Seite 2: Vertrag mit dem Gyroshändler

Wuttke kannte jede ein­zelne dieser Geschichten. Er hatte sie ver­mut­lich hun­derte, tau­sende Male in den Kneipen der Umge­bung erzählt.

Wie er, damals 21 Jahre, zu einem Mit­spieler in einem Trai­nings­spiel­chen Spiel ab, du Arsch!“ rief und erst dann bemerkte, dass es sich bei dem Mit­spieler um Manager Günter Netzer han­delte. Wie Netzer dem Jungen dar­aufhin sagte: Du bist ein Nichts! Bald bist du eh weg!“, und Wuttke abends in seiner Woh­nung saß und weinte.

Wie er sich zum ersten Mal in seinem Fuß­bal­ler­leben in Kai­sers­lau­tern richtig wohl fühlte, weil man hier sah, dass er mit seinen seltsam geformten Füßen nie­mals ein Mara­thon­läufer sein würde, aber immer ein genialer Ball­zau­berer: Das war anders als in Ham­burg. Wenn ich ins Mit­tel­feld bin, um den Ball zu holen, hat Happel gebrüllt: Tret den Wuttke in den Arsch‘. Wenn ich in Kai­sers­lau­tern mit schlechter Laune ins Trai­ning komme, sagte Bon­gartz: Schieß ein paar Bälle aufs Tor, und lass dich dann mas­sieren!‘“

Ich bin Bier­trinker“

Wie er in Kai­sers­lau­tern aber trotzdem Ungnade fiel, weil er ein Wein­fest besucht haben soll. Seine Ant­wort ist legendär: Ich kann gar nicht auf einem Wein­fest gewesen sein, ich bin Bier­trinker.“

Wie er später groß­spurig seinen Wechsel nach Grie­chen­land ankün­digte, doch Olym­piakos’ Prä­si­dent plötz­lich Lajos Detari ver­pflich­tete. Mit wem hast du denn gespro­chen, Wutti?“, fragten die FCK-Granden. Mit nem Gyro­s­händler?“

Als er von der Grie­chen­land-Posse erzählte, lachte er wieder laut auf. Ach, dieser Wutti. Der macht Sachen.

Der liebe Gott hat mir die Füße ver­renkt“
 
Schon wäh­rend seiner Kar­riere hieß es häufig, er hätte zu wenig aus seinem Talent gemacht. Doch Wuttke wollte davon nichts hören. Es brachte ihn schon auf die Palme, sobald ihm jemand vor­rech­nete, wie viele Län­der­spiele er mit einer diplo­ma­ti­scheren Art hätte machen können. Jetzt kommen Sie mir nicht damit!“, motzte er auch an jenem Nach­mittag am Küchen­fenster. Die Kon­kur­renz sei eben sehr groß gewesen. Und sowieso: Eigent­lich ver­lief seine Kar­riere doch gar nicht so schlecht. Dann stellte er sich auf und sagte: Gucken Sie mal!“

Da stand er dann, Wolfram Wuttke, Wutti, der mensch­ge­wor­dene Außen­rist, 1,72 Meter klein, krumme Füße, krumme Beine, und selbst wenn man ein wenig Bauch­um­fang abge­zogen hätte, würde so einer im heu­tigen Ath­le­ten­fuß­ball keine Chance bekommen. Das wusste auch Wuttke. Der liebe Gott hat mir die Füße ver­renkt. Es war mein größtes Geschenk“, sagte er, zog an der Ziga­rette und schloss das Küchen­fenster wieder.

In der Nacht des 1. März 2015 starb er mit 53 Jahren nach einem Organ­ver­sagen.