Natür­lich wollten wir das Spiel gewinnen.“ Falk Zschied­rich sitzt auf einem aus­la­denden, grün­ge­mus­terten Eck­sofa in einem Pas­sauer Ein­fa­mi­li­en­haus. Außen leuchtet das Haus frisch und gelb, mit einem höl­zernen Balkon, drinnen ist noch kaum ein Kratzer auf dem Fur­nier. Vor fünf Jahren bauten die Zschied­richs, das Wohn­zimmer ist spär­lich möbliert und wirkt noch neu. Falk Zschied­rich ist ein schmaler, fast möchte man sagen, zarter Mann. Er ver­sinkt ein wenig im Fau­teuille. Das Spiel, das auch Zschied­rich gewinnen wollte, war das vor­letzte Heim­spiel der DDR-Ober­liga 1987/88.

Am Morgen feiert Erich Hon­ecker in der sowje­ti­schen Prawda“ die Groß­taten im Namen der Zukunft“ – es ist der 43.Jahrestag des Sieges der Alli­ierten über Hit­lers Deutsch­land. Weiter west­lich bestreitet Björn Eng­holm den letzten Tag der schleswig-hol­stei­ni­schen Land­tags­wahlen. Und auf den Rängen des kleinen Sta­dions an der Quenz­brücke peit­schen 15000 Zuschauer ihre BSG Stahl nach vorn. Es läuft die Nach­spiel­zeit gegen den Tabel­len­führer Lok Leipzig. Jeske führt den Ball im Rücken der Abwehr, aber Schieds­richter Kir­schen pfeift den Vor­teil ab. Voß und Kapitän Ringk stehen zum Frei­stoß bereit. Der Ball liegt zen­tral, etwa 20 Meter vor dem Tor von Lok.

Die 28. Saison war eine der span­nendsten, dra­ma­tischsten Meis­ter­schaften seit der Ober­liga-Eta­blie­rung“, wie nach dem letzten Spieltag der Kom­mentar der Mär­ki­schen Volks­stimme“ bemerken sollte. Über das Spiel gegen den Favo­riten und Meis­ter­schafts­an­wärter 1.FC Lok Leipzig im Sta­dion der Stahl­werker“ schrieben die Bran­den­burger Neu­este Nach­richten“: Es war ein packendes, über weite Stre­cken gut­klas­siges Ober­li­ga­spiel.“ Zweimal haben die Bran­den­burger geführt, zweimal holt die spie­le­risch über­le­gene Lok auf. Vor allem der junge Bernd Hobsch drängt immer wieder nach vorn. Lok steht im Moment vor dem ver­hassten Erich-Mielke-Verein BFC Dynamo Berlin an der Spitze der Tabelle. An dritter Stelle hat Dynamo Dresden bereits zu viele Punkte Rück­stand um noch ins Meis­ter­schafts­rennen ein­zu­greifen. An vierter Stelle ran­giert die Betriebs­sport­ge­mein­schaft des Bran­den­burger Stahl­werkes. Die Kon­stel­la­tion ist tückisch, im Heim­spiel gegen Lok steht viel auf dem Spiel: Wenn Lok in Bran­den­burg gewänne, wären sie der Meis­ter­schaft sehr nahe, am Pokal­sieg von BFC Dynamo gegen den erheb­lich schwä­cheren FC Carl Zeiss Jena zwei­felt nie­mand. Lok würde im Euro­pa­pokal der Lan­des­meister, der Tabel­len­zweite BFC im Pokal der Pokal­sieger antreten. Damit hätte die Liga einen lachenden Ver­lierer, Stahl würde sich hinter Dynamo Dresden als Vierter der Tabelle für Europa qua­li­fi­zieren.

Eigent­lich wollten wir das Spiel nicht gewinnen“


Zwei Jahre zuvor hatten sich die Bran­den­burger schon einmal über­ra­schend für den UEFA-Cup qua­li­fi­ziert. Mit einem bes­seren Tor­ver­hältnis waren sie Tabel­len­fünfter geworden und pro­fi­tierten von drei Euro­pacup-Plätzen, die die DDR damals noch zuge­teilt bekam. In der ersten Runde gewannen sie gegen den iri­schen FC Cole­raine, bevor gegen IFK Göte­borg das Aus kam. Die Spiele in Bran­den­burg sind unver­gessen, die Mann­schaft blieb größ­ten­teils zusammen. Falk Zschied­rich spielt zu dem Zeit­punkt noch bei Stahl Riesa, dem säch­si­schen Ober­li­ga­klub des Stahl­kom­bi­nats. In der Win­ter­pause 1987/88 wech­selt er nach Bran­den­burg. Das Spiel gegen Lok Leipzig ver­folgt er zunächst von der Bank, in der 82.Minute wech­selt ihn Trainer Peter Kohl ein. Falk Zschied­rich ist noch frisch.

Der Kapitän wird schießen. Chris­toph Ringk läuft an und schlenzt den Ball über die Mauer. Zwi­schen den Pfosten steht der ehe­ma­lige DDR-Fuß­baller des Jahres, René Müller. Er hütet auch das Tor der DDR-Aus­wahl. Der Schuss dreht sich über die Mauer, Müller streckt sich und klatscht den Ball zur Seite. Falk Zschied­rich ist dem Ver­tei­diger ent­wischt und läuft dem Ball in Rich­tung der rechten Eck­fahne nach.

Falk Zschied­rich arbeitet heute als Brief­träger in Passau. Nicht der Traumjob, aber da bin ich am frühen Nach­mittag wieder zu Hause.“ Noch immer ist er drahtig, mit schmalen Schul­tern und scharf gezo­genen Gesichts­zügen. Die ehe­mals blonden Strähnen, die auf älteren Bil­dern auch mal zur Kunst­locke gerollt waren, sind stift­grade nach oben geföhnt und dun­kel­grau. Noch immer trägt er den einst so beliebten Ober­lip­pen­bart, nur ras­pel­kurz – so als hätte er sich von einem alten Freund, der einem zwar etwas unan­ge­nehm geworden ist, noch nicht so richtig lösen wollen. Zschied­rich sitzt auf seiner Sofa­ecke und der Besu­cher hat das Gefühl, dass alles auch ganz anders hätte ver­laufen können. Nein“, sagt er plötz­lich, eigent­lich wollten wir das Spiel nicht gewinnen.“

Zschied­rich, mitt­ler­weile 45 Jahre alt, hat das DDR-Aufbau- und Aus­wahl-System durch­laufen. Er wurde in Rade­berg geboren, da wo das Bier her­kommt“, beeilt er sich zu sagen, wahr­schein­lich wird in Nie­der­bayern die Deutsch­land­karte noch nach Bier­sorten geordnet. Er spricht mit wei­chem säch­si­schen Klang, unter die sich nur ver­ein­zelt die rauen, abge­hackten Worte seiner nie­der­bay­ri­schen Wahl­heimat mischen.

In der Dresdner Kinder- und Jugend­sport­schule und im Nach­wuchs wird er auf die Ober­liga getrimmt. Zweimal täg­lich trai­nieren sie, Ath­letik und Kraft­werte stehen im Vor­der­grund, über 20 Stunden in der Woche. Das Leben ist ange­nehm, als Fuß­baller waren wir klar pri­vi­le­giert“, sagt Zschied­rich. Neben hartem Trai­ning spielt auch die Sport­me­dizin eine Rolle, erzählt Zschied­rich. Jeder hat kleine Schäl­chen mit bunten Pillen bekommen. Vit­amin­ta­bletten hieß es.“ Laufen konnten sie dann wie Leicht­ath­leten, die Kräfte schienen unend­lich. Schon als Jugend­li­chen in der Sport­schule wuchs den Schwim­me­rinnen das Kreuz und gele­gent­lich der Bart auf den Ober­lippen. Vor den Spielen musste in Dresden die ganze Mann­schaft ran. Erst im Nach­hinein ist mir klar geworden, dass das Doping war. Wir mussten vor den Spielen in den Keller, in den Arzt­trakt. Und schon eine halbe Stunde vor Anpfiff waren wir richtig fickrig.“ Zschied­rich sitzt auf dem Sofa und schüt­telt sich die aus­ge­streckten Arme. Er will zeigen, wie fickrig geht.

Neben sys­te­ma­ti­schem Doping gab es noch andere Eigen­tüm­lich­keiten in der DDR-Ober­liga. Da wurden auch Spiele ver­schoben.“ Zschied­rich sagt das, wie er guten Tag sagt. Geld­koffer machten die Runde und die Schieds­richter hatten schon den Par­tei­auf­trag, den BFC Dynamo zum Meister zu machen.“ Auch in Bran­den­burg fand ein Geld­koffer einen Abnehmer. Unser Tor­wart hat das einmal zuge­geben, nachdem er einen Elf­meter ver­schuldet hatte und unge­fähr drei Meter neben das Tor gesprungen ist.“ Das Fern­sehen war dabei und die Ver­wun­de­rung groß. Immerhin, im Mann­schafts­kreis gab der Tor­wart alles zu. Das wurde dann recht teuer für ihn – er musste einige Abende aus­geben.“

Dar­über hinaus mischte die Stasi mit. Hanns Leske hat in seiner umfang­rei­chen Dis­ser­ta­tion her­aus­ge­funden, dass über 40 Jahre die ent­schei­denden Per­sonen des DDR-Fuß­balls Rudi Hell­mann, Man­fred Ewald und Erich Mielke hießen. Sie waren Abtei­lungs­leiter Sport beim ZK, DDR-Sport­bund-Prä­si­dent und Minister für Staats­si­cher­heit. Sie orga­ni­sierten, begüns­tigten, drang­sa­lierten, bespit­zelten, mani­pu­lierten Sport und Sportler. Dabei fanden sie eil­fer­tige Unter­stützer – selbst die Großen, Spieler wie Ulf Kirsten, spä­tere Trainer wie Eduard Geyer, etliche Schieds­richter – viele arbei­teten irgend­wann für die Staats­si­cher­heit. Viel­leicht um die Kar­riere nicht zu gefährden und sich die Mög­lich­keit für die Aus­wahl und inter­na­tio­nale Ein­sätze zu bewahren.“ Zschied­rich sagt solche Sätze mit farb­loser Stimme, in der Fata­lismus, Gelas­sen­heit und Prag­ma­tismus inein­ander fließen. Er lehnte die Auf­for­de­rung zur infor­mellen Mit­ar­beit ab. Da musste ich nicht groß drüber nach­denken.“ Das war nicht selbst­ver­ständ­lich, seine Kar­riere begann bei einem der Vor­zei­ge­ver­eine der DDR. Neben dem BFC Dynamo stand der Poli­zei­verein Dynamo Dresden unter beson­derer Für­sorge des Mielke-Impe­riums.

Diese Für­sorge orga­ni­sierte den größten Bruch im seinem Leben. Als 17-Jäh­riger hatte er sich hoch­ge­ar­beitet in der starren Hier­ar­chie der ersten Mann­schaft, hatte auf den Platz geschleppt, was dort von­nöten war, nach dem Trai­ning Bälle und Leib­chen wieder ein­ge­sam­melt, die Schuhe der älteren Kol­legen geputzt. Das war sehr streng damals. Ich war der Jüngste, musste meine Leis­tung bringen und den anderen zu Diensten sein. Und dann haben sie mich auch mal mit­ge­nommen auf ein Bier.“ Er schien sich als Nach­wuchs­spieler durch­zu­setzen, wurde ein­ge­laden mit­zu­kommen, mit den Großen, mit Hans-Jürgen Dixie“ Dörner und Kon­sorten. Als Ein­ziger meines Jahr­gangs!“ Noch fast 30 Jahre später durch­zuckt der Stolz des jungen Falk seinen Körper, er schlägt mit der Hand­kante auf den Tisch. Doch plötz­lich wurden Pläne des Dresdner Spie­ler­trios Kotte, Weber und Müller bekannt, sie wollten sich bei einem Län­der­spiel absetzen. Die Staats­si­cher­heit reagiert sofort und macht auch Zschied­rich einen Strich durch die Kar­riere, schreibt sein Leben um. Die Firma“ durch­sucht nun penibel den Spie­ler­stamm von Dynamo nach West­kon­takten, Absatz­be­we­gungen, Dis­si­denz. Man wollte jetzt ganz sicher­gehen.

Meine Freundin hatte über ihre Mutter Schwes­tern im Westen, da hat mich der Verein vor die Wahl gestellt. Trenn dich von ihr, oder du musst gehen.“ Zschied­rich war noch nicht ver­hei­ratet – der klas­si­sche Hoch­zeits­grund in der DDR fiel weg, er hatte als Fuß­baller bereits eine eigene Woh­nung. An der Schwelle zu seinem Lebens­traum musste er sich plötz­lich ent­scheiden: Da habe ich mir gedacht, Fuß­ball spielste viel­leicht bis du 35 bist. Meine Frau wird mein ganzes Leben da sein.“ Wieder ballt der Ton Unauf­ge­regt­heit und Prag­ma­tismus anein­ander. Keine Hel­den­ge­sänge, kein Selbst­mit­leid.

Aber das Auge, das hatte ich“


Doping, Bestechung, Schie­bung, konnten Sie ihren Beruf ernst nehmen, Herr Zschied­rich? Doch, auf jeden Fall. Wir hatten es gut in der DDR, bekamen was wir wollten und konnten uns auf den Sport kon­zen­trieren.“ Zschied­rich erzählt von Beloh­nungs­reisen nach Berlin, Meis­sener Por­zellan, Trai­nings­lager im Aus­land. Er ist einer der Besten seines Jahr­gangs. Nach dem Gespräch in der Prä­si­den­ten­etage wurde er zu Stahl Riesa dele­giert, in der Nähe sollte er schon bleiben. Die dachten sich, viel­leicht hält die Bezie­hung ja nicht und dann können wir ihn zurück­holen.“ Dazwi­schen liegt die Mili­tär­zeit und zwei Jahre beim Armee­sport­verein Vor­wärts Kamenz“. Zschied­rich wurde in die Pro­vinz geschickt, er spielt jetzt für eine BSG.
Viele Erin­ne­rungs­stücke aus seiner Kar­riere haben es nicht in das sau­bere Haus der Zschied­richs geschafft. Ein sorg­fältig ange­legtes Foto­album ist das ein­zige Stück, das die Ver­gan­gen­heit erzählt. Die Mutter sam­melte Bilder und einige Zei­tungs­aus­schnitte. Ich habe mich da nie drum geküm­mert und bei jedem Umzug ist etwas weg­ge­kommen“, lächelt Falk. Immerhin, er findet einen ein­ge­klebten Artikel und liest vor. In der Nach­richt war der junge Falk Zschied­rich Spieler des Tages in Riesa. Kein schneller Spieler sei er gewesen, aber das Auge“, er tippt sich an die Wange, das hatte ich.“ Viel­leicht war das aus­schlag­ge­bend vor 20 Jahren.

Mül­lers Abpraller fällt genau vor die Füße von Falk Zschied­rich, der hat keine Mühe den Ball über den am Boden lie­genden Natio­nal­tor­hüter zu schießen. Der Ball schlägt unter der Latte ein. Wenig später beendet der Schieds­richter die Begeg­nung. Die BSG Stahl Bran­den­burg gewinnt durch das späte Tor gegen den 1. FC
Lok Leipzig 3:2.

Gelun­gene Dra­ma­turgie für ein doch noch hoch­zu­frie­denes Publikum“, fasst die Volks­stimme“ zusammen, Kapitän Ringk glaubt im Inter­view, dass mit drei Punkten aus den noch aus­ste­henden Spielen, die Euro­pa­cup­qua­li­fi­ka­tion noch zu schaffen sein könnte. Über das Tor gegen den Müller habe ich mich natür­lich gefreut“, sagt Zschied­rich und legt die Hände zusammen. Er hatte nur gemacht, was er von Kin­des­beinen übt. Ich bin dem Frei­stoß nach­ge­gangen, so wie das jeder Stürmer macht. Dabei war das eher ein Heber, ich dachte, den hält der Müller sowieso und plötz­lich fällt mir der Ball vor die Füße. Das war ein Reflex.“ Ja, sie hätten sich gefreut. Zu Hause vor vollem Haus. Außerdem, René Müller, der Natio­nal­keeper. Die Ränge jubeln sowieso, unter den Augen von Rudi Hell­mann hatte die BSG wieder gegen einen FC gewonnen, die ganze Stadt schien auf den Beinen. Die, die dabei waren, berichten noch heute, dass der Schlachtruf Stahl – Feuer“ noch Stunden nach dem Spiel durch die Schluchten der Plat­ten­bau­sied­lung hallte. Wir haben hier immer auf Sieg gespielt“, nickt 20 Jahre später Ger­hard Bus­chatzky, der heute die Mann­schaft der Alten Herren trai­niert. Hier bei Stahl konn­test du nicht ein­fach so ein Spiel her­geben. Wir waren eine BSG, wir mussten die Dinge ein biss­chen anders machen.“ Die Geschichte jenes Sams­tag­nach­mit­tags lässt sich auch als Spiegel der internen Macht­kämpfe des DDR-Fuß­balls lesen.

Die Ober­liga teilte sich auf, in die von den Funk­tio­nären des Sys­tems gehät­schelten Fuß­ball­klubs, die Chris­toph Ringk noch heute Leis­tungs­klubs“ nennt, elf Stück an der Zahl, und die Betriebs­ge­mein­schaften. Die BSGen sollten die Liga doch nur auf­füllen.“ Auch Ringk kommt von einem Leis­tungs­club, Vor­wärts Frank­furt“, dem Armee­verein. Ihn hat die Groß­mutter nach Bran­den­burg gebracht, sie war näm­lich in den Westen aus­ge­reist. Das kos­tete Ringk Aus­wärts­spiele im UEFA-Cup, viel­leicht den Weg in die Natio­nal­aus­wahl. Er wurde nach Bran­den­burg dele­giert, weil die Planer viel­leicht hofften, nie wieder von ihm zu hören. Die Betriebs­mann­schaften wurden unter­drückt“ sagen alle, die man darauf anspricht. Und auf jeden Fall sagt das Ger­hard Bus­chatzky, den alle Walter rufen, weil schon sein Vater so hieß. Bus­chatzky war fast von Anfang an dabei. Und der Anfang war 1950, da war das Stahl- und Walz­werk noch kein Jahr alt.

Stahl aus Schrott ver­ar­bei­teten sie in Bran­den­burg schon ab 1914, in der Wei­marer Repu­blik kaufte der Flick-Kon­zern die Anlagen und führte sie zu der Mit­tel­deut­schen Stahl­werke AG zusammen. Nach Demon­tage, Wie­der­aufbau und einigen Moder­ni­sie­rungen pro­du­zierten die Anlagen am Silo­kanal ein Drittel der Roh­stahl­pro­duk­tion der DDR. Im VEB Qua­li­täts- und Edel­stahl­kom­binat Bran­den­burg“ arbei­teten fast 10000 Men­schen. Das Werk ver­half der Stadt in den 70er und 80er Jahren zu ihrer Blü­te­zeit. Bran­den­burg wuchs bis an die Grenze von 100000 Ein­woh­nern, so viele wie nie wieder. Rings um das Stahl­werk wucherten Plat­ten­bau­sied­lungen, so rasch, dass es an der so genannten frei­zeit­ori­en­tierten Infra­struktur“ man­gelte. Die ört­liche Par­tei­füh­rung bemerkte das Dilemma und stellte in einem unda­tierten Dos­sier Ende der 70er fest: Eine gewisse Lan­ge­weile beklagen manche jungen Leute“, es gäbe noch zu wenige Mög­lich­keiten, in der Frei­zeit etwas los­zu­ma­chen.“ In den Neu­bau­ge­bieten wohnten über 40000 Men­schen, der Fuß­ball war die Gele­gen­heit Frei­zeit zu gestalten, Iden­ti­fi­ka­tion zu stiften, soziale Pro­bleme zu über­tün­chen. Das ›Sta­dion der Stahl­ar­beiter‹, auf Abraum­schutt errichtet, war der geeig­nete Ort dafür.
Mit der Hilfe des Werkes wurde die BSG Stahl geför­dert, Spieler wurden besorgt und stück­weise von der Arbeit im Werk frei­ge­stellt. Trainer, Platz­warte, medi­zi­ni­sches Per­sonal – alles wurde pro­fes­sio­na­li­siert und über das Stahl­werk bezahlt.

Rase­n­in­ge­nieure nannte man das gerne. Der Erfolg kam in den 80er Jahren, 1984 Auf­stieg in die Ober­liga, im Jahr drauf been­dete die BSG die Ober­liga-Saison als über­ra­schender Tabel­len­fünfter, mit­ten­drin immer Chris­toph Ringk. Der Verein eröffnet die neue Haupt­tri­büne mit 1000 Sitz­plätzen. Um an Karten zu kommen, werden schwie­rige Tausch­ge­schäfte ange­stellt, das Stahl­werk baut eine selbst­er­dachte Anzei­gen­tafel für das Fuß­ball­kol­lektiv“ auf.

So sicher wie ne Bank“

Der Inge­nieur in Rente Walter Bus­chatzky (62), der ehe­ma­lige Zustän­dige für die Ver­sor­gung der Fuß­baller der BSG Stahl, Richard Wer­nitz (69) und Klaus Wol­ters­dorf (67), der auch im Stahl­werk arbei­tete, sitzen in einem VIP-Raum im Bauch der kleinen Tri­büne. Sie haben alle irgendwie einmal bei der Werks­mann­schaft gespielt, trai­niert oder das Drum­herum orga­ni­siert. Jetzt sind sie Teil der Alten Herren und treffen sich jeden Don­nerstag, so sicher wie ne Bank“, sagt Wer­nitz. Ein paar Bier, ein Kurzer und Geschichten aus der Ver­gan­gen­heit. Sie freuen sich, dass das Sta­dion akkurat gepflegt wird, sind stolz auf den reno­vierten VIP-Raum. Die Wände in Ver­eins­farben, Weiß und Blau. Außerdem hängen die wich­tigsten Erfolge, die Spon­soren und in groß­for­ma­tigen Por­träts die erfolg­reichsten Spieler an der Wand. Steffen Freund, Roy Präger, Frank Jeske. Aus der Zeit vor der Wende haben noch ein paar Tische über­lebt und man­cher Pull­over, den die Alten Herren tragen. Don­ners­tag­abends erzählen sie sich hier gegen­seitig die Erfolge der BSG, die Auf­stel­lung der Gegner oder die schwie­rigen Bedin­gungen gegen BFC Dynamo. Der Pegel in den Bier­fla­schen sinkt und im Raum wird es laut vor all den Erin­ne­rungen. Jeder über­tönt den anderen, jeder kennt andere Details, jeder auf seine Weise.

Viel­leicht kann man das so sagen: Zu uns kamen doch immer die, die anderswo durch den Rost gefallen sind“, Wer­nitz grinst. Spieler wurden grund­sätz­lich zu ihren Ver­einen dele­giert, der Wechsel zu klei­neren Mann­schaften war auch als Strafe gedacht. Tor­wart Zimmer war aus Jena gekommen, dort wurde er nach angeb­lich poli­ti­scher Betä­ti­gung im stu­den­ti­schen Umfeld gesperrt. Ringk kam 1981, nachdem er ein halbes Jahr keinen regel­mä­ßigen Sport machen durfte. Der Jeske Frank – wie ihn Zschied­rich fort­wäh­rend nennt – war abseits des Spiel­felds ziem­lich lebens­froh, er mochte Alkohol, gute Laune und schöne Frauen. Wir waren eine bunte Truppe“, sagt Zschied­rich, Ringk erzählt von einer ver­schwo­renen Gemein­schaft“.

Zu uns kamen Spieler, die bei den FCs als undis­zi­pli­niert galten, oder die nicht in deren System passten. ›Erzieht die mal‹, hieß es dann. Und wenn sie plötz­lich gut spielten“, Bus­chatzky kratzt sich etwas am Kinn, dann wollten die FCs die auch schnell wieder haben.“ Vor­wärts Frank­furt habe alles daran gesetzt ihn, den Kapitän, sperren zu lassen. Von der Liga­füh­rung wurden die BSGen gene­rell drang­sa­liert. Uta Kla­edtke, die für einen Auf­satz im Sam­mel­band Sport in der DDR“ den schmalen Grat der Stahl-Fuß­baller zwi­schen poli­ti­sche Anpas­sung und betrieb­li­chem Eigen­sinn“ unter­sucht hat, weiß von insze­nierten Finanz­re­vi­sionen zu berichten. Aus­gaben für Spieler und Infra­struktur sollten kon­trol­liert werden, mit dem Ziel die Betriebs­sport­ge­mein­schaften par­tei­po­li­tisch wei­terhin zu regle­men­tieren und die inof­fi­zi­elle leis­tungs­sport­liche Hier­ar­chie zu wahren, an deren Spitze Polizei- (bzw. Staats­i­cher­heits-) Fuß­ball­clubs standen und an deren Abstiegs­plätzen ledig­lich die Betriebs­sport­ge­mein­schaften erwünscht waren.“

Sport und Politik waren untrennbar ver­bunden. Das Schicksal der BSGen hing vom Gene­ral­di­rektor ab. In Bran­den­burg war dies Hans-Joa­chim Lauck. Der kam 1970 und von da an wurde hier anders gespielt“, erin­nert sich Bus­chatzky. Fuß­ball war fortan ein Fix­punkt im Werk. Lauck lässt Ver­bin­dungen und Finanzen spielen, sorgt für die nötige Infra­struktur und den Auf­stieg. Der konnte drohen“, sagt Ringk und hebt die Stimme, denn wer konnte schon drohen in der DDR, der hatte ein mäch­tiges Werk im Rücken.“ Dafür for­derte Lauck stets 100-pro­zen­tigen Ein­satz, in jedem Spiel. Wenn das nicht pas­sierte, fal­tete er nachher die Spieler per­sön­lich zusammen. Der hat alles für die BSG gemacht, selbst wenn er dafür poli­ti­schen Ärger ris­kiert hat“, erzählt Wer­nitz. Der ehe­ma­lige Ver­sor­gungs­be­auf­tragte der Mann­schaft reibt sich die Hände. Die anderen nicken ernst.

Natür­lich erin­nern sie sich noch an die Saison 1987/88, auch wenn die Anek­doten immer wieder zurück zum UEFA-Cup wollen. Die Erfolge über­strahlen den unge­schickten Sieg gegen Lok. Zudem hat so man­cher die kom­plexe Kon­stel­la­tion auch 20 Jahre später nicht richtig durch­ge­rechnet. Manchmal waren wir hier auch ein biss­chen naiv“, gibt Bus­chatzky zu. Da haben wir uns mal gefreut, Mensch, der Schieds­richter pfeift für uns und nicht für Dynamo Dresden.“ Hin­terher erklärte ihnen ein Dresdner, dass der Unpar­tei­ische dadurch den BFC begüns­tigte. Und wir standen da wie Maxe.“ Bus­chatzky schlägt sich gegen den Kopf, die anderen lachen. Sie waren eben eine BSG, sagen sie. Aber der späte Sieg­treffer gegen Lok ist haften geblieben, alle waren als Ordner im Sta­dion, alle begeis­tert. Nur der Opa war doch schon weg, der wollte unbe­dingt die erste Bahn kriegen. Da hat er sich noch über das Unent­schieden geär­gert.“ Mit Opa meint Bus­chatzky jetzt seinen Vater.

Nein“, sagt Wolf­gang Juchert, grö­ßere tak­ti­sche Spie­le­reien gab es hier nicht.“ Der Trainer hätte die Mann­schaft auf Sieg ein­ge­schworen, die Zuschauer von den Rängen getobt. Wolf­gang Juchert ist seit zwei Jahren Prä­si­dent von Stahl Bran­den­burg. Ein Erfolgs­mensch. In seinem Büro hängen Fotos: von ihm mit der Tra­di­ti­ons­mann­schaft, von ihm mit Franz Becken­bauer, mit Uli Hoeneß. Juchert hat sich einen Lebens­traum erfüllt, er ist Mit­glied bei Bayern Mün­chen. Seinen ersten West­be­such machte er in Mün­chen – im Olym­pia­sta­dion gegen Werder Bremen. Im Büro­regal steht ein Model von seinem schwarzen Mer­cedes Coupé. Wolf­gang Juchert ist ein Macher, er ver­si­chert Men­schen gegen den Unbill des Lebens, ist den ganzen Tag unter­wegs. Er trägt einen weißen Fünf­ta­ge­bart, schwarze Strähnen im weißen Haupt­haar. Salz und Pfeffer“ nennen die Eng­länder dieses Muster. Der 59-Jäh­rige ist agil und wach, kann gut erzählen. Vier Wochen nach Amts­über­nahme stieg Stahl in die Lan­des­liga ab. Der Tief­punkt zur Amts­ein­füh­rung.

Hier ver­dienten die Spieler am besten“

Wir hatten hier opti­male Bedin­gungen“, sagt Juchert. Zu DDR-Zeiten kamen die Spieler gerne zur BSG.“ Aller­dings, in den Kader der Natio­nal­aus­wahl wurden nur Spieler der großen Ver­eine berufen. Zschied­rich hätte es viel­leicht in die Aus­wahl geschafft, wenn er in Dresden geblieben wäre. Ringk ohne Oma im Westen. In Bran­den­burg schaute nie­mand hin – den­noch war die Welt der ver­meint­lich Unter­le­genen kom­mode. Hier ver­dienten die Spieler am besten“, auch der Druck des Über­wa­chungs­staates war geringer.

Bei den Ober­liga-Heim­spielen in Bran­den­burg war auch Juchert dabei, als Fan. In Vor­stand und Ver­ant­wor­tung kam er erst viel später. So kann er unbe­fangen von den kom­pli­zierten Nach­wen­de­jahren erzählen. 1993 wurde das Stahl­werk geschlossen, plötz­lich musste sich der Verein Spon­soren suchen, eigen­ver­ant­wort­lich und wirt­schaft­lich sein. Nach einem Inter­mezzo in der 2. Liga ging es steil bergab. Satte Wessis“ seien zuhauf gekommen, als Spieler, Trainer und Manager. Die wollten hier noch ein biss­chen Geld abgreifen und brachten kaum Leis­tung.“ Die Aus­ein­an­der­set­zungen wurden schärfer, der Verein beging Fehler. Es folgten Insol­venz und Neu­aufbau. Juchert schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, wenn er erzählt, wie das Tafel­silber ver­scheuert wurde“. Die jün­geren Spieler wurden ver­kauft, den älteren traute man vieles nicht mehr zu. Die Genera­tion der Falk Zschied­richs hatte Pech. Im Osten wollten sie uns nicht mehr richtig, für den Westen waren wir schon zu alt“, erin­nert der sich auf seinem Pas­sauer Sofa. Auch jetzt klingt kaum Wehmut in seiner Stimme. Seine Ziele neu defi­nieren, nennt er das. Für mich hätte die Wende zehn Jahre früher kommen müssen“, er zögert etwas und schaut aus dem Fenster, oder gar nicht.“

Draußen ist es noch einmal kalt geworden. Die Mann­schaft trai­niert abends, auf einem Neben­platz, unter Flut­licht. Sie drib­beln und passen, beim Spiel auf ein Tor geht es hart zur Sache. Im fahlen Licht erscheinen die Gesichter alle­samt bleich, vor Kälte oder vor Jugend. Der Trainer hat sich tief ein­ge­graben in eine schwarze Dau­nen­jacke. Kurze Kom­men­tare steigen mit weißem Dampf aus der Jacke. Die Spieler sprinten, grät­schen und ackern. Etliche dürfen noch in der A‑Jugend spielen. Wolf­gang Juchert bleibt kurz am Rand stehen, die Arme vor der Brust ver­schränkt. Noch lieber als von der Ver­gan­gen­heit erzählt Juchert von den Plänen der Gegen­wart. Der Zukunft. Einen Schnitt hätten sie gemacht. Einen neuen Trainer gefunden, das Kon­zept heißt jetzt Jugend. Ein Jahr soll sich die Mann­schaft in der Lan­des­liga kon­so­li­dieren“, dann muss es nach oben gehen. Die Chancen sind nicht schlecht, der Kader ist gut. Im Rücken ruht das dunkle Sta­dion, die Zeit scheint an vielen Ecken still­ge­standen. Haupt­tri­büne, Spre­cher­turm, Umklei­de­ka­bine, in Stein gebaut die Ver­gan­gen­heit der BSG.

Zum Schluss ent­schieden acht Tore. Die bes­sere Tor­dif­fe­renz machte den Meister in der 28. Ober­liga-Saison. Ganz oben stand zum Schluss der BFC Dynamo, zum zehnten Mal in Folge, punkt­gleich vor dem Zweiten Lok Leipzig. Damit qua­li­fi­zierten sich Lok und Dynamo Dresden für den UEFA-Cup. Der Zweite des Pokal­fi­nales, Carl Zeiss Jena, schied schnell aus dem Pokal der Pokal­sieger aus. Lok spielte vor 90000 Zuschauern im Zen­tral­sta­dion gegen den SSC Neapel. Manche meinen, dass es 120000 waren. Die Begeg­nung endet unent­schieden. In Bran­den­burg an der Havel sitzen die meisten gebannt vor dem Fern­seher. Man sagt, dass Diego Mara­dona einen guten Tag hatte.


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