Die Kraft des Fuß­balls

Der fol­gende Text erschien erst­mals in 11FREUNDE #222 im April 2020. Für die Aus­gabe haben wir mit Spie­lern, Trai­nern und anderen Akteuren über die Kraft des Fuß­balls. Über beson­dere Momente, große Siege, gran­diose Feiern. Das Heft gibt es bei uns im Shop. Hier erzählt Bernd Brehme über den ent­schei­denden Elf­meter seines Sohnes bei der WM 1990.

Als Andreas sich den Ball nahm und auf den Elf­me­ter­punkt legte, saß ich mit meiner Frau auf der Tri­büne des Olym­pia­sta­dions von Rom. Sie drehte sich um, denn sie ertrug die Auf­re­gung nicht. Ich aber musste mir das angu­cken, weil ich wusste: Den macht er rein. So wie immer. So wie damals, als wir auf dem Sport­platz in Barmbek trai­nierten, bis es dunkel wurde. Andreas war immer besser als andere, er war immer ein Stück weiter. Als Vier­jäh­riger kickte er bei den Sechs­jäh­rigen mit. Als Sechs­jäh­riger bei den Neun­jäh­rigen. Mit 17 machte er sein erstes Ober­li­ga­spiel, mit 18 spielte er in der Regio­nal­liga. Er hatte eine immense Kraft in den Beinen. Wir trai­nierten seine Beid­fü­ßig­keit, prä­zise Schüsse und direkte Pässe ohne Annahme.

Manche Leute behaupten, dass ich Andreas früher mit Blei­m­an­schetten über den Sport­platz gescheucht habe. Das stimmt nicht. Nun, zumin­dest das mit dem Scheu­chen ist nicht richtig. Für ihn war die Bun­des­liga immer ein Traum, aber der HSV wollte ihn nicht. Zu klein sei er, sagten Netzer und Zebec nach einem Pro­be­trai­ning und wollten ihn zur zweiten Mann­schaft in die Lan­des­liga schi­cken. Dabei spielte er bei Barmbek-Uhlen­horst schon in der Regio­nal­liga. Immerhin: Felix Magath fand ihn im Pro­be­trai­ning ganz gut und ver­mit­telte ihm einen Ver­trag bei seinem alten Verein, dem 1. FC Saar­brü­cken. Von dort ging Andreas nach Kai­sers­lau­tern, dann zum FC Bayern, dann Inter Mai­land. Und schließ­lich, am 8. Juli 1990, stand er in Rom am Elf­me­ter­punkt.

Auf Reise mit einem Opern­sänger

Wir wohnten das ganze Tur­nier über in seinem Haus in Mai­land und reisten zu jedem Spiel. Glück­li­cher­weise hatte Andreas einen Freund, der uns mit seinem Auto mit­nahm: Pla­cido Dom­ingo, der Opern­sänger. Gesungen hat er auf den Fahrten aber nicht, und als Spa­nien aus­schied, war er doch etwas nie­der­ge­schlagen.

Wel­chen Fuß nimmt er wohl?

Wäh­rend Andreas sich den Ball nahm, weil Lothar nicht wollte, fragte ich mich nur: Wel­chen Fuß nimmt er wohl? Er wusste, dass Goy­co­chea ein Elf­me­ter­killer war. Er wusste wohl auch, dass er in die rechte Ecke springen würde. Ich dachte an damals, als er als kleiner Butjer ein Vor­spiel vor Petar Raden­ko­vics Löwen machen durfte. Oder an den Tag, als er bei unserer Platz­ein­wei­hung Uwe Seeler den Wimpel über­reichte. Und dann lief er an.

In den Tagen danach tru­delte beim HSV viel Post von Fans von Barmbek-Uhlen­horst ein, die sich über die Igno­ranz und Fehl­ein­schät­zung des Klubs lustig machten. Sie schrieben, dass er wohl nie so eine Kar­riere gemacht hätte, wenn er zum HSV gegangen wäre; und in einem Päck­chen lagen ein Plas­tik­ge­biss und ein Brief, auf dem stand: Damit ihr euch selber in den Hin­tern beißen könnt.“