Wer Luciano Moggi ver­stehen will, der braucht gute Nerven. Und Geduld. Als die Unter­lagen der Ermittler im Zuge des ita­lie­ni­schen Mani­pu­la­ti­ons­skan­dals der Öffent­lich­keit zur Ver­fü­gung gestellt wurden, glaubten nicht wenige Zei­tungen an einen Tipp­fehler. In einem Zeit­raum von neun Monaten hatten die Behörden sagen­hafte 100.000 Tele­fo­nate des Mana­gers von Juventus Turin gezählt. 100.000 Tele­fo­nate. Das sind 416 Anrufe pro 16-Stunden-Tag. Alle zwei­ein­halb Minuten klin­gelte eines der sechs Tele­fone des Mannes, der mit seinen Machen­schaften die einst ruhm­reichste Fuß­ball-Liga der Welt im Sommer 2006 fast ins Ver­derben manö­vriert hätte.



Am 14. Juli 2006, wenige Tage nachdem in Berlin Ita­liens Kapitän Fabio Can­na­varo den WM-Pokal in die Höhe gestemmt hatte, urteilte das Gericht des ita­lie­ni­sches Fuß­ball-Ver­bandes über Luciano Moggi und seinen Rat­ten­schwanz an Ver­einen, Schieds­rich­tern, Spie­lern, Funk­tio­nären und Jour­na­listen. Juventus Turin, der AC Flo­renz und Lazio Rom wurden in die zweite Liga ver­bannt, der AC Mai­land kam mit 15 Punkten Abzug davon. Moggi selbst wurde zu 50.000 Euro Geld­strafe und fünf Jahren Berufs­verbot ver­don­nert. Eine milde Strafe, bedenkt man, dass der Mann mit den vielen Mobil­te­le­fonen das einst stolze Fuß­ball-Land der Lächer­lich­keit Preis gegeben hatte. Jetzt sind die fünf Jahre bald vorbei und Moggi sagt: »Meine Sperre läuft nächstes Jahr ab und ich will mich wieder an die Arbeit machen.«

Ein ita­lie­ni­sches System

An die Arbeit machen. Nachdem vor vier Jahren die ita­lie­ni­sche Bombe platzte, tauchten plötz­liche viele Fragen auf, wie die Arbeit von Luciano Moggi in den ver­gan­genen Jahr­zehnten über­haupt aus­ge­sehen hatte. Und end­lich gab es Ant­worten. Wenn auch nicht genü­gend, um das System des einst bekann­testen Fuß­ball-Mana­gers Ita­liens wirk­lich zu ver­stehen. Das System Moggi ist vor allem: Ein ita­lie­ni­sches System. Das macht es nicht gerade leicht.

Moggi, 1937 in der Tos­kana geboren, begann seine außer­ge­wöhn­liche Kar­riere als ein­fa­cher Bahn­an­ge­stellter. Mit 13 hatte er die Schule ver­lassen, mit Mitte 20 den ersten wich­tigen Kon­takt seines Lebens geknüpft. Ein befreun­deter Bäcker ver­dingte sich nebenbei als Talents­cout für regio­nale Fuß­ball­ver­eine und Moggi zeigte schnell beein­dru­ckende Fähig­keiten anstän­dige Fuß­baller aus­findig zu machen. Wenige Jahre später ver­diente er sein Geld als selbst­stän­diger Scout und bediente gar den Bran­chen­primus Juventus Turin mit fähigen Fuß­bal­lern. Eine Rand­notiz zeigt das Fun­da­ment im System Moggi: Ange­kommen in der Welt des großen Fuß­balls enga­gierte der Nach­wuchs­ma­nager den Bäcker, der ihm einst zu ersten Auf­trägen ver­holfen hatte, als seinen Assis­tenten. Eine Hand wäscht die andere. Oder wie der Eng­länder sagt: »What goes round, comes round.«

Bevor er 1984 beim SSC Neapel anheu­erte, hatte sich Moggi bereits längst einen Namen gemacht in Ita­liens Spit­zen­fuß­ball. Kein wich­tiger Mensch, der nicht die Nummer des überaus talen­tierten Gesell­schaf­ters aus der Tos­kana kannte. Im Neapel Mara­donas fei­erte Moggi die ersten Titel, musste aller­dings auch mit ansehen, wie man dem von Drogen auf­ge­dun­senen Zau­berer aus Argen­ti­nien bei Doping­kon­trollen einen fal­schen Penis mit Frem­durin umschnallte, um ihn vor einer Sperre zu bewahren. Im Sommer 1994 erwar­tete ein neuer Klub die Dienste des Eisen­bah­ners, Spie­ler­ver­mitt­lers und Ver­eins­ma­na­gers Luciano Moggi: Juventus Turin.

»Haben sie seine ver­dammten Ober­schenkel gesehen!«

Was genau in den neun­ziger Jahren bei Juve pas­sierte, ist bis heute nicht geklärt. Aber das etwas pas­sierte, wusste eigent­lich jeder. »Haben sie seine ver­dammten Ober­schenkel gesehen?«, fragte im November 1995 ein sicht­lich auf­ge­brachter Walter Smith die anwe­senden Jour­na­listen. Seine Mann­schaft, die Glasgow Ran­gers, waren soeben mit 0:4 aus dem Ibrox Park geschossen worden. Und zwar von einer Aus­wahl talen­tierter Mus­kel­berge. Die Körper der vom Naturel eher schmäch­tigen Gian­luca Vialli, Ales­sandro del Piero und Co. waren in kür­zester Zeit erstaun­lich schnell auf die Aus­maße der Leiber aus­trai­nierter Preis­boxer ange­wachsen – nicht nur Smith wit­terte gezieltes Doping beim ita­lie­ni­schen Vor­zei­ge­verein. 1998 ging Roma-Coach Zdenek Zeman mit dem inof­fi­ziell längst geäu­ßerten Vor­wurf an die Öffent­lich­keit, Juve-Spieler seien mit ver­bo­tenen Sub­stanzen auf­ge­päp­pelt worden. Bis heute ist keiner der pro­mi­nenten Ange­klagten um Welt­fuß­baller Zine­dine Zidane wegen Dopings ver­ur­teilt worden. Und auch Juves Macher Moggi über­stand jah­re­lang alle Vor­würfe und wütende Pro­teste der Kon­kur­renz mit erstaun­li­cher Gelas­sen­heit. Dem Jour­na­listen Marco Tra­va­glio hat es Moggi zu ver­danken, dass er bald mit einem überaus pas­senden Spitz­namen bedacht wurde: »Lucky Luciano.« Kein Zufall, dass einst ein bekannter Mafia-Boss den glei­chen Namen zur Schau trug.


Mitte des neuen Jahr­tau­sends war Luciano Moggi schon längst nicht mehr aus dem Fuß­ball-Geschäft weg­zu­denken. Als Manager von Juventus Turin konnte er den wich­tigsten Job der Branche sein Eigen nennen, die eigens gegrün­dete Spieler-Agentur GEA, von seinem Sohn Ales­sandro geleitet, hatte mehr als 200 Spieler unter Ver­trag, dar­unter die besten Spieler des Landes. Nur wenige Schau­spieler im Rühr­stück Seria A besaßen mehr Macht als der kahl­köp­fige Moggi. Im Sommer 2004, schreibt Jason Burke vom »Guar­dian« »war es längst von Vor­teil ein Freund von Luciano Moggi zu sein. Oder noch besser: Nicht als sein Feind zu gelten.«

300 SIM-Karten

Mani­pu­la­tionen der ver­schie­densten Art gehörten zu diesem Zeit­punkt zum täg­li­chen Geschäft des Mana­gers. Immer dabei: Eines der sechs Handys für die Moggi im Laufe von neun Monaten nach­weis­lich 300 SIM-Karten ver­braucht hatte. Ein abge­hörtes Tele­fonat gibt Ein­sicht in den inneren Moggi-Zirkel.

Am 10. August 2004 spricht Moggi mit einem alten Bekannten: Pier­luigi »Gigi« Pai­retto, ein ehe­ma­liger Schieds­richter, der zu seinen Hoch­zeiten gar das EM-Finale 1996 zwi­schen Deutsch­land und Tsche­chien gepfiffen hatte und inzwi­schen an der Spitze des ita­lie­ni­schen Schieds­richter-Ver­bandes stand. Inhalt des Gesprä­ches: Die Schieds­richter-Anset­zung im Cham­pions League Quali-Spiel zwi­schen Juventus Turin und dem schwe­di­schen Ver­treter Dju­r­gaarden.

Moggi:
Gigi, wel­chen Idioten von einem Schiri hast du uns da denn geschickt?

Pai­retto: Fandel? Der ist spitze, ein Spit­zentyp.

Moggi: Kann sein, aber Mic­colis Tor war regulär.

Pai­retto: Nein.

Moggi: Doch, es war regulär. Das ganze Spiel war ein Desaster. Ich muss das Rück­spiel sicherer machen, ver­stehst du? Mit einem Schiri wie Fandel wird das schwer, das kapierst du doch?

Moggi ver­langte letzt­lich einen Unpar­tei­ischen namens Pieri. Und bekam ihn auch. Juve gewann das Rück­spiel locker mit 4:1 und schaffte den Sprung in die Grup­pen­phase.

Bleibt die Frage: Wie schaffte es dieser Mann mit dem gewal­tigen Ein­fluss über so viele Jahre hinweg die Geschicke im natio­nalen und inter­na­tio­nalen Fuß­ball so sou­verän zu lenken, wie ein Gaukler seine Puppen? Und vor allem: Wie konnte er damit so lange unbe­hel­ligt durch­kommen, in einem Land das sich zu Recht einen funk­tio­nie­renden Rechts­staat nennen darf?

»Wir haben ein spe­zi­elles Ver­hältnis zum Gesetz«

In seinem zwei­tei­ligen Bericht für den »Guar­dian« zitiert der Jour­na­list Jason Burke Pro­fessor Andrea Man­zella, einen Juristen und Poli­tiker: »Das System Moggi ist eine sehr ita­lie­ni­sche Geschichte. Hier in Ita­lien haben wir ein sehr spe­zi­elles Ver­hältnis zum Gesetz. Du brichst das Gesetz nicht, aber du hältst dich auch nicht wirk­lich daran. Moggi hat für etwas, dass ihm sehr wichtig war, ver­sucht Schlechtes zu ver­hin­dern und gleich­zeitig Gutes mög­lich zu machen. Das ist sehr ita­lie­nisch. Und je mehr Freunde du hast, desto besser kannst du deine Ziele auch errei­chen.«


Und Freunde, jeden­falls solche, die einem dann und wann kleine und große Gefäl­lig­keiten erweisen, hatte Moggi auf dem Höhe­punkt seiner Macht zur Genüge. Wie den berühmten TV-Jour­na­listen Fabio Baldes, ein ehe­ma­liger Spit­zen­schieds­richter, der nach dem Ende seiner pfei­fenden Lauf­bahn 1998 die Mode­ra­tion der Sen­dung »Il pro­cesso« über­nommen hatte – die wich­tigste Fuß­ball-Show des Landes. Es exis­tieren heim­lich mit­ge­schnit­tene Tele­fo­nate zwi­schen Moggi und Baldes, in dem die beiden den Ver­lauf der fol­genden Sen­dungen bespra­chen. »Hör zu Luciano, heute haben wir nicht viel«, spricht Baldes am 18. Oktober 2005 ins Telefon, »nur Rodo­monti. Ist es ok, wenn wir ihn in der Sen­dung schlecht dastehen lassen? Natür­lich nur, wenn du willst…« Natür­lich wollte Moggi und Schieds­richter Rodo­monti, der die Partie zwi­schen Cagliari und dem AC Mai­land geleitet hatte, wurde anschlie­ßend bei »Il pro­cesso« ordent­lich in die Mangel genommen. Das System der kurzen Wege und kleinen Schön­heits­ope­ra­tionen.

Im Juni 2006 stürzte sich Pes­sotto aus einem Fenster

Im Früh­jahr 2006, die Vor­be­rei­tungen auf die WM in Deutsch­land liefen bereits, druckten die ersten ita­lie­ni­schen Zei­tungen Aus­züge aus den abge­hörten Gesprä­chen zwi­schen Moggi und Pai­retto ab. Sechs Tage später trat Franco Car­raro, der Prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Fuß­ball-Ver­bandes FIGC im Zuge des sich anbah­nendes Skan­dals von seinem Posten zurück. Und am 27. Juni, Ita­lien war in Deutsch­land gerade dabei den ersten WM-Titel seit 1982 zu gewinnen, stürzte sich Gian­luca Pes­sotto mit zwei Rosen­kränzen in der Hand aus dem Fenster der Juve-Zen­trale. Schwer ver­letzt über­lebte der neue Juve-Direktor und ehe­ma­lige Natio­nal­spieler seinen Selbst­mord­ver­such. Das System Moggi war nur haar­scharf an seinem ersten Toten vor­bei­ge­schrammt. Was genau Pes­sotto zum Sprung in die Tiefe zwang, ist bis heute nicht geklärt. Tief erschüt­tert ver­spra­chen die ehe­ma­ligen Mit­spieler aus der »Squaddra Azzurra« den WM-Pokal für Pes­sotto zu gewinnen – und schafften das tat­säch­lich am 9. Juli in Berlin gegen Frank­reich.

Ita­liens Jubel dau­erte nicht lange. Fünf Tage später, am 14. Juli, urteilte das Sport­ge­richt des ita­lie­ni­schen Ver­bandes über Moggi, Juve und Kon­sorten. Dem ehe­ma­ligen Mana­gers des größten Klubs des Landes wurden unter anderem Ver­wick­lungen in »mafia-ähn­li­chen Struk­turen« vor­ge­worfen. Das trifft es wohl am besten. Die hei­mi­sche Presse hatte schnell einen knal­ligen Namen für den so undurch­sich­tigen Mani­pu­la­ti­ons­skandal gefunden: »Mog­gio­poli« – »Mog­gi­gate«.

»Ich möchte zurück zu Napoli!«

Vier der fünf Jahre Berufs­verbot für Luciano Moggi, sind bereits ver­gangen. Die alten Kon­takte hat Moggi in dieser Zeit wei­terhin lie­be­voll gepflegt, die Ver­bin­dungen sind intakt. Und in Ita­lien scheinen sie ihn, dessen Ver­gehen so »ita­lie­nisch« war, schon längst wieder ver­ziehen zu haben. Moggi ist ein gern gese­hener Gast in den vielen bunten TV-Sen­dungen des Landes, Inter­views mit ihm ver­spre­chen zumin­dest nicht lang­weilig zu werden. Jetzt, knapp zwölf Monate vor dem Ablauf der Sperre, bringt sich »Lucky Luciano« wieder ins Gespräch des großen und so viel­fäl­tigen Uni­ver­sums des ita­lie­ni­schen Fuß­balls. »Ich möchte zurück zu Napoli«, gestand Moggi der Zei­tung »Il Mat­tino«, »de Lau­ren­tiis ist ein toller Prä­si­dent und wir könnten den Klub wieder auf Erfolg pro­gram­mieren. So wie mein Napoli damals mit Diego Mara­dona.«

Das einzig wirk­lich Schlimme an dieser Geschichte ist die Tat­sache, dass bis­lang noch kein Napoli-Fan ver­sucht hat Luciano Moggi mit einem Plas­tik­penis die dummen Ideen raus­zu­prü­geln. Er wird wie­der­kommen. Und arbeiten. Und mani­pu­lieren. Und ganz sicher eine Menge tele­fo­nieren.