Seite 6: „In Oberhausen ist er bei den Mädels beliebt – was soll er woanders?“

Pokern mit Angelo Vier
Heim­nie­der­lage gegen Wehen-Wies­baden | Der Manager streitet sich mit Spie­ler­be­ra­tern

Angelo Vier, der Berater von Leis­tungs­träger Benny Rei­chert, steht am Trai­nings­platz an der Land­wehr. Prompt ist der Ex-RWO-Profi von alten Kol­legen umringt: Mann­schafts­arzt und Mas­seur fragen nach Zustand von Schulter und Knie. Zwi­schen­durch winkt ihm die füh­rende Geschäfts­stel­len­lei­terin. Und nach dem Trai­ning geht kaum ein Spieler an ihm vorbei, ohne ihn zu begrüßen. 

Das Trai­ner­team ver­weilt etwas länger, macht gute Miene zum geschäf­tigen Spiel. Schließ­lich ist Vier gekommen, um ihnen even­tuell den Kapitän weg­zu­nehmen. Manager Bruns sagt: Ich habe in all den Jahren im Fuß­ball gelernt: Jeder ist zu ersetzen. Aber wenn der Benny gehen würde, würde mich das per­sön­lich treffen.“ Das erste Gespräch mit dem Kapitän haben Bruns und Dietz gemeinsam geführt, beim zweiten sitzen nur Sport­vor­stand und Spieler zusammen. Rei­chert bekommt – ebenso wie die anderen Stützen Fal­ken­berg und Tim Kruse – eine lockere Frist von drei Wochen gesetzt. Solange sei das Ver­trags­an­gebot gültig. 

Dietz hat seine Haus­auf­gaben gemacht, fährt anschlie­ßend in den Urlaub. Doch kurz nach dem Kai­sers­lau­tern-Spiel weiß Rei­chert immer noch nicht, was er machen soll. Tauscht er die Boden­stän­dig­keit und die Freunde, die er in seiner Hei­mat­stadt hat, gegen die sport­liche Per­spek­tive eines anderen, eines auf­stre­benden Zweit­li­gisten? Wohin wech­selt jemand, der mit 25 Jahren den Status eines Charly Körbel besitzt? Und wech­selt er über­haupt? Einer der Bosse sagt zuver­sicht­lich: In Ober­hausen ist er bei den Mädels beliebt, außerdem ist er ein biss­chen faul – was soll er woan­ders?“ 

Und dass Angelo Vier halt gerne etwas pokere. Bruns klagt der­weil bei jeder Gele­gen­heit über sein erhitztes rechtes Ohr. Er spricht täg­lich mit min­des­tens 15 Spie­ler­ver­mitt­lern, kann sich kaum deren Namen merken. Bei den Gesprä­chen erlebt er manche Über­ra­schung: Bevor Fal­ken­berg seine Ent­schei­dung, nach Fürth zu wech­seln, offi­ziell mit­teilt, werden Bruns bereits Nach­folger für ihn ange­boten. Und wenn über diese Gerüch­te­börse bezüg­lich des Augs­burger Stür­mers Imre Szabics ein monat­li­ches Grund­ge­halt von 35 000 Euro kol­por­tiert wird, fragt sich Ober­hau­sens oberster Wer­te­ver­walter schon einmal: Haben die noch alle auf der Latte?“ 

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Jungs, wie habe ich das gemacht? – Mike Ter­ra­nova erzählt den Kol­legen nach dem Klas­sen­er­halt noch einmal anschau­lich, wie er zum 1:0 gegen den SC Frei­burg ein­netzte.

Dominik Asbach

Er rechnet dann gerne schnell zusammen, dass fünf Augs­burger Arbeit­nehmer soviel ver­dienen wie hier der ganze Kader. Wenn ihm etwas in seiner Posi­tion als Manager übel auf­stößt, dann sind das die all­täg­li­chen Unsitten des Trans­fer­ge­schäfts. Gerade hat er eine Schwarze Liste ange­legt. Darauf stehen jene Spie­ler­be­rater, die nicht mehr in Ober­hausen anrufen dürfen. Einer, der dreimal aus dubiosen Gründen abge­sagt hat, um jeweils mit anderen Klubs zu ver­han­deln, und der sich dann – kurz vor dem vierten Termin – von der Auto­bahn mel­dete („Wir sind gerade auf dem Weg zu Werder Bremen“), bekam bereits die volle Breit­seite ver­passt: Jetzt pass mal auf! Egal was pas­siert, auch wenn du Ronald­inho für 5000 Euro im Monat hast, ruf mich nie wieder an!“ 

Im nächsten Jahr soll alles anders werden, radikal anders: Dann wird in Ober­hausen jedem Spieler genau eine ein­zige Offerte unter­breitet, eine klar defi­nierte zeit­liche Frist gesetzt und dann kann sich der Spieler ent­scheiden, ob er bei RWO spielen will oder nicht. Dar­über sind sich Vor­stand und Manager einig. Was kurz nach Bruns’ Wut­aus­bruch ein­tru­delt, ist die Zusage des Kapi­täns. Benny Rei­chert ruft bei Dietz an und wil­ligt end­lich ein. Der Klub ist für ihn an seine mone­tären Grenzen gegangen. Mit Erfolg. Die Zusage kommt gerade recht­zeitig. Der Manager, in dieser Zeit unge­wöhn­lich schnell genervt, hatte näm­lich fast schon wieder den Hörer in der Hand, um dem Kapitän mit­zu­teilen, dass er end­gültig am Ende seiner Geduld sei bei diesem Ver­trags­poker. Selbst wenn ihm das per­sön­lich beson­ders weh getan hätte! Hans Günter Bruns geht es – wie so oft – auch ums Prinzip.

Ich erkenne den Kaya ja gar nicht mehr wieder“

Spiel­ana­lyse bei Turn­vater Jahn
Lug­inger sitzt in seiner Trai­ner­ka­bine. Es ist eine dieser Kabinen, in denen sich früher Schul­klassen umge­zogen haben, bevor es zu den Bun­des­ju­gend­spielen ging, getrennt nach Geschlech­tern. Etwa zehn kleine Jungs oder Mäd­chen mit­samt ihrer Turn­beutel fänden hier Platz. In der Mitte steht ein breiter Schreib­tisch, an der Wand hängt ein Spiel­feld der Firma Top Coach“: mit elf roten und elf gelben Magneten. Eine wei­tere Magnet­wand weist aus, welche Spieler der­zeit im Trai­ning und welche abwe­send oder ver­letzt sind. Der Fern­seher hat höchs­tens ein Fünftel der Maße von Ter­ra­novas Heim­kino und stammt aus einer Zeit, als Bruns noch unter Franz Becken­bauer in der Natio­nalelf auf­lief. Es riecht muffig, wie es in feuchten Umklei­de­ka­binen nun einmal riecht. 

Jeden Tag ziehen sich hier Trainer, Co-Trainer und Tor­wart­trainer gemeinsam um und suchen nach dem absol­vierten Pensum die Nass­zelle auf. Die sport­liche Duft­note, die Lug­inger nach der heu­tigen Dusche auf­ge­legt hat, wirkt wie ein Raum­er­fri­scher. Seine Mann­schaft schien schon gerettet – dann folgte eine kraft­lose Schwä­che­pe­riode, gekrönt von der Heim­nie­der­lage gegen Wehen-Wies­baden, den abge­schla­genen Tabel­len­letzten. Was in diesem Spiel nicht gelang, muss am 33. Spieltag gegen Frei­burg funk­tio­nieren. Die letzten Punkte müssen her. Im abschlie­ßenden Sai­son­spiel geht es nach Mainz! 

Lug­inger ist mit der Spiel­vor­be­rei­tung beschäf­tigt, diesmal sind es vier Flip­charts, mit Filz­stift hand­schrift­lich beschrieben. Inhalt: die geg­ne­ri­sche Mann­schafts­auf­stel­lung, die tak­ti­sche For­ma­tion, Dreier- oder Vie­rer­kette. Bei hünen­haften Gegen­spie­lern ist mit­unter auch die Kör­per­größe aus­ge­wiesen. Ach­tung: kopf­ball­stark. Wer den Trainer einmal beim Ein­richten der ein­zelnen Sta­tionen für ein Zir­kel­trai­ning beob­achtet hat, der weiß, wie akri­bisch er sein kann. Im Trai­nings­lager hatte sein Team den VfB Stutt­gart eine Halb­zeit lang an die Wand gespielt, zur Halb­zeit 2:0 geführt. Es funk­tio­nierte alles, was er in den Tagen zuvor mit der Mann­schaft ein­geübt hatte. 

Erst als am Ende munter aus­ge­wech­selt wurde und Bastürk und Simak die Fäden ziehen konnten, verlor man schließ­lich noch mit 2:3. Nach dem Spiel plauschte er von Jung­trainer zu Jung­trainer mit Markus Babbel, stellte sich dann den Fragen der drei mit­ge­reisten Jour­na­listen. Frage: Es gibt ja viele Trainer, die im Trai­nings­lager lieber ver­lieren…“ Ant­wort: Was sind das für Trainer? Ich will immer gewinnen.“ Einer seiner größten Erfolge in dieser Saison ist, dass er einen Schlüs­sel­spieler zurück in die Spur gebracht hat. 

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Der durs­tige Mann: Wäh­rend im VIP-Zelt bereits gefeiert wird, kämpft Malo­cher Dimi Pappas um 90 Mil­li­liter.

Dominik Asbach

In der Hin­runde hatte er Markus Kaya kurz­zeitig auf die Bank ver­bannt, weil er nicht gut trai­nierte. Kurz vor Sai­son­ende sagt Kaya, ganz geleh­riger Schüler: Ich habe damals ver­standen, dass ich Gas geben muss, dass ich in jedem Trai­ning und in jedem Test­spiel zeigen muss, was ich kann.“ Mitt­ler­weile ist er mit sieben Tref­fern der beste Tor­schütze der Ober­hau­sener.

Er ist der Spieler, der auch im Spiel immer wieder mit den Kol­legen spricht, ihnen wei­ter­hilft, ein Erfolg der kon­tro­versen Mann­schafts­sit­zung nach dem fünften Spieltag. Wäh­rend Ter­ra­nova schreit, um die Mann­schaft zum Erfolg zu bringen, bevor­zugt Kaya mitt­ler­weile die ruhige Ansprache. Ein Erst­liga-Trainer ruft in diesen Tagen ver­wun­dert bei Lug­inger an und sagt: Ich erkenne den Kaya ja gar nicht mehr wieder.“ Ein wei­terer kluger Schachzug von Lug­inger war es, Oliver Adler, einst Kult­spieler in Ober­hausen, als Co-Trainer zurückzuholen.Er gilt intern bald als der beste Psy­cho­loge.