Am Sonntag, 11. April 2021, ab 23:35 Uhr über­trägt der NDR die Doku­men­ta­tion Bokal-Ret­tung: Das Wunder von St. Pauli“. Dieses Inter­view erschien erst­mals im Januar 2016.

Hauke Brückner, im Fuß­ball spricht man gerne von Läufen. Wie erklären Sie sich St. Paulis Pokal­saison 2005/06?
Wir waren ein­fach ne geile Truppe.

So ein­fach ist das?
Im Fuß­ball braucht es manchmal kleine Momente. Viel­leicht war die Partie gegen Burg­hausen eine Initi­al­zün­dung. Dieses Spiel geht ja oft unter, wenn man über die Pokal­runde 2005/06 spricht.

Weil der FC St. Pauli Burg­hausen schlug, besiegte er danach auch Bochum, Hertha und Bremen? Eine gewagte These.
Finde ich nicht. Zumal wir schon in diesem Spiel der Underdog waren. Wir spielten in der Regio­nal­liga, Burg­hausen hin­gegen legte eine recht ordent­liche Saison in der Zweiten Liga hin. Im Rück­blick haben wir aus diesem Spiel sehr viel Kraft und Selbst­ver­trauen geschöpft. Wir führten lange 2:0, kurz vor Schluss glich Burg­hausen aber inner­halb von zwei Minuten aus. Nor­ma­ler­weise bre­chen unter­klas­sige Team nach so einem Rück­schlag zusammen. Wir aber gewannen in der Ver­län­ge­rung 3:2.

Gegen Hertha lief es ähn­lich.
Hier hieß die Devise: Bloß kein schnelles Gegentor. Und was pas­siert? Nach acht Minuten lagen wir 0:1 hinten, nach 40 Minuten stand es 0:2. Nie­mand hat mehr einen Cent auf uns gewettet, Hertha hatte näm­lich eine richtig gute Mann­schaft, mit dabei waren Mar­cel­inho, Yil­d­iray Bastürk oder Marco Pan­telic. Aber es war wie gegen Burg­hausen: Wir kamen mit unge­heurer Wucht zurück. Und gerade in diesem Spiel konnte man gut sehen, was ich mit geiler Truppe meine: Wir waren aggressiv, aber positiv. Wir haben uns gegen­seitig gepusht, aber ich kann mich nicht erin­nern, dass wir uns ange­pflaumt hätten.

So sport­lich erfolg­reich die Saison lief, so finan­ziell desas­trös stand der FC St. Pauli in jenen Jahren da. Hat die Situa­tion die Spieler belastet?
Wir haben uns dar­über lange keine Gedanken gemacht. Erst als das Vier­tel­fi­nale gegen Bremen anstand, sickerte langsam durch, dass wir den Klub mit einem Sieg von seinen Schulden befreien könnten. Das war extrem.

Sie spürten Druck?
Eigent­lich kannst du als Regio­nal­li­gist im Pokal immer befreit auf­spielen – du hast nichts zu ver­lieren. Diesmal war es anders. Es ging um die Zukunft des Ver­eins. Extrem war übri­gens auch die Situa­tion danach: Die aus­ge­han­delte Sieg­prämie konnte nur zum Teil aus­ge­zahlt werden, weil das Finanzamt inter­ve­nierte.

Wel­ches Spiel war Ihr per­sön­li­ches High­light in der Pokal­runde?
Das 4:0 in der zweiten Runde gegen Bochum, damals Tabel­len­führer in der Zweiten Liga. An dem Abend klappte ein­fach alles. Ledig­lich Jimmy (Michél Mazingu-Dinzey, d. Red.) konnte aus elf Metern das Tor nicht treffen. (Lacht.) Ich behaupte ein­fach mal, dass ich in dem Spiel keinen Zwei­kampf ver­loren habe. Neu­lich habe ich mir noch mal alte Bilder ange­schaut. Auf einem Foto liege ich quer in der Luft und kläre einen Ball per Fall­rück­zieher. Das war in der 90. Minute am eigenen Straf­raum.

Und das beste Spiel der Mann­schaft?
Ganz klar gegen Hertha. Das war an Dra­matik nicht zu über­bieten. Am 21. Dezember 2015, also exakt zehn Jahre nach dem Spiel, gab es im Ham­burger Knust eine große Bokalfieber“-Party, auf der das Spiel noch mal in kom­pletter Länge gezeigt wurde. Wir waren mit zahl­rei­chen Spie­lern vor Ort.

Haben Sie das Spiel da zum ersten Mal wieder gesehen?
Nein. Früher habe ich mir oft mehr­mals die Auf­zeich­nungen von tollen Spielen ange­guckt. Das sind dann immer wieder Gän­se­h­aut­mo­mente.

Sie schauen also seit zehn Jahren täg­lich das Hertha-Spiel?
(Lacht.) Natür­lich nicht. Das Spiel habe ich lange nicht gesehen. Einen Tag vor der Bokalfieber“-Party im Knust habe ich aller­dings zufällig die DVD der Bokal­saison wie­der­ge­funden. Da dachte ich: Kannste ja mal wieder gucken, zur Vor­be­rei­tung auf den Abend.

Und schon war die Gän­se­haut wieder da?
Es war der Wahn­sinn. 4:3 in der Ver­län­ge­rung. Wir waren wirk­lich ver­dammt stark. Bei einigen meiner Aktionen habe ich mich aber kri­tisch hin­ter­fragt: Was hast du da eigent­lich gemacht? Warum grätschst du da? Warum spielst du diesen Pass? Zwi­schen­zeit­lich dachte ich: Spielst du über­haupt mit? Ich war in dem Spiel ein klas­si­scher Zer­störer und Was­ser­träger.