Seite 2: Zwischen Biersuffeuphorie und der Kop

Eine Hand­voll Pints und eine stau­las­tige Taxi­fahrt später sind wir da. An der Anfield Road, diesem Ort, der wie kaum ein zweiter für bedin­gungs­lose Ver­eins­liebe und Fuß­ball­ro­mantik steht. Ein Ort der großen Siege, aber auch der große Nie­der­lagen. Böse Zungen behaupten, Steven Ger­rard schaue Demba Ba und der ver­lo­renen Meis­ter­schaft noch immer hin­terher. Wäh­rend der Fahrt mischt sich so etwas wie Sorge unter meine Bier­suf­feu­phorie. Unfrei­willig ziehe ich Ver­gleiche heran: Drei Eng­länder besu­chen ein Euro­pa­po­kal­spiel in Deutsch­land und stellen sich in die geg­ne­ri­sche Kurve. Wie käme das wohl an? Die unschönen Bilder von auf­ge­dun­senen Kutten-Män­nern, denen das Alko­hol­freie wäh­rend ihrer Schimpf­ti­rade im Gesicht gefriert, ver­suche ich mir ganz schnell aus dem Kopf zu jagen.

Anfield ist anders

In der Kop müssen wir uns auf­teilen. Emme steht unter dem alt­ehr­wür­digen Well­blech­dach, mein Vater und ich ein paar Reihen dar­unter. Die Leute haben Bock – und zwar richtig. 20 Minuten vor Anpfiff kocht der gegen­über­lie­gende Block der Borussia, die Kop stimmt einen Ohr­wurm nach dem anderen an. Ich, großer Bas­ket­ball-Fan, durfte bereits im Madison Square Garden die New York Knicks live sehen. Die world’s most famous arena“ war eine Ent­täu­schung und konnte ihren Mythos nicht im Ansatz bestä­tigen. Anfield ist anders.

Dieser Ort lebt nicht von den Geschichten, die seine Besu­cher von ihm erzählen, son­dern andersrum. Dieses Sta­dion kann man schme­cken. Gefühlte zehn Minuten lang stehe ich wortlos neben meinem Vater und sage nichts, ich schaue ein­fach. Ich weiß nicht mal mehr wohin, ich weiß nur, dass ich in diesem Moment gerne 360-Grad-Kameras anstelle meiner Augen im Kopf hätte.

Stille und laute Kehlen

Das You’ll never walk alone“, auf wel­ches ich mich beim Rei­se­an­tritt am meisten gefreut hatte, sorgt für eine amt­liche Gän­se­haut, wirk­lich episch wird es aber erst danach. In Gedenken an die 96 Toten der Hills­bo­rough-Kata­strophe, welche sich am Fol­getag zum 27. Mal jährt, wird zur Schwei­ge­mi­nute gebeten. Die Kop zeigt eine Choreo mit einer großen 96, auch wir dürfen daran mit­wirken. Es ist so unglaub­lich still. Bis auf den leichten Windzug, der unter dem Dach durch­pfeift, ist rein gar nichts zu hören.

Die Leute um uns herum schweigen nicht, weil der Sta­di­on­spre­cher sie dazu gebeten hat, son­dern weil sie wirk­lich trauern. Irgendwo auf der Kop, nicht weit ent­fernt von uns, stehen mit großer Sicher­heit Fami­li­en­an­ge­hö­rige und Freunde der Opfer. Mit­ten­drin drei Deut­sche, die wegen eines Fuß­ball­spiels kamen und schlag­artig die Trag­weite, die dieser Tag für die Men­schen in der gesamten Stadt hat und immer haben wird, rea­li­sieren. Mein Klos im Hals mag sich noch lange nach Been­di­gung der Stille nicht ver­ab­schieden.