Spiele unseres Lebens

Im neuen 11FREUNDE-SPE­ZIAL Spiele unseres Lebens“ erzählen wir von ver­ges­senen Kra­chern und epi­schen Schlachten. Zur Ein­stim­mung erzählen hier 10 Euro­pa­pokal-Helden von ihren größten Momenten. Und von bit­teren Ent­täu­schungen. Das Heft gibt es ab Don­nerstag, dem 03.09. im Kiosk. Oder direkt bei uns im Shop.

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Die Krö­nung meiner Kar­riere“

Zinedine Zidane über Real Madrid — Bayer Leverkusen 2:1 (Glasgow, 2002)

Ich war bereits zwei Mal mit Juventus Turin im End­spiel der Cham­pions League geschei­tert: 1997 gegen Borussia Dort­mund und 1998 gegen Real Madrid. Juve hätte den Pokal über kurz oder lang gewinnen können, aber ich war schon Ende zwanzig, mir lief die Zeit davon. Des­halb konnte und wollte ich nicht auf die nächste Chance mit diesem Klub warten. Die Aus­sichten auf einen Tri­umph, die Krö­nung meiner Kar­riere, schien mir bei Real Madrid ange­sichts des galak­ti­schen Kaders mit Raul, Figo und Roberto Carlos noch einmal wesent­lich besser – das war der Grund, wes­halb ich 2001 dorthin wech­selte.

Glück­li­cher­weise musste ich nicht lange auf den großen Tag warten: Wir konnten die Cham­pions League gleich in meiner ersten Saison in Spa­nien gewinnen. Durch ein Tor von mir, das einem Fuß­ball­spieler auf diese Weise zwei­fellos nur einmal im Leben gelingt. Und mir gelang es im Cham­pions-League-Finale gegen Bayer Lever­kusen. Gutes Timing.

Dieses 2:1 fiel in der 45. Minute. Ich erin­nere mich nicht da­ran, dass ich vor dem Vol­ley­schuss viel nach­ge­dacht hätte. Ro­berto Carlos hatte eine ziem­lich hohe Flanke von links an die Straf­raum­grenze geschlagen. Es war ein Auto­ma­tismus, reine Intui­tion, dass ich mich so gut wie mög­lich zum Ball stellte und meinen Körper in eine per­fekte Hal­tung brachte. So hatte ich es tau­sende Male geübt. Dann nahm ich den Ball, wie er auf mich zukam, mit links aus der Luft, und drin war er. Ein sehr schönes Tor, bei aller Beschei­den­heit.

Später, in Spielen der spa­ni­schen Liga und anderen Wett­be­werben, ver­suchte ich, diesen Schuss zu kopieren – doch kein ein­ziges Mal ging je wieder rein. Aber geschenkt: Alles, was zählt, ist doch, dass er bei diesem einen Mal rein­ging. Es war, was ich mir erhofft hatte, als ich von Juventus Turin zu Real Madrid wech­selte: Die Krö­nung meiner Kar­riere.

Wir hofften auf einen dre­ckigen Sieg“

Peter Shilton über Nottingham Forest — Hamburger SV 1:0 (Madrid, 1980)

Uns gelang das Kunst­stück, den Lan­des­meis­ter­pokal zu ver­tei­digen – und das gerade mal zwei Jahre nach unserem Auf­stieg in die erste eng­li­sche Liga. Aber um ehr­lich zu sein: Ein ver­dienter Sieger waren wir im zweiten Finale nicht. Wir machten ein schnelles Tor, John Robertson traf nach 19 Minuten, und igelten uns in der eigenen Hälfte ein. Wir waren müde von den beiden irren Jahren, hatten nun auch schon wieder fast 60 Sai­son­spiele in den Kno­chen – und dann auch noch dieses anstren­gende Finale gegen die kon­di­ti­ons­starken Ham­burger. Also hofften wir auf einen dre­ckigen Sieg. Und hatten Glück.

Ich hielt unseren Kasten sauber. Peter Taylor, der Assis­tent unseres Trai­ners Brian Clough, pflegte zu sagen: Shilton gewinnt Spiele.“ Schon in meiner Jugend­zeit in Lei­cester hatte er hinter der Bande gestanden und mich beob­achtet. Er war selbst Tor­wart gewesen, nie berühmt, aber er hatte ein gutes Auge für Keeper. Dass ich Spiele allein gewinnen könnte, war natür­lich über­trieben. Aber nun, dieses eine Mal mag er viel­leicht Recht gehabt haben.

Nicht Gott hielt den Elfer, es war Dudek“

Rafael Benitez über FC Liverpool — AC Mailand 3:3 n.V. / 3:2 i.E. (Istanbul, 2005)

Wenn man gegen den AC Mai­land bereits zur Halb­zeit mit 0:3 hinten liegt, doch noch den Aus­gleich schafft und schließ­lich im Elf­me­ter­schießen das Spiel gewinnt – dann sieht das, von außen betrachtet, viel­leicht so aus, als hätte eine höhere Macht Ein­fluss genommen. Ich danke dem lieben Gott natür­lich für diesen Titel. Aber er hat ver­mut­lich Wich­ti­geres zu tun, als sich aktiv in Fuß­ball­spiele ein­zu­mi­schen. Nicht er hat Schewt­schenkos Elf­meter gehalten. Es war Jerzy Dudek. 

Meinen elf Jungs, die beim Stand von 0:3 in die zweite Halb­zeit gingen, um das Unmög­liche doch noch mög­lich zu machen, habe ich vor allem zwei Dinge mit auf den Weg gegeben. Ers­tens: Egal wie das hier endet, wir sind es unseren Fans schuldig, dass wir kämpfen bis zum Umfallen. Zwei­tens: Wenn wir gleich nach Wie­der­an­pfiff das 1:3 schießen, können wir noch einmal zurück­kommen. Ja, ich war tat­säch­lich noch immer hoff­nungs­froh. Ohnehin tue ich nie­mals opti­mis­ti­scher, als ich in diesem Moment wirk­lich bin. Viele Leute denken, ein Fuß­ball­trainer sei ein ver­kappter Schau­spieler. Aber das ist voll­kommen falsch. Natür­lich muss er seine Bot­schaft mit Lei­den­schaft rüber­bringen, aber diese Bot­schaft muss authen­tisch sein.

Vor allem Dietmar Hamann, der alte Rou­ti­nier, hätte mich natür­lich sofort durch­schaut. Ich brachte ihn für den ange­schla­genen Steve Finnan ins Spiel. Didi war damals schon ein Opa, er hatte keine Puste mehr für eine ganze Saison. Aber für diesen einen großen Auf­tritt pro Jahr war er immer noch gut. Ich wusste, dass dieser Moment nun gekommen war. Und ich hatte recht: Didi hat dieses Spiel mit­ent­schieden, nicht nur weil er später den ersten Elf­meter ver­wan­delte. Wie er die Bälle eroberte und ver­teilte! Oh, Didi! Ich denke so gern an ihn zurück.

Inner­halb von sechs Minuten gli­chen Steven Ger­rard, unser fan­tas­ti­scher Kapitän, Vla­dimir Smicer und Xabi Alonso das Spiel aus. 3:3! All das, was in dieser magi­schen zweiten Halb­zeit geschah, lief vor mir ab wie ein Film. Ein span­nender Film, auf den man sich total kon­zen­triert. Ich bin da ein biss­chen wie ihr Deut­schen: immer etwas distan­ziert, beob­ach­tend, ana­ly­tisch. Andern­falls wäre ich wahr­schein­lich umge­kippt. Allein der letzte Elf­meter von Schewt­schenko, den Dudek parierte: Wie in diesem Moment die Welt in zwei Teile zer­brach, in Freude und Leid – das gibt es nur im Fuß­ball. In sol­chen Momenten merkst du, dass du lebst. Schewt­schenko lief an, und mein Geist öff­nete sich für alles, was mög­lich war. Mehr kann ein Mensch nicht emp­finden.

Womit ich nicht die Emo­tionen rela­ti­vieren will, die uns bei unserer Rück­kehr nach Liver­pool ent­ge­gen­schlugen: Als ich vom Bus aus die Aber­tau­senden von Fans sah, die die Straßen säumten, wurde mir – Distanz hin, Distanz her – doch schwin­delig. Da wurde mir klar, dass wir etwas His­to­ri­sches geschaffen hatten. Für uns. Für die Stadt. Für die Geschichte des Fuß­balls.