Mit dem Aus­druck Wunder von Bern“ habe ich noch nie etwas anfangen können. Natür­lich war es eine rie­sige Über­ra­schung, dass wir 1954 durch das 3:2 gegen Ungarn Welt­meister geworden sind. Damit hatte nie­mand gerechnet, am wenigsten wir selbst. Wir haben gedacht: Wir fahren in die Schweiz, spielen die Vor­runde, und dann sind wir wieder weg. Aber ein Wunder war das nicht. Im Sport gibt es keine Wunder. Es war eine groß­ar­tige Leis­tung einer groß­ar­tigen Mann­schaft.

Wir waren doch krasse Ama­teure, haben nur zweimal in der Woche trai­niert. Des­halb hatten wir schon gewonnen, bevor das End­spiel über­haupt ange­pfiffen wurde: Wir konnten gar nicht mehr ver­lieren, weil wir bereits mehr erreicht hatten, als uns irgend­je­mand zuge­traut hatte. Die Ungarn hin­gegen waren echte Voll­profis. Vier Jahre lang hatten sie nicht mehr ver­loren, und dann erwischt es sie aus­ge­rechnet im Finale der Welt­meis­ter­schaft. Das haben die gar nicht kapiert.

Tech­nisch waren sie uns allen über­legen

Mensch­lich waren die Ungarn alle super sau­bere Jungs, und über ihre fuß­bal­le­ri­schen Fähig­keiten müssen wir gar nicht reden. Tech­nisch waren sie uns allen über­legen, von Fritz Walter einmal abge­sehen. Das hat man auch in Bern gesehen. Nach gerade acht Minuten führte Ungarn schon 2:0, dadurch aber sind wir erst richtig wach geworden. Wir hatten eine Wut im Buch, und dann sind wir explo­diert. Aber man kann kämpfen und sich ein­setzen, wie man will. Es gehört auch viel Glück und Massel dazu, damit das Unfass­bare pas­siert. Damals im Wank­dorf­sta­dion hat ein­fach alles gepasst.

Vor dem 2:2 zum Bei­spiel. Da schlägt Fritz Walter eine Ecke von der linken Seite, ich steige hoch zum Kopf­ball, Gyula Gro­sics im Tor will den Ball weg­fausten, aber er kommt nicht heran, weil er in der Luft gegen mich prallt. Der Ball fliegt über uns hinweg, und Helmut Rahn muss ihn nur noch über die Linie drü­cken. Ich habe Gro­sics nicht gerem­pelt, ich bin ein­fach hoch­ge­sprungen. Das war kein Foul, aber es gibt sicher­lich Schieds­richter, die das abge­pfiffen hätten.

Von Hause aus war ich Links­außen, ich hatte einen starken linken Fuß, war sehr dyna­misch, wuchtig, kampf­stark und hatte einen Drang zum Tor. Auf einer ähn­li­chen Posi­tion wie ich damals spielt heute Lukas Podolski. Aber Lukas ist ein ganz anderer Typ als ich, viel spie­le­ri­scher, mit einer bes­seren Technik, als ich sie je hatte. Seine Schuss­technik – ein­malig! Nur fehlt ihm manchmal noch die Ein­stel­lung, den Kampf richtig anzu­nehmen.

Hans, gehen sie mit dem Bozsik“

An der Ein­stel­lung hat es mir nie geman­gelt. Weil ich zudem eine Bom­ben­kon­di­tion hatte und schnell war, bekam ich für das Finale eine beson­dere Auf­gabe vom Bun­des­trainer zuge­teilt. Als rechter Läufer spielte bei den Ungarn Jozsef Bozsik, ein wun­der­barer Fuß­baller und traum­hafter Tech­niker. Von seiner Posi­tion her wäre eigent­lich Fritz Walter sein Gegen­spieler gewesen, doch weil der Fritz nicht mehr der Jüngste war, hat Sepp Her­berger zu mir gesagt: Hans, Sie gehen mit dem Bozsik mit, wenn er sich in den Angriff ein­schaltet.“ Also bin ich ihm hin­terher, auch in der 84. Minute. Bozsik war eigent­lich schon weg, aber ich habe ihn ein­ge­holt und ihm im Zwei­kampf den Ball abge­nommen. Auch da war eine Menge Glück im Spiel. Der Rest ist bekannt: Ich flanke in die Mitte, der Ball wird abge­wehrt und landet auf dem Fuß von Helmut Rahn. Der Boss hat ihn dann rein­ge­macht. Was ich damals gedacht habe? Nicht viel. Wir haben bloß noch getanzt – vor Freude. Die letzten Minuten des Spiels aber waren noch eine böse, harte Zeit für uns.

Der WM-Titel war der größte Erfolg meiner Kar­riere, natür­lich macht mich das stolz – aber es ist kein Grund, über­heb­lich zu werden. So wie der Sieg kein Wunder war, so sind wir auch keine Helden. Alle, die mich kennen, sagen, dass ich der­selbe geblieben bin, der ich immer war. Ich habe im Finale die ent­schei­dende Flanke zum 3:2 geschlagen, doch des­halb habe ich noch lange keinen grö­ßeren Anteil an diesem Sieg als Toni Turek im Tor, Max Mor­lock, der den Anschluss­treffer erzielt hat, Jupp Posipal, Horst Eckel und all die anderen aus unserer Mann­schaft. Wir waren eine Ein­heit, und wir haben alle zu diesem Erfolg bei­getragen.

Sepp Her­berger hat nach dem Spiel in der Kabine zu uns gesagt: Männer, euer ganzes Leben wird sich ver­än­dern.“ Wir haben das damals nicht geglaubt, aber irgendwo hat er Recht behalten. Ich könnte mich noch heute überall feiern und hofieren lassen. Welt­meister bleibt man sein Leben lang, aber am liebsten bin ich ein Welt­meister im Hin­ter­grund.