Seite 3: „Ich war zwei Tage hier und wollte nicht mehr weg“

Das Meis­ter­schafts­spiel
Rück­run­den­start: elf Punkte aus fünf Spielen | Der neue Keeper lässt Semmler ver­gessen 
RWO-Tor­wart Sören Pirson gilt als unver­dächtig, irgend­einem fal­schen Gla­mour anzu­hängen. Zum Spiel reist er schon mal mit einer blauen Karstadt“-Plastiktüte an. Beim Inter­view danach schwatzt er der Premiere“-Assistentin die Woll­decke ab: Für meinen Hund“. Ansonsten geht er jeden Mitt­woch zu Conny, die bei der Geburt offen­sicht­lich von Tana Schanzara getrennt wurde. Die Knei­pen­wirtin betreibt Hen­nings Bier­stube“ in Essen-Kray, ein öffent­li­ches Wohn­zimmer in Gel­sen­kir­chener Barock. 

Mitt­woch­abend vor dem Spiel in Kai­sers­lau­tern trifft sich Pirson dort mit seiner neuen Freundin. Sie hat zwei üppige Gyros-Teller in einer weißen Plas­tik­tüte mit­ge­bracht, von der Bude um die Ecke. Das Ein­zige, was jetzt noch fehlt, ist das Besteck. Conny sagt: Sören, hol’s dir hinter der Theke weg, du weißt ja, wo es liegt.“ Wäh­rend RWO wich­tige Punkte für den Klas­sen­er­halt sam­melt, startet Pirson eine zweite Kar­riere. Ende März hat er sich einem anderen Klub ange­schlossen, er ist jetzt Mit­glied der Dart­mann­schaft Ghost­bus­ters IV“. In der gemüt­li­chen Bier­schwemme gibt es auch die Teams Ghost­bus­ters I“, Ghost­bus­ters II“ und Ghost­bus­ters III“. Pirson muss also in der vierten Mann­schaft ran. Irgend­wann musste es ja soweit kommen. Der Schnapper“, wie man hier zum Tor­hüter sagt, ist sowieso ständig in seiner Stamm­kneipe. 

Die heu­tige Ein­heit dauert sogar länger als das Trai­ning an der Land­wehr, von 20 bis 23 Uhr. Gute Pfeile“, sagt er immer wieder bei­läufig. Das ist der gewohnte Gruß unter Dar­tern, ähn­lich dem Gut Holz“ der Kegler. Pir­sons Augen leuchten, wann immer er vom ersten Meis­ter­schafts­spiel“ spricht. Er meint die Begeg­nung am Dienstag, das Heim­spiel von Ghost­bus­ters IV. Der Termin liegt günstig: zwi­schen den Liga-Spielen gegen den 1.FC Kai­sers­lau­tern (Sonntag) und den Club“ aus Nürn­berg (Don­nerstag). Weil er jetzt noch öfter kommt, richtet er sich bei Conny gleich mal ein Spar­fach ein. Nor­male Gäste zahlen pro Besuch fünf Euro ein, Groß­ver­diener müssen zehn ablie­fern. Im Dezember wird das Geld gemeinsam auf den Kopf gehauen, dann steigt in der Kneipe die Party des Jahres. Wäh­rend Schla­ger­barde Olaf Hen­ning singt und ein wei­terer Gast in Jog­ging­hose ein­läuft, sagt der Berufs­sportler glück­lich: Bei Conny inter­es­sierts keinen, ob du Fuß­ball­profi bist oder nicht!“

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Chris­toph Semmler in der Reha: Woan­ders steht der Stamm­tor­wart schneller wieder im Tor.“

Dominik Asbach

Der Was­ser­läufer
Chris­toph Semmler hat nach seinem Kreuz­band­riss die Schat­ten­seiten des Geschäfts erlebt. Er war nur wenige Tage ver­letzt, da infor­mierte ihn schon nie­mand mehr über den Thea­ter­be­such beim Prä­si­denten. Ich wäre schon gerne mit­ge­gangen“, sagt er wäh­rend seines Auf­ent­halts in der Media-Park-Klinik in Köln. Etwa acht Wochen später, im Februar, tritt die kör­per­liche Wie­der­her­stel­lung des Stamm­tor­warts in die nächste Phase.

Um neun Uhr trifft sich Semmler mit Diplom-Sport­wis­sen­schaftler Tobias Dudeck im Kölner Zoll­stockbad. Ein typi­sches Stadtbad, der Chlor­ge­ruch ist kaum aus­zu­halten. Ein paar ältere Semester stehen im Halb­kreis beim Früh­sport zusammen, zwei Bade­meister lang­weilen sich in weißen Plas­tik­stühlen. Beim Aqua-Jog­ging im Sprung­be­cken kämpft ein Bun­des­liga-Tor­wart um seine Gesun­dung, wäh­rend neben ihm alte Frauen auf grünen Schwimm­nu­deln reiten. Der Patient hat jedoch keinen Blick für die begna­deten Körper, er ist nur auf ein Ziel fokus­siert.

Dudeck, sechs Monate lang so etwas wie sein Per­sonal Trainer, sagt, der Sport­stu­dent sei ein wiss­be­gie­riger Streber. Er wün­sche sich, jeder ver­letzte Profi würde ähn­lich für sein Come­back schuften. Er kann es beur­teilen, er hat schon mit Lukas Sin­kie­wicz, Patrick Helmes und Mat­thias Scherz gear­beitet. In jedem Muskel seines Gesichts ist zu erkennen, wie sehr sich Semmler quält. So hart der Mann mit dem blauen Aqua-Jogger-Gürtel kämpft, so wenig scheint er von der Stelle zu kommen. Er schiebt den Unter­kiefer nach vorne, pumpt die Backen auf und beißt auf die Zähne, bis das Gesicht rot anläuft. Eine Bahn von 25 Metern kann die Hölle sein, wenn man nicht vor­wärts kommt.

Für das Pro­be­trai­ning vor dem Come­back, not­wendig für die Kran­ken­ver­si­che­rung, schiebt er Extra­schichten auf einer Bolz­wiese vor dem Sta­dion in Mün­gers­dorf. Doch obwohl er am 28. Spieltag erst­mals wieder auf der Bank sitzt, wird er keinen Ein­satz mehr bekommen. Ob es über­haupt noch einmal ein offenes Duell wird, ist eben­falls frag­lich. Pirson hat sich fest­ge­spielt. Lug­inger lässt via Zei­tungs­in­ter­view mit­teilen, also nicht im per­sön­li­chen Gespräch, dass der Her­aus­for­derer im Kasten bleibt. Dass so etwas nicht unter vier Augen bespro­chen wird, emp­findet man­cher bei RWO als eine Schwäche des Trai­ners, die meisten halten es aber für normal in diesem Geschäft. Semmler akzep­tiert die Spiel­re­geln wider­willig, ver­sucht fortan, sich im Trai­ning anzu­bieten. Er sagt ent­täuscht: Woan­ders steht der Stamm­tor­wart schneller wieder im Tor.“

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Stamm­kneipe in Essen: Ersatz­tor­wart und Tre­sen­fliege Sören Pirson (Ghost­bus­ters IV)

Dominik Asbach

Wer hat schon für Mal­lorca bezahlt, wer nicht?“

Im Wach­turm des H.G. Bruns
Wäh­rend Dietz im sozialen Gefüge unter dem Spitz­namen Der weiße Hai“ fir­miert, hat Manager Bruns in Ober­hausen viele Namen. Die Spieler sagen respekt­voll der Herr Bruns“, man­cher ver­steigt sich zu einem iko­nen­glei­chen H.G. Bruns“, nur Duz­freund Dietz ver­traut auf Günter“. Liebe Kinder haben viele Namen“, sagt ein Sprich­wort. Wenn man den Sport­di­rektor im Februar 2009 in seinem Büro besucht, trifft man eher auf einen treu­sor­genden Groß­vater. 

Ein Stapel von Bewer­bungs­un­ter­lagen liegt auf seinem Schreib­tisch. Bruns küm­mert sich darum, dass die Spieler der U23-Mann­schaft ihre zweite Kar­riere nicht ver­nach­läs­sigen. Der Klub sieht die Kicker nicht als Spe­ku­la­ti­ons­ka­pital, er will Hil­fe­stel­lung geben. Das Kalkül: In der Zeit, in der ihm der Manager einen Prak­ti­kums­platz besorgt, kann sich der Spieler auf den Fuß­ball kon­zen­trieren. Der oberste Pro­jekt­leiter thront in seinem Büro über dem Trai­nings­ge­lände wie auf einem Hoch­sitz. Eigent­lich liegt der Übungs­platz direkt vor seiner Nase, doch die Fens­ter­scheiben haben 35 Jahre auf dem Buckel. Er muss in einen Neben­raum gehen, um wirk­lich etwas zu erkennen. 

Jedesmal, wenn es die Zeit erlaubt, eilt er jedoch nach unten, lehnt sich in vor­ge­beugter Hal­tung auf die Balus­trade und führt dabei einen seiner gestreiften Strick­pull­over spa­zieren. In dem Kabuff hat der pas­sio­nierte Beob­achter tat­säch­lich ein ideales Refu­gium gefunden, fernab von jeg­li­chem Medi­en­ge­töse. Wenn er doch einmal mit dem DSF“ spräche, würde das bestimmt ein häufig geklickter You­tube-Schnipsel. In diesen Tagen wird am Great Bar­rier Reef der ver­meint­lich beste Job der Welt“ ver­geben, als Ranger auf einer Luxus­insel. Unver­ständ­lich für den Manager. Er hat ihn doch längst, den besten Job der Welt. 

Gestört wird er eigent­lich nur, wenn eine der beiden Geschäfts­stel­len­damen seine Deutsch­land-Tasse mit dem Kaffee her­ein­bringt. Dass Bruns die täg­liche Trai­nings­ar­beit manchmal fehlt, sieht man nur daran, dass sein Lei­bes­um­fang wächst. Mit­ar­beiter mun­keln, er habe seit Sai­son­be­ginn über 20 Kilo­gramm zuge­legt. Strahlte er bis­lang nur die Ruhe und Weis­heit eines Bud­dhas aus, so ist er jetzt auf dem besten Weg, diese Rolle auch kör­per­lich aus­zu­füllen. Bruns, der ange­treten ist, den eta­blierten Klubs den Spiegel vor­zu­halten, stellt in dieser Zeit tri­um­phie­rend fest, dass das 3 – 5‑2-System seinen Zweck erfüllt. Er sagt: Einige Gegner können über­haupt nichts mit unserer Spiel­weise anfangen.“

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Wir haben alles – außer Kohle“: Mar­ke­ting in Ober­hausen.

Dominik Asbach

Der Spieler des Monats“
Nie­der­lage in Fürth: Auf­stiegs­träume“ geplatzt | RWO ist jen­seits von Gut und Böse
Es sind genau elf Stufen, die hin­ab­führen in die Kata­komben, in denen sich die Spieler werk­täg­lich umziehen. Wer größer ist als 1,90 Meter, läuft Gefahr, an die Decke zu stoßen. Die Tafel im Flur ist beschmiert: Wer hat schon für Mal­lorca bezahlt, wer nicht?“ Stamm­spieler Embers preist hier mit­tels einer unschein­baren Visi­ten­karte seine Dienste als Ver­si­che­rungs­ver­treter an.

Links und rechts der Tafel befinden sich die Türen der beiden Kabi­nen­räume, in einem hängt eine elek­tri­sche Dart­scheibe aus dem Super­markt. Der Stra­fen­ka­talog auf einem weißen DIN-A4-Zettel stammt noch aus der Saison 2006/07. Und das Pin-Up-Girl, sauber aus­ge­schnitten aus einer Bou­le­vard­zei­tung, schaut mitt­ler­weile auch etwas ver­gilbt aus der Wäsche. Noch schlimmer ist es um die Anti-Doping-Richt­li­nien bestellt. Die hat jemand mit unter die Dusche genommen, das rote Büch­lein ist auf­ge­quollen und es fehlen Seiten.

Wo Ober­hau­sens Kampf­spaten Dimi Pappas sitzt, ist nicht zu über­sehen. Er hat seinen Platz groß­flä­chig tape­ziert: herz­wär­mende Fan­post von Melli („Ich würde dich gerne ein biss­chen näher kennen lernen, viel­leicht bei einem Kaffee oder einer Cola?“), das her­aus­ra­gende Ergebnis der letzten Sprint­tests als Kur­ven­dia­gramm und eine Ehren­ur­kunde, für den Spieler des Monats März 2007“.

Über den Bänken befindet sich rund­herum eine Hut­ab­lage, auf der sich im Laufe der Jahre aller­hand ange­sam­melt hat: Body­builder-Pulver in großen Dosen, Chuck-Norris-DVDs und eine ver­staubte Fla­sche Fürst von Met­ter­nich“. Die Spieler sind meis­tens bereits eine Stunde vor dem Trai­ning in der Kabine und bleiben auch hin­terher gerne noch länger. Dann werden abstruse Pläne geschmiedet, etwa wenn Pappas in die Runde wirft, wie es wohl wäre, eine Cock­tailbar zu eröffnen. Man darf sich den Trash-Talk wie auf einer ewigen Klas­sen­fahrt vor­stellen – und das Team als Kum­pel­truppe. Offen­siv­spieler Markus Heppke, im Januar aus Schalke dazu­ge­stoßen, sagt: Ich war zwei Tage hier und wollte nicht mehr weg.“