Am 14. Januar 1934 gab ein 19-Jäh­riger unter Reichs­trainer Otto Nerz vor 38.000 Zuschauern in Frank­furt am Main sein Debüt gegen Ungarn. Es war das 99. offi­zi­elle Match einer DFB-Elf. Der Stürmer traf akro­ba­tisch per Flug­kopf­ball in der 80. Minute zum End­stand von 3:1. Des Trai­ners trot­ziger, erster Kom­mentar zu seinem Debü­tanten: Sie haben heute zweimal in der Natio­nal­mann­schaft gespielt, zum ersten und zum letzten Mal.“ Doch zwangs­läufig musste Otto Nerz Wort­bruch begehen. Der junge Edmund Conen durfte mit zur WM 1934 nach Ita­lien fahren. Er sollte seinen Trainer und eine ganze Fuß­ball­na­tion begeis­tern.



Geboren wurde Edmund Conen am 10. November 1914 im rhein­land-pfäl­zi­schen Ürzig. Das 1000-Seelen-Ört­chen liegt umgeben von Wein­bergen an der großen Mosel­schleife. Conen stammte aus einer Schneider-Familie. Seine vier Brüder und ein Schwager grün­deten einst den SV Ürzig, dem er zunächst ange­hörte, ehe er sich in der Gym­na­si­al­zeit dem FV Saar­brü­cken anschloss.

Für Furore sorgte der Mit­tel­stürmer erst­mals 1931 im Saar­brü­cker Sta­dion am Kie­sel­humes, als er in einem Ein­la­ge­spiel vor einem Regio­nal­ver­gleich der Aus­wahl­teams aus West- und Süd­deutsch­land den 10.000 Zuschauern sein Talent darbot. Geschmeidig und hoch auf­ge­schossen wie ein Wind­hund, dabei schnell und durch­schlags­kräftig, tanzte Conen durch die geg­ne­ri­schen Abwehr­reihen. Das Publikum dankte es ihm mit Begeis­te­rungs­türmen. Einige Besu­cher sollen beim anschließen Kick der Haupt­ak­teure sogar sehn­suchts­voll an den Jung­spund gedacht und dabei geseufzt haben: Da sollten sie mal den kleinen Dingsda aus der Jugend hin­stellen.“

Nerz schickte ihn zurück nach Saar­brü­cken

Der kleine Dingsda oder Rolly “, wie ihn seine Kol­legen nach der Mit­tel­stür­mer­ge­stalt eines damals popu­lären Romans nannten, sollte schon bald ein unver­zicht­barer Teil der deut­schen Natio­nalelf werden. Die Späher von Otto Nerz hatten den Mit­tel­stürmer schnell auf ihrem Zettel. Und so kam es im Vor­feld der WM zu besagtem Ein­satz gegen Ungarn in Frank­furt am Main und zur gleich­gül­tigen Bemer­kung des Reichs­trai­ners Nerz, obwohl Conen die Zuschauer erneut ver­zü­cken konnte. Doch Nerz sah in einem idealen Mit­tel­stürmer“, einen gewich­tigen Bre­cher und weniger einen ele­ganten Riesen. Der Pfälzer wurde zunächst als untaug­lich ein­ge­stuft und von Nerz zurück nach Saar­brü­cken geschickt.

Auf­grund vieler ver­let­zungs­be­dingter Absagen und dem Aus­schluss von Richard Hof­mann durch den DFB wegen Ver­stoßes gegen die Ama­teur­sta­tuten sah sich Nerz drei Monate später in einer Zwick­mühle. Er brauchte noch einen Mit­tel­stürmer nachdem drei Offen­siv­kräfte mit Lachner, Albrecht und Rohr für die WM aus­fielen. So kam er um Conen gar nicht herum, und der 19-Jäh­rige reiste als desi­gnierter Reser­vist mit nach Ita­lien. Was folgte, war der kome­ten­hafte Auf­stieg des jungen Stür­mers aus Ürzig. Gleich im Eröff­nungs­spiel gegen Bel­gien stellte Nerz neben den rou­ti­nierten Läu­fern Ernst Lehner von Schwaben Augs­burg und dem Düs­sel­dorfer Sta­nis­laus Kobierski jenen Edmund Rolly“ Conen auf die Mit­tel­stürm­er­po­si­tion.

Es wurde ein Spiel, das nach­haltig in die Geschichte ein­gehen sollte. Nach der Füh­rung von Kobierski nutzten die Bel­gier eine kurze Schwä­che­phase der Deut­schen und man ging mit 1:2 in die Kabine. Dort soll der selbst­be­wusste Conen dem genervten wie auto­ri­tären Coach gesagt haben: Lassen sie mich mal auf eigene Faust spielen.“ Conen gab später fol­gende Erin­ne­rung an das Geschehen zu Pro­to­koll: Nerz sagte: Mach was Du willst – und ich legte los.“ Und wie er das tat.

Der Wald­höfer Otto Siff­ling erzielte kurz nach dem Sei­ten­wechsel den 2:2 Aus­gleich, was danach folgte, war die Ein-Mann-Show des Edmund Conen. Der Jung­spund schaffte im ersten WM-Spiel der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte über­haupt, das, was die Eng­länder einen lupen­reinen Hat­trick nennen. Drei Tore in einer Halb­zeit zwi­schen der 66. und der 85. Minute. Mit 19 Jahren machte er sich in 19 Minuten unsterb­lich. Es sollte 68 Jahre dauern, ehe ein gewisser Miroslav Klose dieses Kunst­stück im Natio­nald­ress wie­der­holen sollte.

Jenem großen Tri­umph des Eröff­nungs­spiels folgte im Halb­fi­nale die große Ent­täu­schung. Mit 1:3 ging es gegen die Tsche­cho­slo­wakei ver­loren und Edmund Conen sollte später sagen: Wenn unser Tor­wart Kreß nicht so einen fürch­ter­lich schlechten Tag im Halb­fi­nale gehabt hätte, dann wären wir im End­spiel dabei gewesen.“ Der Traum des WM-Titels in Ita­lien zer­platzte. Wenigs­tens konnte die DFB-Elf den dritten Platz gegen die Wun­der­mann­schaft“ aus Öster­reich erringen. Beim 3:2 erzielten Ernst Lehner (2) und erneut Conen die Tore. Anschlie­ßend wurde Rolly“ von der inter­na­tio­nalen Fach­presse als bester Mit­tel­stürmer des Tur­niers“ aus­ge­zeichnet hinter dem Welt­klas­se­mann Silvio Piola von Welt­meister Ita­lien.

Ab 1935 ver­schwand Conen

Nach der WM schien die Erfolgs­ge­schichte von Edmund Conen unver­min­dert wei­ter­zu­gehen. Er spielte zwei wei­tere Jahre für den FV Saar­brü­cken und schaffte 1935 mit den Mal­stät­tern den Auf­stieg in die Gau­liga. Doch dann folgte ein Absturz, wie er bedau­erns­werter kaum hätte sein können. Ab 1935 ver­schwand Conen urplötz­lich von den Auf­stel­lungs­bögen und Sport­plätzen der höchsten deut­schen Spiel­klasse.

Unver­mit­telt wurde deut­lich, dass sich hinter der Fas­sade des unbe­küm­merten Fuß­bal­lers aus der Pfalz, eine geplagte Seele ver­barg: Conen war psy­chisch erkrankt und litt an Herz­neu­rose – eine Form von Angst­stö­rung, bei der sich sämt­li­ches Denken der betrof­fenen Person um die Tätig­keit des eigenen Her­zens bzw. dessen plötz­li­chen Aus­setzen zu drehen beginnt. Der orga­nisch kern­ge­sunde Conen war davon über­zeugt, schwer herz­krank zu sein. Er horchte ständig in sich hinein und suchte Anzei­chen dafür, dass seine lebens­wich­tige Pumpe kurz davor stünde, den Geist auf­zu­geben. Die Folge waren Depres­sionen, Panik­at­ta­cken und zuneh­mende Abkap­se­lung von der Außen­welt. Eine Fort­set­zung seiner Kar­riere war zu diesem Zeit­punkt folg­lich aus­ge­schlossen.

Es dau­erte drei­ein­halb Jahre, ehe Edmund Conen wieder ein Fuß­ball­trikot überzog. Im Februar 1939 spielte er auf Ver­mitt­lung eines Freundes für die Stutt­garter Kickers. Der Gene­sene tat bei­nahe so, als wäre er nie weg gewesen und sorgte in Deger­loch für rei­hen­weise Sturm­läufe und Tor­er­folge. Unter Freu­den­tränen trug er am 25. Juni 1939 wieder das Trikot der deut­schen Natio­nalelf und mar­kierte zur Begeis­te­rung von ganz Fuß­ball­deutsch­land den 2:0‑Siegtreffer.

Im wei­teren Ver­lauf seiner Kar­riere zeigte Conen, dass er durch die Zwangs­pause nichts von seiner gra­zilen Technik und seinem ein­zig­ar­tigen Tor­instinkt ver­loren hatte. Sein letztes von 28 Län­der­spielen bestritt er im Mai 1942 erneut gegen Ungarn. Die Mann­schaft lag zur Halb­zeit 1:3 zurück, Conen und der junge Fritz Walter konnten das Spiel jedoch zugunsten des von Trainer Sepp Her­berger betreuten Teams gemeinsam her­um­reißen. 27 Tore standen am Ende seiner DFB-Kar­riere zu Buche, nur Gerd Müller (68 Tore in 62 Län­der­spielen) weist eine bes­sere Tor­quote aller deut­schen Natio­nal­spieler mit min­des­tens 25 Spielen auf.

Erst 1952 sollte der Voll­blut­stürmer sich von der aktiven Fuß­ball­bühne zurück­ziehen. Nach Sta­tionen beim FC Mühl­hausen und in der Schweiz, bei den Young Fel­lows Zürich, hängte er die Fuß­ball­schuhe an den Nagel.

Seine fol­gende Trai­ner­kar­riere war weniger auf­se­hen­er­re­gend. Er trai­nierte ab 1952 Ein­tracht Braun­schweig und blieb dort bis 1956, bevor Conen eine Saison den Wup­per­taler SV über­nahm und anschlie­ßend Bayer Lever­kusen für drei wei­tere Jahre trai­nierte. Später schulte er zum Com­pu­ter­fach­mann um und arbei­tete im Eisen­bahn­aus­bes­se­rungs­werk Opladen, wo er zum Ende seiner Trai­ner­lauf­bahn den BV 01 betreute.

Edmund Conen starb am 5. März 1990, nur einige Monate vor der zweiten Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft in Ita­lien. Die konnte die deut­sche Natio­nal­mann­schaft bekannt­lich gewinnen. Ob dieser Sieg die schmerz­liche Nie­der­lage von 1934 für Conen gelin­dert hätte, werden wir nie erfahren.

Außer Frage steht zumin­dest ein Fakt: Edmund Conen bleibt einer der größten deut­schen Stürmer aller Zeiten, trotz des Makels, nie einen Titel gewonnen zu haben. Dar­über hinaus schaffte er es, eine schwere Krank­heit zu über­winden, um die Leute im Anschluss daran wieder mit seinen Toren zu beglü­cken. Ein grö­ßerer Wert, als ihn Pokale jemals dar­stellen können.