Moritz Gro­bo­v­schek, nachdem Red Bull 2005 den Klub Aus­tria Salz­burg über­nommen hatte, grün­deten Sie mit Bekannten und Freunden eine neue Aus­tria. Inwie­fern waren die Vor­aus­set­zungen in Leipzig ab 2009 eigent­lich andere als in Salz­burg?
Aus den unan­ge­nehmen Erfah­rungen in Salz­burg hatten die Red-Bull-Granden sicher gelernt. Sie wollten das von Anfang an ele­ganter machen. Für mich war es kein Zufall, dass man sich für das nächste Pro­jekt eine ost­deut­sche Groß­stadt aus­suchte. So wird vielen Men­schen sug­ge­riert, nun Teil von etwas Bes­serem zu werden. Sie können sich über die erfolgs­ver­spre­chende Marke defi­nieren. Etwa so wie damals in Rom der Circus Maximus oder ähn­liche Stätten.
 
Das klingt über­spitzt.
Über­spitzt ist das Brot und Spiele, nicht mehr und nicht weniger! Und dass die beiden anderen ehe­mals großen Klubs Leip­zigs von der medialen Bild­fläche ver­schwunden sind, ist kein Nach­teil. Somit hatte Red Bull in Leipzig grund­sätz­lich bes­sere Vor­aus­set­zungen als in Öster­reich. Aller­dings gibt es in Deutsch­land kri­ti­schere Medien und offen­sicht­lich auch eine einen kri­ti­scheren Ver­band. Die DFL agiert jeden­falls nicht wie öster­rei­chi­sche Bun­des­liga. Hier ist es mög­lich, dass der FC Lie­fe­ring in der zweiten Liga als quasi ein­ziges Farm­team eines Erst­li­gisten spielt – näm­lich von Red Bull Salz­burg. Des­wegen darf der Klub auch nicht auf­steigen.
 
RB Leipzig und Diet­rich Mate­schitz wehren sich momentan dagegen, die Auf­lagen der DFL zu erfüllen. Was denken Sie über das Pro­jekt in Leipzig?
Per­sön­lich hoffe ich natür­lich, dass das Pro­jekt schei­tert. Wie manche fuß­ball­lie­bende Öster­rei­cher bin ich aller­dings nicht der Mei­nung, dass die Gefahr gebannt ist, nur weil dann weniger Geld nach Salz­burg fließt. Das ist Humbug! Denn das System ist die Gefahr und bringt den Fuß­ball in Verruf.
 
Warum?
Weil die Iden­tität des Ursprunges nichts mehr zählt. Da nehme ich jetzt einmal den Begriff Tra­di­tion raus, und betone Dinge wie Bezug, Ent­ste­hung, Umfeld eines Ver­eins und die sich daraus ent­wi­ckelnden soziale Kul­turen. Gene­rell zeigt sich in Leipzig die uneh­ren­haf­teste Vari­ante der Ver­rot­tung des Fuß­ball­stils. Dort wurde nicht einmal wie in Hof­fen­heim – was schon sehr grenz­wertig ist – ein Klub von ganz unten auf­ge­baut. Zwar auch als Spiel­zeug, aber zumin­dest hinter der Marke und nicht für, durch und unter der Marke. Ver­ein­facht gesagt, ob der Klub jetzt in Leipzig, Moskau, Dakar oder Peking spielt, ist egal. Fazit: Wir spre­chen von einer glo­balen Miss­ge­burt, die durch viel, viel Geld ein Teil des beau­tiful game“ werden soll.
 
Spre­chen wir von Ihren eigenen Erfah­rungen: Anfang 2005 machte erst­mals das Gerücht die Runde, dass die Firma Red Bull bei Aus­tria Salz­burg ein­steigt. Wie war Ihre erste Reak­tion?
Ich war zunächst über­rascht, denn wir alle kannten die Fir­men­his­torie von Red Bull. Diet­rich Mate­schitz hatte über Jahre beteuert, dass er sich aus­schließ­lich für Extrem­sport­arten inter­es­siere. Der Fuß­ball, so sagte er, sei ein abso­lutes No Go“.
 
Sie waren also auch skep­tisch?
Nein, im Gegen­teil: Anfangs herrschte bei fast allen Fans eine große Euphorie vor. Die Aus­tria plagten fast durch­ge­hend – Aus­nahme die Cham­pions-Teil­nahme 1993/94 und die Fol­ge­jahre – zwei Jahr­zehnte Finanz­pro­bleme. Sogar in Zeiten des sport­li­chen Erfolgs stand der Klub kurz vor dem Ruin. Ich erin­nere mich noch, wie wir 1994 das Uefa-Cup-Finale erreichten: End­lich, dachte ich, fließt etwas Geld in die Kassen. In Wahr­heit standen schon ab dem Ach­tel­fi­nale zahl­reiche Gläu­biger hinter den Kas­sen­häus­chen und schich­teten die Ein­nahmen noch am Abend in ihre Geld­kassen um. Als dann Red Bull auf den Plan trat, dachten wir nur: End­lich geht es auf Dauer auf­wärts.
 
Es ging tat­säch­lich auf­wärts. Red Bull Salz­burg ist in den ver­gan­genen sieben Jahren fünf Mal Meister geworden.
Bleiben wir im Sommer 2005. Denn da stellte sich recht schnell heraus, wel­ches Spiel die Brau­se­firma treibt. Es fing damit an, dass sie den Namen des Klubs von Aus­tria Salz­burg in Red Bull Salz­burg änderte…
 
Aller­dings trug der Klub bereits seit 1973 Spon­so­ren­namen im Titel. Mal hieß er SV Wüs­tenrot Salz­burg, mal SV Casino Salz­burg. Was störte Sie daran?
Der Name wäre in der Tat noch zu ver­schmerzen gewesen. Aller­dings wurden auch das Logo und die Ver­eins­farben geän­dert. Das Wappen schmückten fortan die Bullen des Fir­men­logos, das tra­di­tio­nelle Vio­lett-Weiß wurde durch ein Rot-Gelb ersetzt. Als die Mann­schaft die Tri­kots prä­sen­tierte, dachten viele Fans, das sei ein Scherz oder ein Ver­sehen. Doch bald mussten wir rea­li­sieren, dass die Firma nicht gekommen war, um als Sponsor einen Fuß­ball­klub zu unter­stützen, sie wollte den Klub kom­plett über­nehmen. Mit allem, was dazu gehört. Er sollte ihr Mar­ke­ting-Tool werden.

Wie ver­liefen denn die Über­nah­me­ge­spräche mit Diet­rich Mate­schitz?
Mit dem haben wir nie per­sön­lich gespro­chen. Ich habe ihn im Sommer 2005 nur ein ein­ziges Mal zu Gesicht bekommen. Damals saßen wir in einem Kon­fe­renz­zimmer der Red-Bull-Zen­trale, Hangar 7, und unter­hielten uns mit seinem Adlatus Danny Bahar über die Tri­kot­farben. Auf einmal öff­nete sich die Tür und herein schaute Mate­schitz mit junger weib­li­cher Beglei­tung. Pardon“, sagte er. Fal­sche Tür!“ Dem war das alles herz­lich egal. Der wusste ver­mut­lich nicht mal, wer wir waren oder warum wir da waren.
 
Und Danny Bahar? War der kom­pro­miss­be­reit?
Nicht wirk­lich. Einmal schlug er vor, dass die Spieler in vio­letten Stutzen auf­laufen könnten. Oder dass man das Aus­rüster-Logo vio­lett ein­färben könnte. Es war ein Schlag ins Gesicht der Fans. In Wahr­heit setzte der sich mit uns nur an einen Tisch, um nach außen Kom­pro­miss­be­reit­schaft zu demons­trieren. Sein Motto: Lasst die Emo­tionen aus dem Spiel!“ Ein Satz, der in Wirt­schafts­e­tagen sicher häu­figer fällt. Aller­dings ein aber­wit­ziger Satz im Fuß­ball.
 
Wie reagierten die alten Anhänger denn?
Nach den Alibi-Zuge­ständ­nissen kam es zur Grün­dung der basis­de­mo­kra­ti­schen Initiatve Vio­lett-Weiß“, zugleich erlebten wir eine rie­sige Soli­da­ri­täts­welle. Sogar die Fans von Rapid Wien zollten uns Respekt. Viele über­re­gio­nale Zei­tungen berich­teten über den Kon­flikt, und der TV-Sender Arte orga­ni­sierte eine Dis­kus­si­ons­runde, in der Daniel Cohn-Bendit und ich über die Kom­mer­zia­li­sie­rung im Fuß­ball spra­chen. Es half alles nichts. Am 3. Juni 2005 wurde der FC Red Bull Salz­burg neu kon­sti­tu­iert.
 
Viele Fuß­ball­fans würden Ihnen vor­werfen, ein unbe­lehr­barer Fuß­ball­ro­man­tiker zu sein. Was ant­worten Sie?
Man muss kein Fuß­ball­ro­man­tiker sein, um eine Ent­wick­lung wie die in Salz­burg zu kri­ti­sieren. Es ging hier ja nicht um einen gewöhn­li­chen Sponsor, nicht mal um einen Mäzen mit dickem Geld­beutel. Es ging einzig und allein um eine Marke, die sich mit Kalkül einen bestehenden und dar­benden Fuß­ball­verein suchte, um direkt in den Pro­fi­fuß­ball zu gelangen. Alles, was war, inter­es­sierte diese Firma einen Scheiß­dreck. So lau­tete die Losung an jenem 3. Juni 2005 ja auch: Keine Kom­pro­misse. Das ist ein neuer Klub. Es gibt keine Tra­di­tion, es gibt keine Geschichte, es gibt kein Archiv.“ So kann man viel­leicht im Motor­sport, Extreme-Bungee-Jum­ping oder bei Events wie Manny Mania argu­men­tieren, aber im Fuß­ball? Mit Ver­laub, aber das ist dann nicht mehr meine Welt.
 
Trainer Kurt Jara sagte in jenen Tagen: Wenn’s die Fans stört, sollen sie doch einen neuen Verein gründen.“
So blöd der Spruch damals ankam, er hatte ja Recht. In der Tra­di­tion eines Ver­eins wie AFC Wim­bledon grün­deten wir einen neuen Klub mit altem Namen und alten Farben: den SV Aus­tria Salz­burg.
 
Der Fir­men­sitz von Red Bull ist nur einen Stein­wurf von Ihrem Sta­dion ent­fernt. Was denken Sie heute, wenn Sie rüber gucken?
Im Nach­hinein muss ich sagen: Wir waren damals viel zu ruhig, zu lieb. Es ärgert mich heute noch sehr, dass wir uns damals nicht radi­kaler gewehrt haben. Soft­liner“ von damals, die diesen Kurs for­cierten, haben bald danach der Aus­tria eh den Rücken gekehrt. Wäre der sport­liche Erfolg nicht erst nach circa zehn Runden ein­ge­kehrt, wäre der ganze Pro­test noch mehr unter­ge­gangen. Wir haben die ganze Causa bis in den Herbst 2005 ver­schleppt. Bei anderen Tra­di­ti­ons­klubs wäre es nie mög­lich gewesen, dass ein Unter­nehmen über Nacht einen Verein nie­der­walzt. Die Fans wären da hin gefahren und hätten Ram­bazamba gemacht. Das Schlimme ist auch der aktu­elle Status: Seit einigen Jahren kon­zen­triert sich Red Bull weniger auf Salz­burg, denn der Erfolg kam nicht so schnell und massiv wie erhofft. Auch ist das Zuschauer- und Medi­en­in­ter­esse an diesem Pro­jekt sin­kend. Die Unter­neh­mens­füh­rung hatte eigent­lich längst ein neues Lieb­lings­pro­jekt aus­ge­geben: RB Leipzig.