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Das Jahr 1996 war in vie­lerlei Hin­sicht ein prä­gendes für mich: Ich hatte meine erste feste Freundin (Stich­wort: Liebe), beim EM-Titel­ge­winn der deut­schen Mann­schaftt stand ich mit einem Eng­land-Trikot auf dem Dorf­platz, wäh­rend um mich herum alle glück­selig die Natio­nal­hymne grölten (Stich­wort: Fremd­scham) und ich war das erste und ein­zige Mal so betrunken, dass ich einen Baum umarmte (Stich­wort: Lebens­er­fah­rung). Auch sport­lich war dieses Jahr ent­schei­dend: Mit der B‑Jugend meines Hei­mat­ver­eins SC Glandorf trat ich in einer Spiel­klasse an, in die wir eigent­lich nicht gehörten. Sie nannte sich Bezirks­liga – für uns war es wie ein zufäl­liges Enga­ge­ment in der Cham­pions League.

Wir gegen die Roboter

Woche für Woche trafen wir auf Teams, die ein­heit­liche Trai­nings­an­züge, rie­sige Mann­schafts­busse und noch grö­ßere Iso­star-Geträn­ke­ab­füll­ge­räte ihr Eigen nannten. Sie liefen sich zusammen in einer Reihe warm, sahen aus wie Roboter und schenkten uns vor dem Spiel­be­ginn meist nicht mehr als ein ver­ächt­li­ches Lächeln.

Und wir? Unser Kapitän Oliver ölte seine Trai­nings­jacke lieber in der Traktor-Werk­statt seines Arbeit­ge­bers zu, als sie beim Warm­ma­chen am Wochen­ende zu tragen. Auf Warm­ma­chen ver­zich­tete er sowieso meist, er rauchte statt­dessen lieber hastig zwei Kippen. Unser Spiel­ma­cher Gerd hatte einen begna­deten linken Fuß, doch leider besaßen seine Eltern einen Geträn­ke­ver­trieb, wes­halb er meist eine Fahne wie ein Rat­haus hatte. Bei einem Spiel auf Kunst­rasen lief er einmal mit Schraub­stollen auf. Als der Schieds­richter sagte, er dürfe so nicht spielen, kon­terte er schroff: Du kannst mich mal!“ Wir spielten das Spiel zu zehnt. 

Auch ich passte nicht in diese Auto­ma­ten­liga. Irgend­wann begann ich mir vor Spielen die Fin­ger­nägel zu lackieren, weil ich merkte, dass meine Gegen­spieler nicht allzu gut mit Anders­ar­tig­keit umgehen konnten. Sie hetzten mich lieber zu dritt über das ganze Feld. Das schuf Lücken, in die wir gna­denlos stießen. Cap­tain Olli schoss am Ende 24 Tore, Gerd bekam ein Angebot von der Jugend des VfL Osna­brück, am Ende wurden wir sen­sa­tio­nell Vize­meister. Daraus lernte ich, dass man auch mit einer durschnitt­li­chen Bega­bung etwas errei­chen kann, wenn man nur seine Trümpfe richtig aus­spielt.

Par­al­lelen zwi­schen Glandorf und Schalke 04

Par­allel zur erstaun­li­chen Ent­wick­lung meiner eigenen Mann­schaft setzte auch mein Klub Schalke 04 im UEFA-Pokal zum Husa­ren­ritt an. Dabei galt die Malo­cher­truppe um Jiri Nemec, Radolslav Latal, Andreas Müller und Mike Büs­kens vor dem Sai­son­start als Favorit auf ein Erst­runden-Aus. Doch es kam anders. Über die Sta­tionen Roda Kek­rade und Trab­zon­spor stand die Mann­schaft von Trainer Huub Ste­vens plötz­lich im Ach­tel­fi­nale gegen den FC Brügge.

Es war der 19. November 1996, ein Tag, der meine Sicht auf den Fuß­ball end­gültig ver­än­dern sollte. Der Rasen im Brügger Jan Breydel Sta­dion“ glich dem Acker unseres benach­barten Bauern. Vom Schnee voll­ends auf­ge­weicht, tief zer­furcht, ein Geläuf, auf dem unter nor­malen Umständen nicht einmal ein Kreis­li­ga­spiel ange­pfiffen werden würde. In Brügge wurde den­noch gespielt. Die Knappen lagen 0:1 hinten, als Schalkes Mit­tel­feld­schön­ling Radoslav Latal in der 49. Minute im Brügger Straf­raum zu Fall gebracht wurde. Elf­meter. Der Schütze: Olaf Thon. Über den hatte Franz Becken­bauer einmal gesagt, dass man den Olaf um Mit­ter­nacht wecken könnte, er würde eine Minute später trotzdem den ent­schei­denen Elf­meter ver­senken. So was nennt man dann wohl einen tod­si­cheren Schützen.