Der Stürmer ent­schloss sich schließ­lich, seine Chance in Eng­land zu suchen. Der FC ver­kaufte ihn mit Gewinn für 1,2 Mil­lionen Mark. In Eng­land blieb er jedoch nur 15 Monate und wech­selte von dort zu Olym­pique Nimes, wo er wieder Tore schoss und großen Anteil am Auf­stieg des Klubs hatte. Nach einer Saison kehrte er in seine Heimat zurück und been­dete mit 35 Jahren seine Kar­riere.


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