Seite 5: „Ich hätte auch ohne Vertrag gespielt“

Der Natio­nal­spieler
Nie­der­lagen gegen Nürn­berg und Ros­tock | Mit­glie­der­kam­pagne 1904“ startet
Seit zwei­ein­halb Jahren tin­gelt RWO-Ver­tei­diger Timo Uster als Lob­byist durch Ober­hausen. Dietz baut ihn zum Mar­ke­ting­mann auf. Uster macht seinen Job, wie man es von ihm auf dem Platz gewohnt ist: über­legt, kom­pe­tent, intel­li­gent. Im Gespräch streut er zwi­schen­durch ein paar Fach­aus­drücke ein, die den Ein­druck fes­tigen, dass er gut auf­ge­stellt“ ist. Wäh­rend andere Spieler vor allem für die eigene Zeit nach der Kar­riere planen, ist die Per­spek­tive von Uster eng mit dem Klub ver­zahnt. 

Bereits jetzt besitzt er ein eigenes Büro an der Land­wehr, direkt neben dem des Pres­se­spre­chers. Er küm­mert sich um die Mit­glie­der­ver­wal­tung. Wäh­rend Ter­ra­nova und Kaya aus­wärts in der Hotelbar ihr kleines Bier trinken, trifft man Uster alleine in der Lobby. Immer mit dabei: sein Laptop. Ein Kol­lege, der zufällig vorbei schlen­dert, ruft: Timo, lebst du eigent­lich noch? Wir sehen dich gar nicht mehr.“ Uster hat mit 34 Jahren sein Debüt in der zweiten Liga gefeiert, es war ein Geschenk des Him­mels. Dass er noch einmal in dieser Spiel­klasse spielen würde, war so rea­lis­tisch wie Lothar Mat­thäus als Bay­ern­trainer. 

Er outet sich als Jünger der Glau­bens­lehre von Buddha Bruns, ist dankbar, im hohen Fuß­bal­ler­alter noch etwas gelernt zu haben. Wäh­rend er mit Ober­hausen von der vierten in die zweite Liga klet­terte, hat er sich auf ein Aben­teuer ein­ge­lassen. Als Ex-Profi Antoine Hey gam­bi­scher Natio­nal­trainer wurde, klin­gelte bei Uster eines Tages das Telefon. Seine Groß­el­tern stammen aus Gambia. So reiste der Spät­be­ru­fene wäh­rend der Ober­liga-Saison 2006/07 als Nomi­nierter zu zwei Län­der­spielen, nach Luxem­burg und Saudi-Ara­bien. Ein ein­ma­liges Erlebnis, doch wegen der Dop­pel­be­las­tung“ trat er als Natio­nal­spieler im Anschluss an die beiden Spiele gleich wieder zurück. Seine letzte Ver­trags­ver­län­ge­rung hat er mit Dietz münd­lich ver­ein­bart. Nur weil die DFL irgend­wann ein Schrift­stück sehen wollte, wurde das Ganze dann doch noch schrift­lich fixiert. Er sagt: Ich hätte auch ohne Ver­trag gespielt.“ 

Uster arbeitet gerade an einem Gut­schein­heft für RWO-Mit­glieder. Die aktu­elle Mit­glie­der­kam­pagne heißt: Wir geben alles – für 1904 Mit­glieder.“ 1904 ist das Grün­dungs­jahr von Rot-Weiß Ober­hausen. Zuletzt ist die Kam­pagne sehr erfolg­reich gelaufen. Sehr erfolg­reich heißt in Ober­hausen, dass sie 60 neue Mit­glieder brachte. Der aktu­elle Zwi­schen­stand liegt irgendwo zwi­schen 1100 und 1200. Das ist selbst in einer 220 000-Ein­wohner-Stadt reich­lich wenig, wie Uster zugibt. Er gibt sowieso nie­manden, der irgend­wel­chen Uto­pien hin­ter­her­läuft. Er sagt: Irgend­wann werden auch in Ober­hausen die nor­malen Gesetze des Geschäfts greifen.“

54 U0638

Die Lümmel von der letzten Bank: der Mann­schaftsbus als rol­lendes Casino.

Dominik Asbach

Das Kaf­fee­kränz­chen
Der Geschäfts­führer geht von Bord | Trick­se­reien mit der DFL
Das Theater von Hajo Som­mers war früher ein Hal­lenbad. Wo einst vom Becken­rand gesprungen wurde, schwingt der Prä­si­dent heute selbst den Wisch­mopp und besei­tigt die Spuren des Vor­abends. Hinter der Theke hat er bereits Fil­ter­kaffee auf­ge­setzt, als der Manager um zehn Uhr die Bühne betritt. Som­mers und Bruns treffen sich seit zwei­ein­halb Jahren vor jedem Heim­spiel hier im Ebertbad, meis­tens zwei Tage vorher. Die Tages­ord­nungs­punkte lauten: Kaf­fee­trinken unter dem Kron­leuchter, herz­li­ches Läs­tern über Vor­stand und Auf­sichtsrat sowie Spieler in die Pfanne kloppen“. 

Das Treffen ist also das Gegen­teil einer tro­ckenen Sit­zung, ein iro­ni­scher Spruch jagt den nächsten und nichts dringt nach außen. Der Gast­geber nutzt die exklu­sive Gesprächs­si­tua­tion, um etwas über Fuß­ball zu lernen. Er sagt: Raute war für mich eigent­lich immer ein Blatt aus der vierten Klasse.“ Wäh­rend Som­mers groß­zügig Kaffee nach­schenkt, erzählt Bruns vom Spiel auf dem Bet­zen­berg, von Spiel­sys­temen und Jubel­gesten. Som­mers hat heute aber andere Pro­bleme. Es gibt wieder einmal Stress mit den Frank­fur­tern. Die DFL hat den Klub ges­tern ange­schrieben und gebeten, einmal zu erklären, wo denn der Geschäfts­führer abge­blieben sei. Denn RWO-Geschäfts­führer Gerd Kehr­berg hat das Hand­tuch geworfen. Bereits im Februar sagte er: Ich weiß nicht, ob ich hier noch gebraucht werde. Der Klub ver­trägt keine sechs Häupt­linge.“ 

Die Wahr­heit ist: Er hatte nie eine Chance bei RWO. Die Vor­stands­herren sind selbst viel zu sehr ins Tages­ge­schäft ver­wi­ckelt. Wäh­rend der Saison bekommt man zu hören: Wenn du den Kehr­berg fragst, kannst du auch den Platz­wart fragen.“ Der Mann, der ohnehin nur einen Hono­rar­ver­trag als externer Berater besessen hat, widmet sich längst einer neuen Geschäfts­idee. Pünkt­lich zur WM 2010 hat er sich die Lizenz für die Vuvu­zela gesi­chert, die afri­ka­ni­sche Plas­tik­trom­pete. Er wit­tert einen Erfolg ähn­lich wie mit den Deutsch­land-Fähn­chen zur WM 2006, will nicht weniger als zehn Mil­lionen Trom­peten für 27 Länder fer­tigen. Es scheint fast so, als wolle der vor­mals nor­malste RWO-Funk­tionär am Ende doch noch mit seinen schrul­ligen Ex-Kol­legen kon­kur­rieren. Prä­si­dent Som­mers impro­vi­siert. 

Kur­zer­hand wird die Geschäfts­stel­len­lei­terin auf dem Papier beför­dert, zur füh­renden Geschäfts­stel­len­lei­terin“. Ob die DFL diese For­mu­lie­rung schlu­cken wird, steht auf einem anderen Blatt. In Ober­hausen wird jeden­falls kein Geschäfts­führer mehr ein­ge­stellt, zumin­dest solange Som­mers und Kol­legen das Sagen haben. Heute kommen die beiden Kaf­fee­tanten, wie immer in bester Plau­der­laune, plötz­lich auf das Thema, wann die Füh­rungs­crew denn eigent­lich zurück­treten müsse. Som­mers zieht an seiner Selbst­ge­drehten und sagt: Eigent­lich müsste ich genau jetzt auf­hören.“ Bruns schlägt vor: Oder viel­leicht sollten wir nächstes Jahr noch in die erste Liga auf­steigen. Dann haben wir es wirk­lich allen gezeigt, dann hören wir auf!“ Schal­lendes Gelächter.

54 U0961

Nach­hilfe vor jedem Heim­spiel: Hans-Günter Bruns und Hajo Som­mers im Ebertbad.

Dominik Asbach

Der Klub ver­trägt keine sechs Häupt­linge“

Will­kommen in Bennys Biotop!
Benny Rei­chert, der Kapitän von RWO, wohnt in einer ehe­ma­ligen Berg­bau­di­rek­toren-Villa, und äußerst ver­kehrs­günstig. Nur die Konrad-Ade­nauer-Allee trennt das elter­liche Haus von Schloss Ober­hausen, Kai­ser­garten und Sta­dion Nie­der­rhein. Der Sohn ist mitt­ler­weile 25 Jahre alt und lebt immer noch daheim. Seine Hobbys heißen: Fuß­ball, Familie und Coun­ter­strike“. 

Einst reprä­sen­tierte er die Speer­spitze der bun­des­deut­schen Ego-Shooter-Szene, unter dem Pseud­onym Kane“. Sie waren ein Clan damals, wie das unter Elek­tro­sport­lern heißt, welt­weit bekannt, welt­weit unter­wegs. Wenn man in der Saison 2008/09 das hei­me­lige Domizil des Profis betritt, steht man sofort im geräu­migen Wohn­zimmer. Vater Rei­chert liest gerade den Sport­teil der Bild“-Zeitung, Mutter Rei­chert klebt Zei­tungs­ar­tikel in ein Foto­album. Die kleine Bil­der­ga­lerie, die ent­lang der Kel­ler­treppe ange­bracht ist, beginnt mit einem Wer­be­plakat für ein RWO-Match. Motiv: der nackte Hin­tern des Prä­si­denten. Wäh­rend der Kapitän die erste Etage bewohnt, leben zwei Mit­spieler – Bennys Bruder Tim und Kim Fal­ken­berg – in den Gar­ten­hütten, die in ihrer Art an den Bun­galow des Acht­ziger-Jahre-Ermitt­lers Magnum erin­nern. 

Fal­ken­berg, vor der Saison aus Lever­kusen an die Emscher gewech­selt, hat seine Ein-Zimmer-Laube mit Fami­li­en­an­schluss“ gar nicht erst für ein län­geres Bleiben ein­ge­richtet. Ein ein­zelner Bil­der­rahmen mit dem Foto seiner Freundin steht auf der Fens­ter­bank. T‑Shirts und Socken liegen gewa­schen, gefaltet und gesta­pelt auf dem Glas­tisch. Im Ein­gangs­be­reich hängt eine Krei­de­tafel, die an die nächsten Ter­mine bei der Sport­för­der­kom­panie der Bun­des­wehr erin­nert – und an aus­ste­hende Prä­mien aus Lever­kusen. Der U20-Natio­nal­spieler, ein typi­scher Per­spek­tiv­spieler der Marke Bruns, ist im Sommer als Nach­mieter von Dimi Pappas ein­ge­zogen, der eine andere Woh­nung gefunden hat. Pappas wohnt jetzt über dem RWO-Fan-Shop. Der Start­vor­teil für die tem­po­rären Unter­mieter in der Gar­ten­ko­lonie liegen auf der Hand: Wer in der Spieler-WG lebt, ist schneller inte­griert. Rei­chert und Pappas teilten sich sogar den PKW: einen alten Mer­cedes-Benz.