Seite 2: Seit der WM 2018 permanent im Rechtfertigungsmodus

Ja, Joa­chim Löw hat eine Ära geprägt. Nicht nur, weil er sich rekord­ver­däch­tige 15 Jahre im Amt gehalten hat und als einer von bisher ledig­lich vier deut­schen Welt­meis­ter­trai­nern in die Geschichte ein­ge­gangen ist. Solche Erfolge hängen näm­lich immer auch von Zufällen ab.

Davon zum Bei­spiel, ob Thomas Müller den Ball ins Tor schießt, wenn er alleine auf den geg­ne­ri­schen Tor­hüter zuläuft. Oder doch knapp am Pfosten vorbei. Viel wich­tiger ist die Kon­stanz, die das Natio­nal­team unter Löw bewiesen hat. In den ersten sechs seiner acht Tur­niere (inklu­sive des Confed-Cups 2017) erreichten die Deut­schen immer das Halb­fi­nale. Eine solche Bilanz kann keine andere Nation vor­weisen.

Inso­fern stimmt es nur bedingt, dass der letzte Ein­druck bleibt. Der letzte Ein­druck bei Löw ist kein guter: Dem Vor­run­denaus bei der WM 2018 folgte jetzt bei der EM das Aus im Ach­tel­fi­nale. Aber natür­lich trüben die letzten beiden Tur­niere das Gesamt­bild seiner Amts­zeit.

Löw hat sich das selbst zuzu­schreiben. Seine Tragik ist, dass er den rich­tigen Moment des Abschieds ver­passt hat. Er hätte 2014, nach dem WM-Titel, auf­hören können, auf dem höchsten aller Gipfel. Aber dass er als Welt­meister auch noch Euro­pa­meister werden und Geschichte schreiben wollte, das kann man ihm nicht vor­werfen.

Den Absprung ver­passt

Er hätte 2016 auf­hören können, nachdem er im EM-Halb­fi­nale an Frank­reich geschei­tert war. Aber dass er als Welt­meister seinen Titel ver­tei­digen und Geschichte schreiben wollte, das kann man ihm nicht vor­werfen.

2018 aller­dings, nach dem Debakel in Russ­land, hätte er auf­hören müssen. Dass er das nicht getan hat, das war sein großer Fehler. Und das muss man ihm vor­werfen.

Löw hat sich an das Amt geklam­mert, in das er sich so sehr ver­liebt hatte. In einem Moment, in dem die deut­sche Natio­nal­mann­schaft für den Neu­aufbau einen unver­brauchten, unbe­schwerten und unbe­las­teten Bun­des­trainer benö­tigt hätte. All das war Löw nach dem his­to­ri­schen Schei­tern nicht mehr. Im Gegen­teil: Seit dem Schei­tern bei der WM 2018 befand er sich in einem per­ma­nenten Recht­fer­ti­gungs­modus.

Erst musste er sich dafür recht­fer­tigen, dass er weiter auf Leute wie Müller und Hum­mels setzt. Dann musste er sich dafür recht­fer­tigen, dass er Leute wie Müller und Hum­mels so beharr­lich igno­riert. Und ver­mut­lich wird er sich künftig dafür recht­fer­tigen müssen, dass er Müller und Hum­mels dann doch für die EM zurück­ge­holt hat. So hat es Joa­chim Löw am Ende nie­mandem mehr recht machen können. Das Schlimme ist, dass man das irgend­wann auch seiner Mann­schaft ange­merkt hat.

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