Spiele unseres Lebens

Im neuen 11FREUNDE-SPE­ZIAL Spiele unseres Lebens“ erzählen wir von ver­ges­senen Kra­chern und epi­schen Schlachten. Zur Ein­stim­mung erzählen hier ver­schie­dene Euro­pa­pokal-Helden von ihren größten Momenten. Und von bit­teren Ent­täu­schungen. Das Heft gibt es ab Don­nerstag, dem 03.09. im Kiosk. Oder direkt bei uns im Shop.

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In der Kabine herrschte Stille“

Bodo Illgner über Real Madrid — Juventus Turin 1:0 (Amsterdam, 1998)

Unsere Mann­schaft war eine Ansamm­lung von Stars. Mija­tovic, Suker, Kar­embeu, See­dorf, Redondo – alles große Namen damals. Dazu die jungen Raul und Mori­entes. Unser Trumpf war aber der unbe­dingte Wille. Ich erin­nere mich gut daran, wie wir wenige Tage vor dem Finale ein Liga­spiel in den Sand setzten. Plötz­lich stand Chendo in der Kabine auf und wusch uns allen den Kopf. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, seine Kar­riere war so gut wie zu Ende. Sein ganzes Leben hatte er für Real gespielt und ver­geb­lich ver­sucht, den Euro­pa­pokal zu gewinnen. Davon sprach er und von der ein­ma­ligen Chance, die wir nun hätten. Viel­leicht würde so eine Gele­gen­heit nie wieder kommen. Mehr musste er nicht sagen.

Das Finale gingen wir unheim­lich kon­zen­triert an. In der Kabine herrschte vor dem Spiel Stille, auch ich war wie immer ganz ruhig. Die großen Spiele ging ich genauso so an wie die kleinen. Wenn man über die Bedeu­tung so eines Finales nach­denkt, wird man auto­ma­tisch nervös. Das wäre Gift für die eigene Mann­schaft. Dem Gegner kann man ja was vor­ma­chen, den Mit­spie­lern nicht. Im Kabi­nen­gang gehen dann die Psy­cho­spiel­chen los. Jeder hat da so seine eigene Marotte. Ich habe mich immer groß gemacht. Rücken durch­ge­drückt, Schul­tern gerade, Brust raus. Auch die Ita­liener sollten ruhig sehen, was ihnen blüht, wenn sie mir zu nahe kämen. Die Spieler checkte ich immer gleich ab. Wenn einer über­mäßig auf seinem Kau­gummi her­um­kaute oder sich zu locker gab, war das ein Zei­chen von Ner­vo­sität.

Obwohl es ein Finale ita­lie­ni­scher Art mit wenigen Chancen war, gewannen am Ende wir, die Spa­nier. Für mich war das ein ganz beson­derer Erfolg, gleich­zu­setzen mit dem WM-Titel 1990. Als wir in Ita­lien Welt­meister wurden, war ich noch sehr jung und dachte, so könnte es wei­ter­gehen. Erst als ich acht Jahre auf den nächsten Erfolg warten musste, rea­li­sierte ich, wie schwer die großen Pokale im Fuß­ball zu gewinnen sind.

Wenn ich heute nach Madrid komme, bin ich für die Men­schen immer noch der Cham­pions-League-Sieger. Selbst wenn sie meinen Namen nicht mehr wissen, sagen sie: Du bist doch der Tor­wart de la sep­tima.“ Der Tor­wart des siebten Titels.

Mir ging richtig die Pumpe“

Franz Hasil über Feyenoord Rotterdam — Celtic Glasgow 2:1 n.V. (Mailand, 1970)

Vier Tage vor dem End­spiel quar­tierten wir uns am Comer See ein. Die Stim­mung wurde von Tag zu Tag ange­spannter. Das ist das Schlimmste an so einem großen Spiel: Die Zeit, bevor du end­lich auf dem Platz gegen den Ball treten darfst. Trainer Ernst Happel fuhr unser Trai­ning runter, ledig­lich leichte Lauf­ein­heiten und Spiele ohne harte Zwei­kämpfe. Einen Tag vor dem Spiel hatten wir zwei Bespre­chungen: In einer refe­rierte Happel kon­se­quent über den Gegner und dessen Stärken. In der zweiten kon­zen­trierte er sich auf uns. Er sagte uns, warum er glaube, dass wir die über­le­gene Mann­schaft seien. Warum wir die bes­seren Spieler, das grö­ßere Poten­tial und die klü­gere Taktik hätten. Er redete ganz ruhig, wie es seine Art war. Er machte uns stark und selbst­be­wusst.

In den Stunden vor dem Finale war ich den­noch unglaub­lich nervös. Ich ver­suchte, mir ein­zu­reden, dass das auch nur ein ganz nor­males Fuß­ball­spiel über 90 Minuten sei, wie ich es schon hun­derte Male absol­viert hatte. Aber das half nichts.

In der Kabine hat jeder seine Marotten. Und vor einem Euro­pa­po­kal­fi­nale werden diese Marotten noch inten­siver aus­ge­lebt. Bei mir musste es immer erst der linke, dann der rechte Schuh sein. Auch die Hose habe ich immer in exakt der­selben Art und Weise ange­zogen. Neben mir saß Wim van Hanegem. Von ihm wussten wir, dass er sich nicht umziehen konnte, bevor seine Stra­ßen­schuhe per­fekt neben­ein­ander abge­stellt waren. An diesem Tag hätte er fast das Mil­li­meter-Maß­band raus­ge­holt.

Als wir end­lich ins San Siro ein­liefen, ging mir richtig die Pumpe. Meine Ner­vo­sität ver­flog erst mit dem ersten Ball­kon­takt. Alle Anspan­nung fiel von mir ab, jetzt war ich wieder der Fuß­baller, der Spiel­ma­cher von Feye­noord Rot­terdam. Unsere Taktik war simpel: Wir wollten Celtic kommen lassen, ins Spiel finden und schließ­lich nach einer halben Stunde die Initia­tive über­nehmen. Doch die Schotten gingen durch ein Tor von Tommy Gemmel nach 29 Minuten in Füh­rung. Zum Glück gelang unserem Kapitän Rinus Israel zwei Minuten später der Aus­gleich. Ich hatte noch eine fan­tas­ti­sche Gele­gen­heit auf dem Schlappen – doch der Ball klatschte gegen den Pfosten. In der Ver­län­ge­rung rannte Celtic-Tor­wart Evan Wil­liams einen unserer Stürmer über den Haufen, ein klarer Elf­meter. Doch der Schiri ent­schied auf Vor­teil, Ove Kind­vall, unser Schwede, reagierte am schnellsten und schoss das ent­schei­dende Tor. Besser so: Ich wäre als Elf­me­ter­schütze vor­ge­sehen gewesen, wer weiß, ob ich den Ball ver­senkt hätte.

Nach dem Schluss­pfiff bra­chen alle Dämme. Ich rannte wie ein Ver­rückter zu unseren Fans, zu meinen Kol­legen und wieder zu den Fans. In der Kabine füllten wir den Pokal mit Cham­pa­gner, doch weil ich keinen Alkohol trinke, begnügte ich mich mit einer Scham­pus­du­sche. Das totale Glück – hier waren wir ihm ganz nah.

Stunden später in unserem Hotel am Comer See nahm mich Happel bei­seite: Komm, Franz, lass uns was trinken gehen.“ So freund­lich hatte er in der gesamten Saison nicht mit mir gespro­chen. Aber das hier war ein beson­derer Moment: Wir waren die neuen Könige von Europa, Trainer, ich trinke doch keinen Alkohol“, sagte ich. Und er: Dann trinkst eben was anderes.“ Ich orderte einen Cap­puc­cino, schließ­lich waren wir doch in Ita­lien. Still leerten wir unsere Getränke. Dann sah mich Happel plötz­lich an und legte mir die Hand auf die Schulter. Franz“, sprach er, heute haben wir etwas Großes geleistet.“ Da wusste ich, dass ich eben den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister gewonnen hatte.