Stefan Bein­lich, wie schießt man das per­fekte Frei­stoßtor?
Natür­lich mit ordent­lich Schnitt über die Mauer in den Winkel. Bes­ten­falls aus 22 Metern, damit der Ball genug Platz zum Fallen hat, und so, dass es ordent­lich am Pfosten schep­pert. Innen­pfosten, rein – diese Tore liebe ich noch heute.

Wel­ches Frei­stoßtor war das schönste Ihrer Kar­riere?
Gegen Schalke habe ich mal einen in die Tor­war­tecke gesetzt. Da hatte Oli Reck falsch spe­ku­liert, der Ball lan­dete wun­derbar im Winkel. Oder 1997 in Dort­mund. Wir bekamen fast an der Straf­raum­kante einen Frei­stoß zuge­spro­chen. Ich flankte den Ball ins Getümmel und Erik Meijer nickte ein – aber der Schieds­richter pfiff uns zurück, weil ich den Frei­stoß zu früh aus­ge­führt hatte. Bei der Wie­der­ho­lung dachte ich: Dann schweiße ich den halt direkt ein.“ Also lud ich ab, Stefan Klos sah den Ball zu spät, und der schlug volle Möhre ein.

Wo haben Sie das gelernt?
Bevor ich nach Lever­kusen kam, galt ich nie als Experte, weder in Ros­tock noch bei Aston Villa. Erst bei Bayer 04 habe ich ange­fangen, nach dem Trai­ning Frei­stöße zu üben. Mein Vor­teil war, dass ich als Knirps tech­nisch sehr gut aus­ge­bildet wurde.

Sie kickten zehn Jahre lang in der Jugend des BFC Dynamo.
Die Aus­bil­dung war groß­artig für mich, aber sie war auch knall­hart. Schon als Jugend­liche sind wir jeden Sommer für zwei Wochen ins Trai­nings­lager gefahren. Dort hatten wie vier Ein­heiten am Tag und haben gegessen wie aus­ge­wach­sene Gewicht­heber. Schon zum Früh­stück gab es Pud­ding­suppe oder Steak mit Ei. Nach­mit­tags mussten wir eine Stunde schlafen, abends ging es zur Rege­ne­ra­tion in die Sauna – als 13-Jäh­rige. Das war nicht ohne.

Wer war damals Ihr Idol?
Litti (Pierre Litt­barski, d. Red.)! Ich wusste nicht mal, dass er ein Ber­liner Junge ist, er spielte ja in Köln. Aber ich fand die Art, wie er Fuß­ball spielte, geil. Und die O‑Beine haben mich fas­zi­niert. Als Kind habe ich mir oft vor dem Schlafen einen Ball zwi­schen die Beine geklemmt, weil ich unbe­dingt auch solche O‑Beine bekommen wollte.

Als 16-Jäh­riger ging es für Sie aus gesund­heit­li­chen Gründen beim BFC nicht weiter.
Die Ärzte erzählten mir, dass ich tot umfallen würde, wenn ich im fal­schen Moment einen Ball auf die Brust geschossen bekäme.

Glück­li­cher­weise leben Sie noch.
Die Herz­rhyth­mus­stö­rungen, die im Januar 1988 bei mir fest­ge­stellt wurden, waren nicht erfunden. Die hatte ich wirk­lich. Aller­dings haben 60 Pro­zent der Leis­tungs­sportler diese Stö­rungen, die unter Belas­tung aber in der Regel ver­schwinden. Mein Pro­blem war meine Tante im Westen. Für unsere Oberen war es scheinbar nicht in Ord­nung, eine Ver­wandte in Ham­burg zu haben. Doch statt das offen zu for­mu­lieren, wurde mein Herz als Grund vor­ge­schoben. Aller­dings nicht ohne den gran­diosen Nach­satz, dass Fuß­ball zwar lebens­ge­fähr­lich für mich sei, ich aber Vol­ley­ball pro­blemlos spielen könne.

Warum sind Sie trotzdem Fuß­baller geworden?
Meine Mutter ist Ärztin, sie hatte von Anfang an Zweifel an der Dia­gnose. Also machte sie sich bei Kol­legen schlau, und Ärzte, die nichts mit dem BFC zu tun hatten, gaben mir ein Jahr später Ent­war­nung. Als ich im März 1989 erfuhr, dass ich wieder kicken dürfte, mel­dete ich mich bei Berg­mann-Borsig an. Ich machte in dem Betrieb schon eine Aus­bil­dung zum Elek­triker und spielte dann par­allel in der A‑Ju­gend-Kreis­klasse.

Ein halbes Jahr später fiel die Mauer. Wie haben Sie den Abend der Abende erlebt?
Im Bett. Den Mau­er­fall habe ich ver­pennt. In der Lehre musste ich sehr früh auf­stehen, dem­entspre­chend zeitig bin ich ins Bett gegangen. Als ich mor­gens pünkt­lich um 6.15 Uhr auf Arbeit auf­kreuzte, war quasi keine Sau da. Ich habe mich natür­lich gewun­dert und irgend­wann mal rum­ge­fragt, was denn los sei. Also erklärte mir ein Kol­lege: Du, Stefan: Da ist so ein biss­chen die Mauer auf­ge­gangen.“