Seite 4: „Man weiß nur das Gehalt von seinen engsten Kumpels“

Unter Tage bei Familie Lan­ders
Das fami­liäre Gefühl, das in Ober­hausen gepflegt wird, hat in einem Fall sogar einen kon­kreten Hin­ter­grund: Marcel Lan­ders trifft bei jedem Trai­ning auf seine Eltern. Die sind keine ehr­gei­zigen Ten­nis­eltern, die den Jungen über­allhin begleiten, son­dern selbst Klub­an­ge­stellte. 1986 hat Schnurr­bart­träger Gert Lan­ders als Jugend­trainer ange­fangen, 1996 wurde er Zeug­wart. Im selben Jahr heu­erte auch seine Frau bei RWO an und wäscht seither die Tri­kots. Sie sagt: Wir waren eh immer an der Land­wehr.“ Bei der Taufe des heu­tigen Zweit­li­ga­ki­ckers Marcel trug der Pastor einen RWO-Schal. 

Das Ehe­paar Lan­ders arbeitet – als wollte man dem Struk­tur­wandel trotzen – unter Tage. Ihr über­schau­bares Zeug­wart­reich schließt sich direkt an die beiden Spie­ler­ka­binen an. Sohn Marcel und Bayer 04-Leih­gabe Kim Fal­ken­berg sitzen nach dem Trai­ning mit am großen Tisch. Zwei Deutsch­land-Kaf­fee­tassen, eine Keks­dose und eine grüne Plas­tik­tisch­decke – fertig ist die Wohl­fühl-Oase. Die Lan­ders sind die guten Seelen an der Land­wehr. Anne Lan­ders sorgt bei den Profis jeder­zeit für einen zünf­tigen Nähr­stoff­haus­halt. Ihre Spe­zia­li­täten sind Fri­ka­dellen, Muf­fins und Waf­feln. 

Hinter den Lan­ders hängen zahl­reiche Fund­sa­chen aus den zurück­lie­genden RWO-Jahren: eine selbst gemalte Ter­ra­nova-Auto­gramm­karte, ein Blitzer-Foto von Pappas im alten Mer­cedes-Benz und – natür­lich – der nackte Hin­tern des Prä­si­denten, eine Szene aus seinem letzten Thea­ter­stück. Tor­wart­trainer Beh­rendt, noch in Unter­wä­sche, trinkt seinen Fil­ter­kaffee aus einem weißen Plas­tik­be­cher. Geho­bener Büro­humor trifft Schre­ber­garten-Gemüt­lich­keit. In dieser Umge­bung kann keine kühle Stim­mung auf­kommen oder gar Grö­ßen­wahn. Wer in die angren­zende Wasch­küche von Anne Lan­ders will, übt sich in Demut. Man muss unter jedem Tür­rahmen in die Knie gehen. Über einem Ein­gang hängt sogar ein Gebots­schild: Esel, duck dich!“ 

Der hin­tere Keller wird als Tro­cken­raum genutzt. Es sieht aus wie in einem U‑Boot: Hei­zungs­rohre laufen kreuz und quer durch den Raum, flan­kiert von unde­fi­nier­baren Arma­turen und Räd­chen, dazwi­schen weiße Polo-Shirts. Dass die Tri­kots kei­nes­falls mit einer schnel­leren Indus­trie­ma­schine gewa­schen werden, son­dern mit einer her­kömm­li­chen Schleuder, ist aus­nahms­weise nicht dem schmalen Budget des Zweit­li­ga­klubs geschuldet. Das stan­des­ge­mäße Modell, mit dem die übrige Bun­des­liga wäscht, ist ein­fach zu groß, um es in die engen Kata­komben zu wuchten.

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Kaf­fee­pause mit Keks­dose: Mutter, Sohn und Vater Lan­ders halten Fami­li­enrat in der Zeug­wartecke.

Dominik Asbach

Von Bushido an die Baby­wiege
Wenn man mit Jürgen Lug­inger zusam­men­sitzt, greift er gerne zur Sta­di­on­zei­tung, ver­weist auf den aktu­ellen Gegner und deutet beim Kader auf die Sparte letzter Verein“. Oft stehen dort dann große Klubs. Bei Julian Lütt­mann steht: Sport­freunde Lotte. Wenn seine Kol­legen unter­ein­ander über Abstau­ber­tore spre­chen, ver­wenden sie wie selbst­ver­ständ­lich den Begriff Lütti-Tor“.

Bei Aus­wärts­spielen und im Trai­nings­lager teilt sich Lütti“ das Zimmer mit Terra“. Er ist der klas­si­sche Ergän­zungs­spieler. Ein Indiz dafür, dass Lütt­mann den­noch ein typi­scher Fuß­baller der Spiel­zeit 2008/09 ist: der rie­sige Chro­no­graf an seinem Hand­ge­lenk, der pro­blemlos auch an einer Zim­mer­wand seinen Zweck als Zeit­aus­kunft erfüllen würde. In der Kabine ten­diert der Neid­faktor dar­über jedoch gegen Null. Kauft sich jemand ein aus­ge­fal­lenes T‑Shirt, das den all­ge­meinen Geschmacks­test besteht, trägt bald auch ein anderer so eines, womög­lich gar das­selbe.

Wer in den Sport­wagen von Lütt­mann steigt, hört Forever Young“ von Bushido und Karel Gott. Wenn das der Fuß­ball­gott wüsste! Der 26-Jäh­rige beherrscht die großen Gesten des Geschäfts: Als er im November den ent­schei­denden Treffer gegen Hansa Ros­tock erzielt, übri­gens explizit kein Lütti-Tor“, ent­scheidet er sich spontan für die Baby­wiege“ als Jubel­geste. Seine Freundin ist schwanger, wie die Kol­legen kurz zuvor bei einem Mann­schafts­abend erfuhren. Lütt­mann ist zum Ende der Hin­runde über­ra­schend RWOs bester Tor­schütze – mit vier Tref­fern. Es läuft also ver­hält­nis­mäßig gut für ihn, aber trotzdem lässt sich auch für ihn nichts Kon­kretes planen.

Schon in der dritten Liga war­tete das Manage­ment von RWO bis zum Früh­jahr, um Lütt­mann eine Ver­trags­ver­län­ge­rung anzu­bieten – für gerade mal ein wei­teres Jahr. Trotz Fami­li­en­zu­wachs bleibt das Paar vor­erst in seiner Zwei­ein­halb-Zimmer-Woh­nung. Wer weiß schon, was noch alles bis Sommer 2009 pas­siert? Solche Gedan­ken­spiele bleiben aber selbst in dieser Mann­schaft, die in Teilen oft sogar noch die Frei­zeit mit­ein­ander ver­bringt, unaus­ge­spro­chen. Über Geld wird in der Kabine nicht gespro­chen, man weiß nur das Gehalt von seinen engsten Kum­pels“, sagt Dimi­trios Pappas.

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Hier putzt der Profi noch selbst (oben): Schuh­pflege nach dem Trai­ning an der Land­wehr.

Dominik Asbach

Dem Fritz nicht sein Wetter
In Kai­sers­lau­tern erst­mals vor über 30 000 Zuschauern | Zur Beloh­nung: Pizza und Bier

Sams­tag­vor­mittag wird an der Land­wehr trai­niert, obwohl das Schild Platz gesperrt“ immer noch her­um­steht. Dann geht es unter die Dusche, anschlie­ßend ins Klub­heim. Das Essen für die Männer im Trai­nings­anzug ist keine Über­ra­schung: Es gibt Nudeln mit Toma­ten­sauce, wie immer. Koh­le­hy­drate, sagt Lug­inger. Zeug­wart Lan­ders hat genauso rou­ti­ne­mäßig den Steck­brief von Schieds­richter Robert Har­mann aus­ge­druckt. Man weiß zwar nicht, wofür es gut ist, dass jetzt alle dessen Hobbys kennen („Wirt­schaft, Lesen, Sport“), aber es wird schon irgendwie helfen. 

Im Mann­schaftsbus sind die Plätze fest ver­teilt: Vorne die Trainer und die Medi­ziner, in der Mitte das lite­ra­ri­sche Duo und hinten die Poker­spieler. Was in der Mitte wirk­lich gelesen wird, hängt von der Tages­form ab. Sören Pirson ver­schlingt The Boys From The Mersey“, ein Buch über die schlag­kräf­tigsten Liver­pool-Fans der sieb­ziger und acht­ziger Jahre. Timo Uster, sonst eigent­lich immer am Laptop, liest auf der Hin­fahrt das Män­ner­ma­gazin Maxim“, die unver­meid­liche Style-Bibel der Profis. 

Ohne Stopp geht es auf den Betze. Die Poker­profis von der Rück­bank hören noch nicht einmal auf zu spielen, als die Stadt­grenze pas­siert wird. Ist ja keine Stadt­be­sich­ti­gung hier! Oder doch? Co-Trainer Oliver Adler sagt kurz vor dem Bet­zen­berg: Jungs, schaut euch das an! Dafür spielt ihr Fuß­ball.“ Kaum im Hotel ange­kommen, schlen­dern Kim Fal­ken­berg und Chris­to­pher Nöthe zur WM-Spiel­stätte rüber. Zurück im Foyer erzählen sie Benny Rei­chert vom Ham­mer­sta­dion“. 

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Im Bauch des U‑Boots: Zeug­wart Gert Lan­ders im Tro­cken­raum in den Kata­komben an der Land­wehr.

Dominik Asbach

Betreuer Helmut Bor­mann ist sogar noch näher dran, er fährt Sonn­tag­früh wie immer vor der Mann­schaft ins Sta­dion, bestückt die fens­ter­lose Kabine mit dem not­wen­digen Gerät. Die Schuhe, ins­ge­samt 36 Paar, reiht er gründ­lich in der Dusche auf. Das Schuh­werk düns­tete sonst den ein­ge­la­gerten Fuß­schweiß dort aus, wo sich die Spieler mental vor­be­reiten sollen. Der 61-jäh­rige Betreuer, der früher als Kon­ditor, Pipe­line-Iso­lierer und Dach­de­cker sein Geld ver­dient hat, sucht sich immer einen Spieler aus, dem er ein paar Kuschel­tiere als Glücks­bringer zukommen lässt. Diesmal trifft es Marcel Lan­ders. 

Später, zurück vor dem Hotel: Bevor der Bus ange­lassen wird, spre­chen etliche Profis noch mit den Liebsten daheim. Bruns schüt­telt den Kopf und sagt: Was für uns immer das Bier am Abend war, ist für die Spieler heut­zu­tage das Handy.“ Die Hin­fahrt zum Sta­dion ist eigent­lich die kür­zeste der Saison, wird aber zur Odyssee. Auf der Fahrt­strecke von zwei Minuten kommt der Bus plötz­lich vom Weg ab, kurvt auf einmal durch das angren­zende Phi­lo­so­phen­viertel, ent­fernt sich zuse­hends weiter vom Sta­dion. Lug­inger schaut immer wieder auf die Uhr, die Stim­mung wird frostig. Als der Bus­fahrer etwas zu seiner Ver­tei­di­gung vor­bringen will, wird er abge­watscht. Der Chef der Maloche“ ruft: Drück auf die Tube, gib Gas!“ 

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Stan­dard­si­tua­tion, auch im Fritz-Walter-Sta­dion: Die Stink­stiefel warten auf ihren Ein­satz.

Dominik Asbach

Drück auf die Tube, gib Gas!“

Mit jeder Minute, die ver­streicht, ohne dass man dem Sta­dion näher kommt, wird das Schweigen im Bus bedroh­li­cher. Man könnte eine Steck­nadel fallen hören. Es gibt einen klaren Zeit­plan, der ein­ge­halten werden muss. Letzt­end­lich braucht man für eine Ent­fer­nung von 700 Metern erstaun­liche 17 Minuten. Irgend­wann hat der Fahrer dann doch die rich­tige Zufahrt gefunden. Die Trai­nings­an­zug­träger stehen vor einem modernen Glas­aufzug, der auch in einem 5‑S­terne-Hotel hängen könnte. 

Pappas betritt etwas ungläubig die Kapsel, in der bereits ein lie­bens­wür­diger Con­cierge wartet. In der zweiten Liga muss man nicht einmal mehr selbst den Knopf drü­cken! Der Mann, der im Jahr 2007 noch in der Ober­liga spielte, wird die vier Stock­werke zur Umkleide hoch­ge­fahren: von Etage ‑4 auf 0. So schnell wie die glä­serne Kabine durch das Innere des Fritz-Walter-Sta­dions schießt, scheinen auch die letzten zwei­ein­halb Jahre ver­gangen zu sein. Bei der Platz­be­ge­hung zückt Thomas Schlieter sein Handy, dreht sich damit einmal um 180 Grad und hält den his­to­ri­schen Ort fest, an dem er erst­mals vor mehr als 30 000 Zuschauern auf­laufen wird. 

Nach dem Spiel, das mit einem beacht­li­chen 1:1 endet, geben sich die Spieler wieder gewohnt boden­ständig, ordern bei einem lokalen Pizza-Taxi einen Mann­schafts­satz Teig­waren. Hinten spielen sie Poker, vorne kreist das Fla­schen­bier. Der Manager hat den größten Durst, sagt vor jeder Bestel­lung zu Betreuer Bor­mann: Helmut, ist Wer­bung!“ Sie fahren ab diesem Wochen­ende etwas kom­for­ta­bler, erst­mals laufen an Bord Pre­miere“ und DSF“. In der Hin­runde schaute man hier noch Filme wie Bal­ler­mann 6“ auf DVD oder hörte die Bun­des­liga-Kon­fe­renz im Radio. Doch der neue Decoder ist irgendwie nicht richtig ein­ge­stellt, wes­halb abwech­selnd Trainer und Mas­seur im Gang stehen, am tech­ni­schen Gerät her­um­fum­meln und dabei wirken, als würden sich Mr. Bean und Buster Keaton als Fern­seh­tech­niker ver­su­chen. Ohne großen Erfolg: Das Bild fällt immer wieder aus. 

Immerhin, der kurze Bericht vom eigenen Spiel ist eini­ger­maßen zu erkennen. Als Ter­ra­nova gezeigt wird, wie er sich nach seinem Tor vor der FCK-Kurve Hörner auf­setzt, lacht der ganze Bus. Eine Stim­mung wie im Samba-Zug. Doch wieder einmal ist es ein Bei­trag, der sich primär am FCK ori­en­tiert. Markus Heppke äußert von hinten Medi­en­kritik: Mensch, jetzt sag doch auch mal etwas über RWO!“