Seite 3: Warum Kinski mich angriff

Unter vier Augen gesteht er mir einmal: Alle diese Scheiß­filme die ich bisher gedreht habe, haben mir nicht geschadet. Weil es mein Gesicht ist, das unab­hängig macht. Ist es auch bei dir als Trainer so, oder ist dein Gesicht auch schon ein Brei­ge­sicht geworden?“

Diese Nacht ist anders. Eine fau­lige Schwüle lastet über unserem Lager. Die Mos­kitos surren noch durch­drin­gender als sonst Unter­halb des Dreh­ortes in der Nähe des Igapo“, eines im Wasser ver­sun­kenen Waldes, wo unsere Flöße ankern, höre ich Lärm. Schwere Schritte, Schreie, ein Schuß. Eine gefähr­liche Stille, und wieder hallen fünf Schüsse. Das Geballer geht weiter. Kinski“, weiß ich sofort. Keiner wagt sich mehr in seine Nähe.

Geh, spiel den Aus­putzer!“

Am nächsten Morgen knurrt er nur: Ich wurde ange­griffen, man wollte mein Floß zer­stören.“ Ich raune Ute grin­send zu: Jetzt ist er ganz über­ge­schnappt.“ Herzog will ein­lenken, was Kinski noch mehr auf­bringt. Er wendet sich an mich. Was tust du Kerl über­haupt bei uns?“ spuckt er aus und bellt mich an. Du soll­test froh sein, Ball­junge, dass du hier geduldet bist. Ein Fuß­baller im Film, geh und spiel den Aus­putzer!“ Dann sagt er barsch zu seiner Frau: Pack die Sachen zusammen. Herzog, du kannst mit deinem Aus­putzer Kopf­bälle trai­nieren. Klingt bestimmt schön hohl.“

Werner Herzog, kalk­weiß im Gesicht, ver­schwindet kurz in seiner Hütte und kommt mit einem Gewehr zurück. Klick! Er lädt durch, hält den Lauf auf Kin­skis Brust. Seine Stimme vibriert vor Erre­gung: Ich habe das ganze Ver­mögen meiner Familie in diesen Film gesteckt. Wir werden bet­telarm sein, wenn wir ohne Film zurück­kehren. Wenn du uns ver­lässt, ver­lässt du auch die Bühne. Für immer. Drei Kugeln sind für dich, die letzte für mich.“

Atem­lose Stille. Alle spüren: Herzog meint es ernst, tod­ernst. Kinski wirft ihm noch einen erstaunten Blick zu, zuckt mit den Schul­tern, als wollte er sagen: Na gut, du hast gewonnen.“

300 Affen auf dem Ama­zonas

Die Schluß­szene: Aguirre treibt umringt von drei­hun­dert Affen den Ama­zonas hin­unter. Genie und Wahn­sinn liegen eng zusammen, heißt es. Bei Kinski sind diese Grenzen längst ver­wischt. Unser letzter Abend in Iquitos, dem Aus­gangs- und End­punkt unserer Expe­di­tion, endet in einem wahren Gelage. Des­halb nehme ich Werner Herzog auch nicht für voll, als er mir sagt: Ich werde hier wieder einen Film machen. Er wird Fitz­car­raldo heißen. Tau­sende Indios werden ein Schiff, so groß wie ein Fuß­ball­platz, durch den Urwald tragen.“ Ich frage: Und wer spielt die Haupt­rolle?“ Herzog ohne Zögern: Das kann nur einer – Kinski.“