Unge­wöhn­liche Szenen spielten sich in der Nacht von Mitt­woch auf Don­nerstag am Flug­hafen in Ber­gamo ab. Denn statt – wie sonst um diese Uhr­zeit – leer­ge­fegt zu sein, tum­melten sich in der Emp­fangs­halle plötz­lich hun­derte Ata­lanta-Fans. Sie sangen, sie jubelten, sie fei­erten, um drei Uhr mor­gens, mitten in der Woche. Unge­wöhn­lich, aber eigent­lich nur fol­ge­richtig. Schließ­lich war Ata­lanta, dem Klub und Stolz der Stadt, nur wenige Stunden zuvor der Einzug ins Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League gelungen. Zum ersten Mal in der Ver­eins­ge­schichte. Dabei hatte es nach drei Spiel­tagen der Grup­pen­phase alles andere als danach aus­ge­sehen. 

So verlor Ata­lanta sein Debüt in der Königs­klasse gegen Zagreb gleich deut­lich mit 0:4. Und auch in den nächsten zwei Spielen gegen Donezk und Man­chester City musste Ber­gamo zwei Nie­der­lagen ein­ste­cken. Das Tabellen-Bild sah dem­entspre­chend düster aus für die Neraz­zurri“: Platz vier mit null Punkten und einem Tor­ver­hältnis von 2:11. Gegen City konnte Ber­gamo sich am fol­genden Spieltag immerhin einen Punkt erkämpfen. Im Nach­hinein war diese Begeg­nung der Start­schuss für die film­reife Geschichte, die mit dem Sieg über Zagreb am fünften Spieltag richtig Fahrt auf­nahm.

Um das Wunder des ersten Ach­tel­fi­nals in der Königs­klasse in der 112-jäh­rigen Ver­eins­ge­schichte doch noch zu schaffen, musste gegen Donezk im letzten Grup­pen­spiel aller­dings unbe­dingt ein Sieg her. Par­allel mussten die Nord­ita­liener im Spiel zwi­schen Zagreb und Man­chester aber zusätz­lich noch auf Schüt­zen­hilfe der Citi­zens hoffen. Nach eigenem 3:0‑Erfolg und dem 4:1‑Sieg von Man­chester über Zagreb war das Wunder dann per­fekt. Ata­lanta Ber­gamo, der bis dahin inter­na­tional wei­tes­ge­hend unauf­fäl­lige Verein, der in der ver­gan­genen Dekade nor­ma­ler­weise eher im Nie­mands­land der Serie-A-Tabelle vor­zu­finden war, erreicht bei seiner aller­ersten Cham­pions-League-Teil­nahme direkt das Ach­tel­fi­nale. Gleich­zeitig ist es auch das erste Team in der Geschichte der Königs­klasse, das mit null Punkten aus den ersten drei Spielen trotzdem noch die Haupt­runde errei­chen konnte.

Die Stadt lebt für den Verein“

Der aktu­elle Erfolg der Nord­ita­liener ist die Folge von her­vor­ra­gender Scou­ting- und Nach­wuchs­ar­beit in Ber­gamo. Günstig ver­pflichten, aus­bilden und anschlie­ßend teuer ver­kaufen – so die Taktik von Ata­lanta. Nach der CIES Foot­ball Obser­vatory (inter­na­tio­nales Zen­trum für Sport­stu­dien, mit beson­derem Blick auf Sta­tis­tiken) zählt Ber­gamo in der Hin­sicht mit zur Welt­spitze. Sym­bo­lisch dafür steht der deut­sche Robin Gosens, der seit 2017 für den Verein auf­läuft. Der 25-Jäh­rige spielte in seiner bis­he­rigen Kar­riere im deut­schen Profi-Fuß­ball noch keine Rolle. Nach einigen Jahren in den Nie­der­landen konnten die Nord­ita­liener Gosens für weniger als eine Mil­lion Euro ver­pflichten. In Anbe­tracht seines aktu­ellen Markt­werts von circa 18 Mil­lionen Euro schon jetzt eine enorme Ent­wick­lung und bei einem mög­li­chen Wechsel ein gigan­ti­scher finan­zi­eller Erfolg.

Längst haben auch Bun­des­li­gisten ihre Fühler nach dem Linksfuß aus­ge­streckt, so gilt bei­spiels­weise der FC Schalke als Inter­es­sent. Bereits im ver­gan­genen Sommer soll es Gespräche zwi­schen Spieler und Verein gegeben haben. Gosens bei Schalke? Es würde durchaus passen. Der 25-Jäh­rige hat längst aus­ge­plau­dert, dass er großer Fan der Klubs ist. Ande­rer­seits fühlt er sich auch in Ita­lien pudel­wohl, wie er im Inter­view mit 11FREUNDE zu Jah­res­be­ginn erzählte: Die Stadt lebt für den Verein. Ich werde auf der Straße erkannt, Leute wollen mich umarmen. Nach Nie­der­lagen haben manche auch am Tag danach noch Tränen in den Augen.“

Wei­tere Bei­spiele der her­aus­ra­genden Trans­fer­po­litik von Ber­gamo sind Berat Djim­siti und Timothy Cas­tagne. 2015 ver­pflich­teten die Ver­ant­wort­li­chen den erst­ge­nannten Innen­ver­tei­diger ablö­se­frei. Nach zwi­schen­zeit­li­chen Leihen in die zweite und dritte ita­lie­ni­sche Liga hat er seinen dama­ligen Markt­wert mitt­ler­weile ver­zehn­facht. Zur Saison 2017/2018 ver­pflich­tete Ata­lanta den Rechts­ver­tei­diger Cas­tagne von KRC Genk aus Bel­gien für sechs­ein­halb Mil­lionen Euro. Inner­halb kür­zester Zeit erspielte sich dieser einen Stamm­platz. Sein aktu­eller Markt­wert beträgt 20 Mil­lionen Euro. Eben­falls nen­nens­wert ist Franck Kessié. Der Ivorer ist ein Eigen­ge­wächs von Ata­lanta und spielte bereits in der U19 von Ber­gamo. Nach einigen Leihen ver­pflich­tete AC Mai­land den heute 22-Jäh­rigen für 24 Mil­lionen Euro. Ata­lanta schafft sich so ein großes finan­zi­elles Polster, um auch selbst auf dem Markt aktiv zu werden und Talente und Stars ein­zu­kaufen. So geschehen in der letzten Saison mit Luis Muriel, der von Sevilla für 15 Mil­lionen Euro kam und in seinen bis­he­rigen 13 Spielen bereits neun Tore für Ber­gamo erzielte.