Seite 2: Wachsende Selbstkritik

Und so rollt die Debatte um das Y‑Wort weiter durch Fuß­ball-Eng­land, was grund­sätz­lich nicht schaden kann. Dass aber aus­ge­rechnet die Fans der oft als jüdisch“ bezeich­neten Spurs nun im Mit­tel­punkt der Kritik stehen, sorgt für Erschüt­te­rung an der White Hart Lane. Hier, wo seit jeher eine große jüdi­sche Com­mu­nity zu Hause ist, die zahl­reiche prä­gende Figuren der Klub­ge­schichte her­vor­brachte. So ist etwa der gegen­wär­tige Klub­chef David Levy jüdi­schen Glau­bens, ebenso seine beiden Vor­gänger und der frü­here Chef­coach David Pleat.

Doch Jude zu sein ist in Tot­tenham letzt­lich keine Frage der Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, son­dern eine Art Ehren­titel. Als Jürgen Klins­mann 1994 von der AS Monaco zu den Spurs gewech­selt war, sangen die Anhänger in Abwand­lung eines Mary-Pop­pins-Film­songs:

Chim chi­miney, Chim chi­miney, Chim chim cher-oo
Jürgen was German, but now he’s a Jew …

Laut vor­sich­tigen Schät­zungen ist heute aller­dings höchs­tens jeder zehnte Spurs-Sup­porter tat­säch­lich Jude oder jüdi­scher Abstam­mung. Doch viele, vor allem der harte Kern, bezeichnen sich im Fuß­ball­kon­text stand­haft als Yids“ oder wahl­weise als Yiddos“ und bekennen sich zur Yid Army“, der aktiven Fan­szene. Und so besingen sie ihr (pseudo)-jüdisches Dasein vor­erst weiter mit Inbrunst und nach der Melodie des 80er-Jahre-Pubhits Tom Hark“ von The Piranhas.

Den­noch zeichnet sich ab, dass das liebste Lied der Spurs-Fans eines Tages ver­stummen könnte. Denn der Druck von außen wächst – und mit ihm offenbar die Selbst­kritik. Kürz­lich führte der Verein eine eigene Erhe­bung unter 23.000 Spurs-Anhän­gern durch, die klären sollte, welche Akzep­tanz das Y‑Wort noch hätte. Dabei räumte eine über­wäl­ti­gende Mehr­heit von 94 Pro­zent ein, dass Yid“ als ras­sis­ti­scher Ter­minus auf­ge­fasst werden könne und wünschte sich, ent­spre­chende Gesänge würden ein­ge­stellt oder zumin­dest weniger häufig ange­stimmt.

Viel­leicht aber muss besagter Song gar nicht auf den Index. Viel­leicht kann man sich in Tot­tenham ein Bei­spiel am Anhang von Ajax Ams­terdam nehmen, die sich selbst – poli­tisch kor­rekt – als Joden“ (Juden) bezeichnet. Die Spurs-Fans müssten dann nur ein paar kleine Kor­rek­turen an ihrem Lied­text vor­nehmen:

We sang it in France, We sang it in Spain,
We sing in the sun and we sing in the rain,
They tried to stop us, but look what we do,
Cos the thing I love most is being a Jew.